Kirchenhistorie

Grundstein für den heutigen Kirchenkreis

Johann Georg Florschütz wurde im Jahr 1818 zum ersten Superintendenten gewählt.

Johann Georg Florschütz wurde im Jahr 1818 zum ersten Superintendenten gewählt.

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Heute vor 200 Jahren tagte der erste „Diöcesan Convent“ in der Sakristei der Obersten Stadtkirche.

Wie die Verordnung vom preußischen König seinerzeit aufgenommen wurde, wie genau die Stimmungslage war, liegt leider im Dunkeln. Fest steht aber, dass genau heute vor 200 Jahren, am 5. November 1818, der erste „Diöcesan Convent“ tagte, der später Kreissynode genannt wurde. Der Tag gilt als Geburtsstunde des heutigen Kirchenkreises Iserlohn. 15 Pfarrer hatten sich damals in der Sakristei der Obersten Stadtkirche versammelt, um die erste Sitzung, in der der Iserlohner Pfarrer Johann Georg Florschütz zum ersten Superintendenten gewählt wurde, abzuhalten.

Ein einschneidendes Datum, aus dem sich vieles herauslesen lässt, was die Kirche im damaligen Spannungsfeld zwischen staatlicher Abhängigkeit, landesherrlichem Kirchenregiment und Eigenständigkeit der Gemeinden angeht, und was die evangelische Kirche bis heute ausmacht. Um das einzuordnen, muss Pfarrerin Brigitte Zywitz, die im Burgarchiv an der Obersten Stadtkirche Einblick in die Dokumente der damaligen Zeit gewährt, etwas in Richtung Reformation ausholen.

Evangelische Kirche ist von unten nach oben organisiert

Denn ein deutlicher Unterschied zur katholischen Kirche bestehe eben in der Organisation der Kirchen. Während sich die katholische Kirche als eine von oben nach unten organisierte Weltkirche versteht, ist die evangelische Kirche von unten nach oben organisiert. Natürlich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. So gibt es in Nordeuropa durchaus auch evangelische Staatskirchen, und auch innerhalb Deutschlands sind deutliche Abstufungen zu erkennen. In der westfälischen Landeskirche ist der presbyterial-synodale Aufbau von unten nach oben, also von den eigenständigen und maßgebenden Presbyterien in den einzelnen Gemeinden über die Synoden in den Kirchenkreises bis hin zu Landeskirche sehr stark ausgeprägt. „Die Eigenständigkeit der Gemeinden ist ein kostbares Gut“, bewertet Pfarrerin Zywitz dieses historische Erbe. Dass beispielsweise die Gemeinden in Westfalen ihren Pfarrer selbst wählen, sei keine Selbstverständlichkeit und bei weitem nicht in allen Landeskirchen gegeben.

Im Spannungsfeld zwischen lutherisch und reformiert

Grund für die hohe Eigenständigkeit der Gemeinden sei wohl die große Nähe zu der Reformierten Kirche der Niederlande – eine verfolgte Kirche ohne schützenden Landesherrn, ohne Vereinheitlichungen von oben, die automatisch von der Gemeinde her gedacht wurde. Auch in Westfalen hatte es neben den lutherischen Gemeinde auch reformierte Kirchen gegeben – eine lange Geschichte der Wechselwirkungen und sich stets ändernden Vorzeichen, die auch an den Vorläufern der 1818 begründeten Kirchenkreise abzulesen ist. Denn gab es sogenannte „Klassen“, allerdings getrennte lutherische
und reformierte Klassen, in denen sich Gemeinden auf regionaler Ebene zusammen getan haben.

Für die Entwicklung im Jahr 1818 war nun im engeren Blickfeld die napoleonische Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausschlaggebend. Bis 1814 herrschten die Franzosen auch im preußischen Westfalen und haben hier wie überall in Deutschland auch in der Verwaltung viele tiefgreifende Neuerungen eingeführt. Nach dieser Periode und der Neuordnung des Wiener Kongresses 1815 herrschte eine Art Wiederaufbaustimmung. Die Frage hieß, wie soll es weiter gehen? Und im speziellen preußischen Fall kam hinzu, dass mit König Friedrich Wilhelm III. ein Mann auf dem Thron saß, der sehr mit der Kirche verbunden war und ein hohes Bedürfnis verspürte, die Kirche auch in Westfalen aktiv mitzugestalten.

1817 herrschte zum Reformationsjubiläum eine nationaler Aufbruch, und der preußische König war bemüht, die evangelische Kirche von oben zu vereinen und in den bisher in lutherisch und reformiert geteilten Städten eine Union aus beiden Richtungen zu schmieden. Viele westfälische Gemeinden waren dem auch gefolgt, Iserlohn hatte sich aber widersetzt. Hier sollten die Unterschiede der beiden Gemeinden erhalten bleiben.

1818 erging dann aber die königliche Anordnung an alle Gemeinden der Mark, Kirchenkreise zu bilden, die in etwa den kommunalen Kreisen entsprechen und in denen – anders als in den bisherigen „Klassen“ – sich auch reformierte und lutherische Gemeinden vereinigen sollen. Und so kam es dann auch am 5. November 1818 zur Gründung des Kirchenkreises Iserlohn. Ein Protokoll der ersten Sitzung ist erhalten. Wie eingangs erwähnt, lässt sich nach jetzigem Stand aber nicht sagen, wie die Stimmung war. Der damals noch Diözese genannte Kreis bekam aber ein eigenes Siegel (siehe Abbildung) und einen Superintendenten als Leiter: Georg Florschütz, Pfarrer der Iserlohner Gemeinde. 1779 in Coburg geboren, kam er 1812 in die lutherische Stadtgemeinde Iserlohn, wo er 1849 auch starb. Von 1818 bis 1821 von inzwischen 19 Iserlohner Superintendenten. Die heutige Superintendentin Martina Espelöer ist im Übrigen die erste Frau in diesem Amt.

Aus dem damaligen Amtsblatt der königlichen Regierung Münster geht hervor, dass zum Kirchenkreis damals neben den heute noch zum Kirchenkreis gehörigen Gemeinden in „Hemer, Deilinghofen, Evingsen, Altena, Wiblingwerde, Oestrich, Hohenlimburg, Elsey, Berchum, Ergste, Hennen, Schwerte und Westhofen“ auch Arnsberg zum Kirchenkreis gehörte. Dafür fehlten noch die rein katholischen Gebiete wie Menden, Sümmern oder Letmathe. Vor allem blieb aber das Selbstverständnis und die Eigenständigkeit der Gemeinden in der presbyterial-synodalen Ordnung bis heute erhalten – eine Ordnung, so Brigittes Zywitz, die es den Gemeinden immer wieder erlaubt habe, sich in schwierigen Zeiten vom Staat abzutrennen.

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