Stadtleben

„Hallo Arnsberg, Bombe in Iserlohn“

Bombensichere Unterkunft: Ein Bunker mit 13 Räumen sollte unter dem Rathaus einst die Verwaltungsspitze schützen.

Bombensichere Unterkunft: Ein Bunker mit 13 Räumen sollte unter dem Rathaus einst die Verwaltungsspitze schützen.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Unter dem Rathaus sollte im Kalten Krieg einst ein Bunker die Verwaltungsspitze schützen. Ein Rundgang

Der Weltuntergang scheint möglich, als sich in den 70er Jahren Stadtplaner, ein Architekten-Konsortium und ein Generalunternehmer daran machen, der Stadt Iserlohn ein neues Rathaus zu bescheren. Mauerbau, Kuba-Krise, eine kurze Phase der Entspannung, bevor die Sowjets ihre veralteten Mittelstreckenraketen in Europa durch moderne „SS-20“-Raketen ersetzen – dies ist der Kontext, der die Macher damals veranlasst, einen üppigen Bunker unter das Rathaus zu setzen.

Man mag sich den nun in vielen Farben ausmalen. Finster und grau könnte er sein. Vielleicht mit Feldbetten versehen. Konserven mit Dosenbrot und Erbsensuppe, Strahlenanzüge oder ein schickes Bürgermeisterzimmer mit antikem Schreibtisch – eben allem, was man für jene „Survival Challenge“ so gebraucht haben könnte, die sich damals Kalter Krieg nannte.

Die Realität heute ist eine andere. „Der Bunker ist vermutlich zwischen 1990 und 1995 umgenutzt worden“, sagt Christian Eichhorn, Ressortleiter Sicherheit, Bürger, Feuerwehr bei der Stadt Iserlohn. Spannende Spuren aus der Vergangenheit finden sich dennoch.

Gemeinsam mit Hausmeister Werner Afken geht es in das dritte Untergeschoss des Rathauses. Die dicke stählerne Tür, die hier das Innere des Bunkers einst vor einer möglichen Explosionsdruckwelle schützen sollte, ist am Eingang demontiert worden. Von einem Vorraum biegen drei Türen ab, rechts verbirgt sich ein alter Diesel-Motor von Mercedes-Benz, 144 PS stark. Ein Notstromaggregat, das noch heute genutzt würde, wenn denn der Strom längerfristig ausfällt. Auf dieses Szenario wird Christian Eichhorn noch zu sprechen kommen.

Vor Kopf findet sich eine verriegelte zweite Tür zu einem der Innenräume, die durch die linke Tür als Haupteingang zu erreichen sind. Eine simple Metalltür, dahinter zieht sich ein längerer Flur, der hinten beidseitig abzweigt. 13 Räume, die vornehmlich dem Schutz der Verwaltungsführung dienen sollten. Die Vermutung, die Herren von der Stadt damals hätten einfach großen Wert auf Platz und Privatsphäre gelegt, wäre allerdings etwas böswillig und vorschnell. Was genau nämlich hier in den Räumen früher untergebracht war, ist heute im Rathaus nicht mehr bekannt.

Anlage sollte wohl als atomare Meldestelle dienen

Muffig, wie man vielleicht vermuten könnte, riecht es hier unten nicht. Eher leicht nach Farbe, der Korridor hat einen cremefarbenen Anstrich. Vergitterte bullaugenrunde Belüftungsöffnungen lassen noch den Unterschied zu gewöhnlichen Kellerräumen erkennen. In einem der Räume findet sich eine Steuerungsanlage für die Belüftung. „Vermutlich gab es früher auch einen Sandfang, um im Ernstfall Strahlung und Partikel aus der Luft zu filtern“, glaubt Christian Eichhorn.

Die Räume hier unten werden heute überwiegend als Lager genutzt. Broschüren, alte Schlitten, Kronleuchter und natürlich Akten (fein säuberlich geordnet) – ähnlich wie in Privathaushalten sammelt sich auch bei einer Stadtverwaltung mit den Jahrzehnten so einiges an.

Wie ein langjähriger Rathaus-Mitarbeiter berichtet hat, habe es hier gleich hinter dem Eingang zum Bunker einst eine Telefonmeldeanlage gegeben.

„Wir waren hier früher Katastrophenschutzbehörde“, erläutert Eichhorn, bis dann der Kreis diese Funktion übernommen habe. Vermutlich sollte die Anlage also als potenzielle atomare Meldestelle dienen – mit Verbindung zur Bezirksregierung. „Hallo Arnsberg, Bombe in Iserlohn“, so hätte das dann geklungen, wenn „der Russe“ kommt.

Ein besonders spannender Fund in einem der Räume ist dann ein Regal voll mit tausenden Lebensmittelkarten. Eigentlich hatte man die Karten bei der Verwaltung bereits vor Jahren einmal entsorgen wollen.

„Ich habe das damals verhindert“, sagt Eichhorn. Denn: „Die Lebensmittelversorgung ist einer der empfindlichsten Bereiche überhaupt, die nicht staatlich geregelt sind.“

Der städtische Sicherheitschef erinnert an das Schneechaos von 2005. Damals hatte es im Münsterland sowie in Tecklenburger Land, Ruhrgebiet, Osnabrücker Land, Bergischem Land und Emsland ungewöhnlich starke Schneefälle über mehrere Tage gegeben. Zahlreiche Strommasten zerbarsten unter dem tonnenschweren Gewicht der Schneemassen. Hinabstürzende Äste führten zu Leitungsbrüchen und Kurzschlüssen.

Betroffen von dem Stromausfall waren rund 250.000 Menschen. In mehreren Kreisen wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Selbst vier Tage nach Ende des Schneefalls waren noch mehrere Orte nicht wieder an das Stromnetz angeschlossen.

Der „Blackout“ – das ist ein Szenario, mit dem man sich auch bei der Stadt Iserlohn zumindest in der Theorie noch heute beschäftigt. Licht, Internet und Heizung fallen aus. Irgendwann ist es auch mit der Kommunikation und dem Trinkwasser vorbei. „EC-Karten funktionieren nicht. Die Türen der Supermärkte öffnen nicht. An den Tankstellen kann das Benzin nicht hochgepumpt werden“, skizziert Eichhorn weiter.

Die Aufgaben der Behörden wäre es dann, Plündereien zu verhindern. Und das Essen für die Bevölkerung mittels der Ausgabe von Lebensmittelkarten zu rationieren. „Beim Kreis gibt es aktuell nur einen Sachbearbeiter im Katastrophenschutz, Die Stadt wäre da also sehr schnell mit im Boot“, glaubt Eichhorn.

Bis zur Umnutzung des Bunkers in den 90er Jahren wären hier in einem Notfall womöglich die Fäden zusammengelaufen. Heute gibt es bei der Stadt einen Stab für außergewöhnliche Ereignisse, der formal dem Krisenstab des Märkischen Kreises unterstellt ist.

Weitere Bunker unter städtischen Gebäuden gibt es laut Verwaltung nicht. Allerdings ist in der Realschule am Bömberg ein Schutzraum mit Schleusen vorhanden und in der Nordfeldschule gibt es einen unterirdischen Luftschutzraum. „Wofür diese Räume wirklich gedacht waren, ist beim Kommunalen Immobilien-Management nicht bekannt“, schreibt die Stadtverwaltung.

Christian Eichhorn findet es schade, dass bei der Stadt heute so wenig über den Rathaus-Bunker bekannt ist. „Da sieht man, wie schnell Wissen verloren gehen kann.“

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