Schulden

Gläubiger: Schreckgespenst für 15.000 in Iserlohn und Hemer

Zur Schuldenberatungsstelle der Caritas kommen Menschen, die aus finanzieller Not nicht mehr ein noch aus wissen. „Selbst schuld“ sind sie in den wenigsten Fällen, sagt die Caritas.

Zur Schuldenberatungsstelle der Caritas kommen Menschen, die aus finanzieller Not nicht mehr ein noch aus wissen. „Selbst schuld“ sind sie in den wenigsten Fällen, sagt die Caritas.

Foto: Jennifer Katz

Iserlohn/Hemer.  Immer mehr Menschen landen in der Schuldenfalle, besonders Alleinerziehende, Arbeitslose, Senioren – und Migranten.

Jeder zehnte Deutsche ist überschuldet. In NRW sind es laut einer Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform sogar 11,7 Prozent. Die Caritas verzeichnet in ihrem Jahresbericht insgesamt 333 Haushalte in Iserlohn und Hemer, die bei der Schuldnerberatung der Organisation Hilfe gesucht haben. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn abgeleitet von der Überschuldungsquote ergeben sich bedrückende Zahlen: Etwa 11.000 Personen können demnach allein in Iserlohn ihre Verbindlichkeiten nicht bedienen, der statistische Wert für Hemer liegt bei 4000.

Diese Probleme lassen sich längst nicht mehr totschweigen, konstatiert die Caritas einführend: „Die Ver- und Überschuldung privater Haushalte ist in den letzten drei Jahrzehnten zu einem zentralen Thema geworden, das inzwischen enttabuisiert im Fokus von Politik und Gesellschaft steht.“ Der Trend führt abwärts – 2009 lag die bundesweite Überschuldungsquote noch bei 9 Prozent. Betroffene leiden nicht nur unter den unmittelbaren finanziellen Auswirkungen, viel schwerer wiegen oft soziale Ausgrenzung und psychischer Druck.

Tragische Ereignisse können der Anfang des Problems sein

Letzterer kann auch ursächlich mit dem Schuldenproblem in Zusammenhang stehen, wie der Fall Barbara Körner (Name geändert) zeigt. Die Angestellte eines Pharmakonzerns verdient gut, lebt mit ihrer achtjährigen Tochter in einer großen Wohnung und gönnt sich zweimal im Jahr Urlaub, ohne sich diesen vom Munde abzusparen. Doch als ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben kommt, bricht sie zusammen, verliert ihren Arbeitsplatz, ertränkt ihren Schmerz im Alkohol. Laufende Rechnungen kann sie nicht mehr bezahlen. Erst eine Freundin, der sie sich anvertraut, bringt sie dazu, Hilfe bei einem Therapeuten zu suchen, der sie an die Schuldnerberatung vermittelt.

Ein krasser Einzelfall, der etwas Grundsätzliches verdeutlicht: Auch wenn die Sprache dies nahelegt, sind längst nicht alle Betroffenen „selbst schuld“. Übersteigertes Konsumverhalten oder fahrlässig aufgenommene Kredite stünden selten im Hintergrund, wenn Schuldner die Beratungsstelle aufsuchen, betont die Caritas. An erster Stelle steht demnach Arbeitslosigkeit, die mehr als jeder dritte Ratsuchende als Grund angibt. Knapp 14 Prozent nennen hier eine Trennung oder den Tod des Partners, fast ebenso viele Einkommenseinbußen durch Krankheit oder eine Suchterkrankung. Mehr als 12 Prozent räumen „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ ein, danach zerfasert die Ursachenlage sehr stark.

Der Jahresbericht nennt explizit eine Reihe besonders gefährdeter Gruppen. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme sind es nicht in erster Linie geschiedene oder verwitwete Frauen. Stattdessen sind es neben Arbeitslosen, psychisch Kranken und Suchtkranken drei andere Profile: Alleinerziehende, Senioren und Migranten. Letztere machten im zurückliegenden Jahr ein Fünftel der Ratsuchenden aus, der Anteil steigt seit Jahren. „Ein Großteil der Familien mit Migrationshintergrund kommt aus Herkunftsländern, die weniger von Werbung und Konsum bestimmt sind“, heißt es in dem Abschnitt zu dieser Gruppe. Finanzielle Bildung und Kenntnis marktwirtschaftlicher Abläufe sei oft gering ausgeprägt: „Es fehlt nicht selten an Orientierung, was aus dem großen Warenangebot notwendig, wichtig, wünschenswert und dem Haushaltsbudget angemessen ist.“

Sprachliche Hürden sind ein Risiko für Migranten

Am Beispiel von Sofia Rizzi (Name geändert) zeigt die Caritas auf, wie verheerend sich sprachliche Barrieren auswirken können: Mit ihrer Familie kam die Mutter vor zwei Jahren aus Italien nach Deutschland, da ihr Mann hier Arbeit gefunden hatte. Einer traditionellen Rollenverteilung folgend, kümmert Sofia Rizzi sich um die Erziehung der beiden Kinder und überlässt alle bürokratischen Angelegenheiten ihrem Mann. Das Haus verlässt sie kaum, Briefe kann sie nicht lesen – sie lernt kein Deutsch, weil dazu kein Bedarf besteht, wie sie glaubt. Erst, als sich die Post immer weiter stapelt, bittet sie ihre Schwägerin um Rat und findet heraus: es sind Mahnungen. Ihr Gatte geht in Wirklichkeit schon seit Monaten nicht mehr zur Arbeit, sondern ins Spielkasino. Zuerst aus Scham, um nicht beichten zu müssen, dass er seinen Job verloren hat, dann aus Sucht. Seine Zockerei finanziert er mit er mit einem überaus kurzsichtigen Trick: Er bestellt Mobilfunkverträge mit Handys und verkauft die Geräte. Als ihm keine Firma mehr einen weiteren anbietet, lässt er seine nichts ahnende Frau unterzeichnen. „In Deutschland muss man halt vieles unterschreiben“, denkt Sofia Rizzi vertrauensvoll. Als sie ihn schließlich zur Rede stellt, lässt er die Familie sitzen und geht allein zurück nach Italien. Jetzt hat sie die Privatinsolvenz und Harz IV beantragt und besucht einen Sprachkurs. Später hofft sie, als Frisörin ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Jeder sechste, der eine Schuldenberatung in Anspruch nimmt, ist alleinerziehend, geht aus einer Studie des Bundesamts für Statistik hervor. Als besonders problematisch erweist sich für viele der Mangel von Betreuungsplätzen, betont die Caritas: Ohnehin verdienten viele weniger, da sie eine Vollzeitstelle nicht mit ihren elterlichen Pflichten in Einklang bringen könnten, und wer keinen Kitaplatz bekomme, bleibe notgedrungen oft ganz zu Hause. Ausbleibende Unterhaltszahlungen vom anderen Elternteil oder verhältnismäßig geringe, aber unerwartete Ausgaben bringen das Fass schnell zum Überlaufen und setzen die Schuldenspirale in Gang, wissen die Berater.

Die Lebenshaltung wird im Alter immer kostspieliger

Senioren schließlich machen einen noch überschaubaren Anteil der Ratsuchenden aus, der jedoch seit 2014 „gravierend“ ansteige, warnt die Caritas. Aktuell ist knapp jeder fünfte Ratsuchende über 50 Jahre alt und etwas mehr als jeder zehnte ist über 60. Das liege zum Teil am zunehmend offenen Umgang mit dem Thema Schulden auch in diesen Altersgruppen, ebenso jedoch an der wachsenden Kompetenz, online angebotene Kredite zu nutzen. Bei Senioren werde besonders deutlich, dass die Lebenshaltungskosten schneller steigen, als die Renten angepasst würden. Dazu kämen steigende Kosten für Medikamente und medizinische Behandlungen.

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