Frauenforschung

Heimatgeschichte, neu geschrieben

Andrea Reichart forscht zur Cappel-Familie

Andrea Reichart forscht zur Cappel-Familie

Foto: Carolin Meffert

Iserlohn.   Andrea Reichart hat sich intensiv mit drei Frauenschicksalen der Kaufmannsfamilie Cappel auseinander gesetzt. Ende des Jahres erscheint ihr Buch.

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Sie sind vielleicht „historisch“ stumm, aber wie sie ihren Alltag meisterten, spricht Bände. Sie – damit sind die Frauen des 18. Jahrhunderts gemeint, die in keiner Weise auf sich aufmerksam gemacht haben, die weder für ihre Lebensleistung noch für Briefe oder Romane oder Heldentaten berühmt geworden sind und die mangels überlieferter Schriftzeugnisse kaum selbst zu Wort gekommen sind. Und doch hat sich die Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Andrea Reichart mit drei Frauenschicksalen der Kaufmannsfamilie Cappel, die manchen Iserlohnern durch den Kaufmann Gottfried Georg Cappel ein Begriff ist, auseinandergesetzt.

Angefangen hat alles mit einer Recherche für ihr Kinderbuch „Alle Zeit der Welt“, in dem fünf Freunde eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit Iserlohns unternehmen und im Cappel-Haus, dem heutigen Stadtmuseum am Fritz-Kühn-Platz, landen. „Das Museum ist ein anregender Ort und ich habe ein Kinderbuch geschrieben, was dort spielt. Bei der Gelegenheit habe ich mich gefragt: Wie sah das Haus vorher aus?“ Für die Autorin war es wichtig zu wissen, was ihre Figuren, die in der Zeit 200 Jahre zurück reisen, dort erleben können. Da das Museum oft umgebaut wurde, musste sie sich ein fundiertes Bild machen, wie es früher von innen aussah. „Denn wenn man sich vorstellt, dass die Kinder von der imposanten Treppe, wie wir sie heute im Museum kennen, ins Jahr 1800 kusseln und sich das Genick brechen, weil keine Treppe da ist, wo sie eigentlich landen wollen – nein, das ging nicht.“ Bei ihren Nachforschungen ist sie dabei auf die Familie Cappel gestoßen, über die nur wenig bekannt ist. „Und dann habe ich mich fest gebissen“, ergänzt die Autorin.

Fehlerhafte Überlieferungen wurden ausgebessert

Mit ihrer Forschung hat Andrea Reichart dreieinhalb Jahre lang ein Stück Heimatgeschichte Iserlohns aufgearbeitet und dabei auch schwerwiegende Fehler in der Überlieferung ausgemerzt. „Zu der Familie Cappel wurden so viele Fehler verbreitet, weil die Leute es einfach nicht wussten, weil die Quellen nicht zugänglich waren, weil man die Kirchenbücher nicht hatte oder weil die Dokumente verschwunden waren.“ Auch ein angeheirateter Verwandter, der zur Zeit des Nationalsozialismus lebte, verbreitete falsche Informationen über die Familiengeschichte. Quellen über die Familie Cappel sind rar. Andrea Reichart hat die wenigen, die vorhanden sind, mühsam zusammengesucht. Dazu gehören etwa 116 Kirchenbücher, zahllose Originalakten aus Archiven in ganz NRW und Hunderte von zeitgenössischen Büchern und Aufsätzen. Die alten Schriften zu entziffern war jedoch eine Herausforderung, die sich die Autorin erst einmal stellen musste. Jetzt kann sie diese ohne weitere Probleme lesen.

In ihrer Forschung hat sie sich mit drei Frauenschicksalen der Cappel-
Familie ganz besonders auseinander
gesetzt: mit Cappels Schwester, seiner Frau und einer entfernten Verwandten aus Schwelm. „In den frühen 1990ern, als ich noch an der Universität Essen arbeitete und im Bereich der Alltagsforschung publizierte, war mein Schwerpunkt die Frauenforschung, eine meine Leidenschaften das Thema ,Wochenbett und Kindertaufe’. Es ist ein wenig so, als hätte mich meine Arbeit im Museum, die zur Hälfte eine wissenschaftliche Stelle ist, innerlich zurück zu meinen Wurzeln geführt“, resümiert Andrea Reichart.

Schicksale der Cappel-Frauen stehen im Fokus

Behutsam holt sie Originaldokumente hervor, auf der Cappels Schwester eigenhändig mit „Anna Catharina Wilhelmina Henrietta“ unterschrieben hat. Anhand der Unterschrift lässt sich vieles über ihren Namen erahnen. „Wir wissen nicht zu hundert Prozent, wie sie sich damals genannt hat, aber anhand der Unterschrift können wir uns einiges erschließen.“ Im Sterberegister wird sie als „Henrietta Wilhelmine“ aufgeführt, doch anhand des Dokuments stellt der Stadtarchiv-Leiter Rico Quaschny fest: „Auf dem Dokument erkennt man, dass es ihr nicht einfach gefallen ist Wilhelmine zu schreiben.“ Da sie ihre Tochter ebenfalls Henriette nannte,
geht Reichart davon aus, dass dies
ihr Hauptname war.

Die Verwandte aus Schwelm, Sophia Cappel, brachte insgesamt vier Kinder zur Welt, beim letzten jedoch verheimlichte sie die Schwangerschaft und Geburt und wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach dem Tod des ersten Gatten hatte sich die Schwelmerin von einem Soldaten schwängern lassen und wurde, obwohl von ihm getrennt lebend, zwei Jahre später erneut außerehelich schwanger. „Wir wissen bis heute nicht, was aus ihr wurde und ob sie die Zeit im Zuchthaus überlebt hat“, sagt Andrea Reichart. Das Zuchthaus hätte aber dennoch umgangen werden können. Denn das Preußische Edikt von Friedrich II. vom 8. Februar 1765 regelte alles, was die „in Unehren schwanger gehenden Weibspersonen“ betraf, um ihnen einen Weg aus der „Schande“ aufzuzeigen. „Dadurch, dass sie alles verheimlicht hat, ist es zu der Zuchthausstrafe gekommen“, fügt Andrea Reichart hinzu.

Wirtschaftliche Situationen und Naturkatastrophen bestimmten den Alltag

Die Frauen der Cappel-Familie haben auch viele ihrer Kinder aufgrund von Auszehrung verloren. Die Autorin ist davon überzeugt, dass man über den Alltag nichts sagen kann, wenn man nicht alles mit einbezieht, und dazu gehört sowohl die wirtschaftliche Situation, als auch das Wetter. Und dieses wird laut Andrea Reichart immer vernachlässigt. Was für ein Leben führt man, wenn es nur regnet? Was für ein Leben führt man, wenn in einem Sommer so viel Dürre herrscht, dass die nichts mehr zum essen haben? Was passiert mit der Ernte, wenn ein Heer nach dem anderen darüber marschiert und man einfach nichts mehr zum Ernten hat? Solche Fragen sind in die Recherche von Andrea Reichart immer wieder mit eingeflossen. Auch der Laki-Vulkanausbruch hatte direkte Auswirkungen, was damals niemand wusste. Die Sonne verdunkelte sich, Erdabkühlung, Missernten und Hungersnöte waren die Folge. Cappels Schwester und ihre Familie zum Beispiel waren von der großen Eisflut nach dem verheerend kalten Winter 1783/84 betroffen. Einiges weist darauf hin, dass es Zusammenhänge gibt zwischen den Geburten der auffällig geschwächten Kinder, die die Frauen zwischen 1784 und 1786 zur Welt brachten und die nur wenige Monate bzw. Wochen lebten.

Und dies alles sind nur Bruchstücke dessen, was die Autorin und Sprachwissenschaftlerin in Erfahrung gebracht hat. Ein Buch über die Familie Cappel und ihr ganzes Netzwerk ist derzeit noch in Arbeit. Andrea Reichart hofft, dass sie dieses bis zum Ende des Jahres fertig gestellt bekommt. „Das ist ja eine Arbeit, die ich nicht während der Arbeitszeit mache. Das ist ein Hobby, das heißt, ich darf das nicht im Büro machen. Ich mache das alles zu Hause in meiner Freizeit.“

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