Interview

Glück braucht eine neue emotionale Basis

Lesedauer: 10 Minuten
Ganz schön was los unterm Zukunfts-Hut von Max Thinius.

Ganz schön was los unterm Zukunfts-Hut von Max Thinius.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn.  Ein Gespräch mit Max Thinius über die Zukunft macht allein schon deshalb großen Spaß, weil er ein so unerschütterlicher Optimist ist

Es ist wahrlich nicht das erste Gespräch an dieser Stelle mit dem Futurologen und Zukunftsgestalter Max Thinius. Wahrscheinlich war es aber in den letzten Monaten und Jahren auch zu keinem Zeitpunkt so dringend, einen Blick in die Zukunft zu werfen wie heute. Die Corona-Pandemie hat eben dieser Zukunft – so sie denn tatsächlich verlässlich planbar ist – wahrscheinlich eine ganz neue Richtung gegeben. Schon heute wissen, dass vieles auf keinen Fall so kommen wird, wie wir bis vor ein paar Tagen, Wochen und Monaten vielleicht noch gedacht und geplant haben. Wichtig ist so ein Gespräch vielleicht auch gerade deshalb, weil ein Futurologe – vielleicht nicht zuletzt, weil er sich Iserlohn inzwischen im Geiste auch futurologisch verbunden fühlt – die Sache etwas anders angeht als ein Wahrsager.

Grüß Dich, Max! Ich habe eben etwas von einem „Renaissance-Prinzip“ gelesen, alles im Leben kehrt – wenn auch auf veränderte Weise – irgendwann zurück. Kann uns das Hoffnung machen oder doch eher frustrieren?

Ich würde sagen „Hoffnung“, denn die Vermutung ist doch, dass es sich weiterentwickelt hat und in einer besseren Form zu uns zurück kommt!

Wenn etwas tatsächlich wiederkommt und wir wissen das, haben wir dann auch die Möglichkeit, es gezielt zu beeinflussen, oder ergibt sich die Veränderung von allein?

Die Zukunft kommt nicht, sie wird gestaltet – und zwar von uns! Deshalb können wir auch bestimmen was wiederkommt und wie wir es beeinflussen. Selbst bei großen Technologien wie künstlicher Intelligenz: Hier fehlen derzeit noch klare Regeln. Das ist eher so, als wenn man das Auto erfindet, aber keine Verkehrsregeln. Mit 300 durch die Stadt ist irre. Genauso bei der neuen, uns oft übermächtig erscheinenden Technologie: Klar können wir diese Regeln. Allerdings nicht, wenn wir den ganzen angstvoll drauf schauen, sondern nur, wenn wir uns im Sinne positiver Gestaltung der Gesellschaft damit auseinander setzen. Dann kann übrigens jede Form der Digitalisierung einen Beitrag zu einer menschlicheren Gesellschaft leisten.

Nehmen wir das Beispiel „Vereinsamung“: Werden wir nach einem Re-Start wie verrückt an neuen und alten Beziehungen arbeiten oder werden wir lieber lernen, mit der Vereinzelung zu leben?

Ich glaube, irgendwelche Gruppen planen schon Orgien wie im römischen Reich?! Mal im Ernst: Wenn wir es clever anstellen schauen wir zukünftig eher auf Beziehungen, die uns menschlich etwas bedeuten. Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass es mehr Sinn macht. Wenn wir uns blöde anstellen, suchen wir noch sechs weitere soziale Netzwerke auf und stellen uns, nicht im menschlichen, sondern im gesellschaftlich sichtbaren, Sinne zur Schau wie in einem Zoo.

Werden die Menschen erkennen, dass Logarithmen doch nicht wirklich die besten Freunde sind und dass die sozialen Netzwerke gar nicht so sozial sind?

Ich glaube „ja“. Ich bin allerdings Optimist. Die Chancen stehen allerdings gut, wenn wir anfangen, uns mit den positiven Gestaltungsmöglichkeiten von digitaler Technologie für die Gesellschaft (und nicht nur mit sozialen Netzwerken) beschäftigen. Digitale Strukturen, die dann industrielle ablösen, sind im Kern nämlich eigentlich sehr demokratisch und tatsächlich im landläufigen Sinne „gerecht“.

Wird der Glaube gestärkt oder geschwächt aus so einer Kreise oder Pandemie hervorgehen? Schließlich hat der „liebe Gott“ nicht viel getan, um der Welt das Unheil zu ersparen? Bekommt unser Ur-Vertrauen einen herben Dämpfer?

Das kommt darauf an – und zwar wie wir kommunizieren. Die Politik, die Medien, Künstler. Wenn wir hier positive Möglichkeiten aufführen, in die Zukunft schauen und planen, was wir alles besser machen können, dann werden wir ein neues Urvertrauen, oder ihrem oben angepriesenen Renaissance-Prinzip wieder zur einem Urvertrauen finden. Das mit dem „Glauben“ ist vermutlich eher ein auslaufendes Thema. Allerdings nicht wegen Corona, sondern wegen einer immer aufgeklärteren Gesellschaft. Dafür kommt aber die Spiritualität, die auf Basis von wissenschaftlichen Daten die Bezüge zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Umwelt etc. erklärt. Da sind wir, unter anderem durch digitale Technologien, sehr weit gekommen in den letzten Jahren.

Corona wird die Welt verändern. Nun sind Zukunftsforscher ja keine Wahrsager oder Spökenkieker, aber kommen solche Ereignisse in ihren Modellen überhaupt vor?

Ja, aber die will ja immer keiner hören. Wissenschaftler, Zukunftsforscher, Futurologen, Künstler . . . alle hatten das Thema mit der Pandemie. Ehrlich gesagt, kann jeder normal denkende Mensch das vorher sagen. Genauso wie eine Umweltkatastrophe. Dazu gab und gibt es zu viele Indikatoren. Wir Menschen scheuen uns aber vor diesen unbequemen Wahrheiten. Wären wir da etwas offener und würden dann nicht bis in höchste Reihen von Politik und Gesellschaft einfach nur rumschwätzen, sondern tatsächlich etwas tun . . . Wir haben dank Digitalisierung die Technologie und das Wissen, um viele Katastrophen „noch“ zu verhindern. Dabei müssen wir uns nicht einmal groß einschränken, sondern einfach normalen menschlichen Verstand als oberste Prämisse herhalten – und nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Spielchen von Ansehen und Macht folgen. Und dazu muss man echt kein Wahrsager sein.

Ordnet sich die Welt gerade in ihren Sehnsüchten neu? Offenbar gehören Kulturerlebnisse und Gastronomie zu den am meisten vermissten Dingen des Lebens? Müssen wir unsere Schwerpunkte im Denken und planen verändern?

Es ist ja nicht die Gastronomie, sondern das Soziale. Wir erkennen gerade, dass wir doch soziale Wesen sind und das Touchscreens nicht die Pizza um die Ecke mit Freunden und die leicht schräg spielende Band ersetzen können. Vielleicht erkennen wir ja auch, dass man gewonnene Zeit nicht nur mit Arbeit, sondern mit Freunden füllen kann und das es eine Realität außerhalb von Exel-Sheets gibt. Wenn ich mir die meisten Unternehmen so anschaue, scheint das eine Art Ersatz-Religion geworden zu sein. Wir haben uns lange damit aufgehalten industriellen Strukturen und Bildern nachzulaufen, die uns die Gesellschaft vorgibt, damit wir darin fürs Social-Foto gut aussehen. Statt dessen haben wir verlernt, uns mit dem zu beschäftigen, was menschlich (!!!) normal ist.

Wir müssen fairerweise sagen, dass unser gesamtes Bildungssystem uns da wenig Chancen lässt. Wir stellen aber auch fest, dass sich die Menschen, die sich wirklich mit digitalen Möglichkeiten beschäftigen, und das geht durch alle Generationen, hier ganz andere Kompetenzen entwickeln und sich langsam ein positiver Trend zeigt.

Wann warst Du zum letzten Mal in einem Theater? Und darf man über „Corona“ nur tiefgründig philosophieren oder darf man auch Scherze machen?

Über Corona machen wir bitte unbedingt Scherze, wie will man den Mist denn sonst aushalten? Und im Theater war ich „digital“ im letzten Jahr öfter, nämlich sechs Mal, als in den Jahren zuvor „live“. Das war ein Fehler, das habe ich jetzt festgestellt und werde das, sobald möglich, ändern.

Muss der Zukunftsforscher viel unter Menschen sein oder kann er auch vom Homeoffice aus die Zukunft erforschen?

Sagen wir mal so: Erfahrungswissen bringt uns immer weiter als Lernwissen. Erfahrungen kann man auch online machen, aber ohne Menschen geht es einfach nicht. Zudem arbeiten wir als Futurologen ja per se nicht mit einem Stapel Studien (wie etwa Zukunftsforscher), sondern mit dem was aktuell technologisch, ethisch und praktisch möglich ist und überlegen dann welche Gedanken hier noch fehlen, damit daraus quasi sofort Lebensqualität für einzelne und/oder im Idealfall für alle entstehen kann.

Wenn das alles vorbei ist bzw. beherrschbar geworden ist, werden wir dann „Glück“ neu definieren?

Immer mehr werden das tun – aber leider nicht alle von Anbeginn. Die brauchen erst noch Erfahrungswissen. Sonst bildet sich nämlich nicht die emotionale Basis, dieses neue Glück auch „fassen“ zu können.

Was hat der Zukunftsforscher Max Thinius in Zusammenhang mit der Krise so gar nicht auf dem Schirm gehabt?

Dass wir, trotz der vielen Möglichkeiten die wir technologisch haben, diese zu weiten Teilen nicht nutzen, weil wir darüber diskutieren, ob Daten jetzt dafür genutzt werden dürfen oder nicht, um Menschenleben zu retten. Auf der anderen Seite dürfen aber Existenzen vernichtet werden. Mit einem gezielten Datenmanagement hätte man Hotspots viel schneller erkannt und auch wie sich dieses Virus verbreitet. Wollte man aber nicht.

Wie auch immer: Um die Situation in diesem und weiteren Fällen stabil zu halten, werden wir viel mehr Daten auswerten müssen. Und ja, das kann man sicher und anonym tun. Wir müssen aber im Notfall auch eingreifen können. Dann kriegen wir Corona beherrscht. Mit impfen alleine wird das nichts, beziehungsweise, vielleicht kurzfristig für diese Virus-Form. Aber wir können ja nicht jedes Mal alle Weltbürger impfen. Das geht heute cleverer, indem wir per Daten die Ausbreitung von vornherein verhindern.

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