Heimatsprechstunde

Grummeliges Gefühl ganz normal

Dr. Markus Berghoff, Chefarzt für Anästhesie und Intensiv-Medizin an der Katholischen Krankenhäusern in Iserlohn und Menden, kann viel „Beruhigendes“ über notwendige Narkosen und ihre Wirkungen berichten.

Dr. Markus Berghoff, Chefarzt für Anästhesie und Intensiv-Medizin an der Katholischen Krankenhäusern in Iserlohn und Menden, kann viel „Beruhigendes“ über notwendige Narkosen und ihre Wirkungen berichten.

Foto: Stefan Janke

Iserlohn.  Dr. Markus Berghoff weiß um Narkose-Vorbehalte und hat gute Gründe für „Entwarnung“

„Wir möchten, dass Sie eine schöne Narkose haben und wir Sie anschließend auch gesund wiederholen können.“ Der Mann, der das sagt, ist Dr. Markus Berghoff, Chef der Anästhesie und Intensivmedizin am Elisabeth-Hospital in Iserlohn und am Mendener Vincenz-Hospital. Und der Mediziner vermittelt in jedem Moment der Heimat-Sprechstunde dann auch das Gefühl, dass richtig ausgeführte Narkosen den Patienten tatsächlich nicht beunruhigen, sondern eher nachhaltig entspannen sollten. Dr. Berghoff erklärt den Vorgang der Narkose selbst so: „Wir machen eigentlich eine Bewusstlosigkeit, heißt, wir beeinflussen die Großhirnrinde, die sozusagen unser ,Ich’ ausmacht.“ Interessanterweise wisse die Wissenschaft bis heute noch gar nicht so ganz genau, was dabei wirklich im Detail im Körper passiere, aber im Ergebnis werde eben jene Großhirnrinde auf jeden Fall wirkungsvoll ausgeschaltet. Der dazu notwendige Medikamenten-Cocktail ist darüber hinaus auch geeignet, der Narkose in vielerlei Hinsicht jegliche Stresselemente zu nehmen.

Natürlich gehört die sinnhafte Narkose auf jeden Fall in die Hände von Fachleuten. „Bereits seit den 50er Jahren gibt es dazu die fünfjährige Facharzt-Ausbildung im Bereich der Narkose-und Intensivmedizin.“

Ein loser Zahn darf ja nichtin die Luftröhre abrutschen

Oftmals sind es ja auch die vermeintlich kleineren Fragestellungen, die geeignet sind, Patienten schon im Vorfeld zu verunsichern. Dazu gehört wohl zum Beispiel auch immer wieder die Frage nach lockeren Zähnen. Die Erklärung liefert Dr. Berghoff: „Wenn der Patient tief schlafen soll, erhält er ein Medikament zur Muskelerschlaffung, das die Abwehrreflexe des Körpers lähmt. Auch die Atemmuskeln sind davon betroffen, deshalb wird zur Beatmung häufig ein Tubus – also ein weicher Schlauch – in die Luftröhre eingeführt. Und um den richtig, gezielt, schonend und ohne Komplikationen platzieren zu können, muss eben auch sichergestellt werden, dass kein loser Zahn oder ganze Gebissteile angetroffen werden, die dann in die Luftröhre rutschen könnten.“

Essen, Trinken und Rauchen vor Narkosen ist ebenfalls nicht angezeigt. Warum? „Rauchen vor, während und nach der Narkose, also eigentlich während der gesamten Lebenszeit – ist natürlich ohnehin ungesund“, eröffnet der Mediziner die Antwort augenzwinkernd mit einer grundsätzlichen Erkenntnis. Bei Nahrung und Flüssigkeiten gelte allerdings, sechs Stunden vor der Narkose keine feste Kost und zwei Stunden vorher auch keine Flüssigkeit zu sich zu nehmen. „Allerdings muss auch das vorher eine klare Flüssigkeit sein. Kaffee also ‚ja‘, Milch zum Beispiel ‚nein‘.“ Und bei Notfällen ohne Vorlaufzeit? „Da entscheiden wir zusammen mit den Chirurgen, vom Fall zu Fall, welches Gut und welches Risiko höher einzuschätzen ist.“

Patienten, die eine Narkose hinter sich gebracht haben, berichten nicht selten von Übelkeit oder sogar Erbrechen. Der Normalfall? „Nein, sagt Dr. Berghoff, „das sind in der Tat Sonderfälle“. Allerdings gäbe es durchaus Patienten, die eine Neigung zu so einer Reaktion hätten.

Das sei vielleicht vergleichbar mit Menschen, die bei Autofahrten auch zu Übelkeit neigen würden. Allerdings werde durch eine prophylaktische Medikamentengabe das Risiko der Übelkeit nach Möglichkeit schon im Vorfeld gesenkt. „Da steht uns auch ein ganzer Baukasten von Mitteln zur Verfügung.“

Kann der Patient eigentlich ganz sicher sein, dass er während der Narkose, bzw. während der Operation – vielleicht mit gerade geöffnetem Bauch – nicht doch plötzlich wach wird? Das ist natürlich auch für Dr. Markus Berghoff ein sensibles Thema. Er blicke inzwischen auf eine 19-jährige Tätigkeit in Iserlohn und Menden zurück und passiert sei es noch nicht. Oder anders formuliert: Es habe sich im Nachhinein noch niemand gemeldet, der dieses Ereignis für sich angegeben habe. „Wir reden ja mit Patienten vor einer OP sogar darüber, dass sie mit uns sprechen sollen, wenn sie so einen Eindruck hatten. „Das kann natürlich überaus traumatisierend sein.“

Ist denn was dran, dass Menschen in Narkose sogar ungewollt Betriebs-Geheimnisse oder offenbar enthemmt Seitensprünge ausplaudern oder sonstiges Gediegenes von sich geben? Dr. Berghoff: „Das Tempo der Narkoseeinleitung und der Narkoseschlauch im Hals verhindern mit Sicherheit jede Art von unerwünschter Plauderei.“

Erst ganz klar im Kopf, dannfehlt es an der Erinnerung

Die notwendige Tiefe und Länge der Narkose ist am Ende auch entscheidend für die Dauer des Aufwachens. Allerdings, so Dr. Berghoff, sei die Reaktionsdauer auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

„Geben Sie zehn Menschen Alkohol zu trinken, und sie beobachten zehn unterschiedliche Reaktionen. Auch das anschließende Gefühl bis hin zum Kater ist dabei sehr individuell.“

Zu beobachten sei allerdings auch nicht selten das Phänomen, dass Patienten im Aufwachraum bereits ganz klar mit dem Personal sprechen würden, sich danach aber nicht mehr an eben diese Gespräche erinnern könnten.

Nicht vergessen werden darf bei dem Themenkomplex allerdings auch die Lokal-Anästhesie, also das gezielte „Abschalten“ einzelner Körperteile, wie zum Beispiel Armen oder Beinen, zur Schmerzunterdrückung.

Muss man also tatsächlich keine Angst vor einer Narkose haben? Dr. Berghoff kommt bei seiner Antwort ganz offensichtlich über die ganz menschliche Schiene. „Das ist so eine Frage. Auch ich hätte bestimmt Schiss vor einer Narkose. Natürlich geht man da mit so einem Grummel-Gefühl rein. Vielleicht ähnlich dem Gefühl, wenn man ein Flugzeug besteigt. Aber ich kann versichern, dass der Patient Vertrauen zu uns Anästhesisten haben kann. Es geht doch zunächst einmal um die mich heilende Operation. Und da hätte ich doch wohl viel mehr Angst, wenn die Narkose nicht da wäre.“

Übrigens: Was Dr. Berghoff auch noch zu Thema Michael Jackson und seinem „Propofol-Pech“ sagt, ist natürlich ebenfalls im Podcast zu hören.

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