Deutsche Bahn

Herr Hemidi und die Gerechtigkeit

Jasin Hemidi hat zwar gültige Fahrscheine. Trotzdem fliegt er immer wieder aus dem Zug.

Jasin Hemidi hat zwar gültige Fahrscheine. Trotzdem fliegt er immer wieder aus dem Zug.

Sümmern.   Ein junger Syrer wird auf seinem Weg mit der Bahn immer wieder als Schwarzfahrer angezeigt - obwohl er gültige Fahrscheine hat.

Jasin Hemidi zuckt zusammen. Da ist sie wieder. Die Fahrkartenkontrolleurin. Und Jasin Hemidi weiß genau, was gleich passiert: Stress, Ärger und am Ende muss er raus aus dem Zug.

Dabei hat der junge Syrer gleich zwei Fahrscheine in der Tasche, ein Sozialticket und ein Young Ticket (siehe Infos am Ende des Artikels). Beide zusammen ermöglichen ihm die Zugfahrt von Iserlohn nach Dortmund und retour. Sagt die Deutsche Bahn, haben ihm auch die Fahrkartenverkäufer gesagt. Doch die Kontrolleurin in der Regionalbahn 53 interessiert das anscheinend nicht: „Sie kommt mittlerweile zielstrebig auf mich zu, lässt drei, vier Reihen aus, nur um mich zu kontrollieren“, erzählt Hemidi in gutem Deutsch. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Hemidi erhält eine Anzeige als Schwarzfahrer und muss den Zug an der nächsten Haltestelle verlassen. Punkt, raus!

Sechs Mal in gut einem halben Jahr ist das passiert, genauso oft ist der 21-Jährige am folgenden Tag bei der Deutschen Bahn in Dortmund vorstellig geworden. Und sechs Mal wurde das vermeintliche Schwarzfahren annulliert.

Nach Krieg und Bomben hat er sich durchgebissen

Der Clou dabei ist, dass er das sogar schriftlich hat. In einem Schreiben des Reisezentrums Dortmund heißt es wörtlich: „Seit einigen Wochen wird dieser Herr als Schwarzfahrer aufgeschrieben und dies jedes Mal von derselben KiN. Eine gültige Fahrkarte liegt allerdings vor. Dies wurde auch schon unsererseits bestätigt. Aus unerklärlichen Gründen erkennt diese KiN auch die Bestätigung unsererseits nicht an und schreibt den Herrn trotzdem auf.“ Das Kürzel KiN bedeutet im Bahn-Jargon „Kundenbetreuer im Nahverkehr“.

Jasin Hemidi heißt eigentlich anders. Der 21-jährige Syrer ist vor drei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Er stammt aus Aleppo, wo kein Stein mehr auf dem anderen steht. Wo Tod, Krieg, Bomben und Terror zum Alltag gehören. Drei Jahre, in denen er sich durchgebissen hat. Unsere ihm zuvor völlig fremde Sprache hat er sich schnell angeeignet, selbst wenn es mitunter noch hakt. Auch plötzlich von links nach rechts zu schreiben, ist für jemanden aus der arabischen Sprachwelt eine Riesenhürde.

Doch Hemidi hat Ehrgeiz. Er will das schaffen, und er will niemandem auf der Tasche liegen. Deswegen hat er eine Ausbildung im Gesundheitswesen angefangen, absolviert an seinem Wohnort Iserlohn ein Praktikum und besucht in Dortmund an fünf Tagen die Woche die Schule. „Gut integriert“ heißt das im Behördendeutsch, wenn da nur nicht das angebliche Schwarzfahren wäre: „Wissen Sie, wie peinlich das ist, wenn man so behandelt wird? Diese Blicke der Leute. Wo ich doch sogar das Schreiben des Reisezen­trums und all die anderen Unterlagen dabei hatte. Aber davon wollte die Frau einfach nichts wissen.“ Wieder Stress, wieder Ärger, wieder raus aus dem Zug.

Syrer wird distanzlos mit „Du“ angeredet

Einmal kurz vor Weihnachten hat Hemidi genug: „Nein, ich gehe nicht“, habe ich gesagt. Prompt bleibt der Zug stehen. Mit allen Fahrgästen. Sogar der Lokführer kommt: „Du musst aussteigen“, sagt der. „Du“, wohlgemerkt, was alle zu ihm sagen, auch die sogenannte Kundenbetreuerin der Deutschen Bahn. Respektlos sei das, meint Hemidi, diskriminierend, und er sagt, dass er weiter sitzen geblieben sei. Es ist zuviel für ihn, er will jetzt Gerechtigkeit.

Irgendwann kommt die Polizei. Hausfriedensbruch heißt das Vergehen, für das die Beamten den Syrer jetzt anzeigen wollen und ihn mit Nachdruck aus dem Zug hinauskomplimentieren. Während der Zug abfährt, gelingt es Hemidi noch auf dem Bahnsteig, den Polizisten die Situation zu erklären, er zeigt ihnen das Schreiben des Reisezentrums Dortmund. Mit Erfolg: Die Beamten sind nach Angaben Hemidis erstaunt. Sie zeigen ihn nicht an. Als sei es schon Routine, wird Hemidi am nächsten Tag erneut beim Reisezentrum vorstellig. Mit bekanntem Ergebnis: Verfahren eingestellt. Das i-Tüpfelchen bei dieser ärgerlichen Posse sind jedoch die sieben Euro Gebühr, die der mit Reichtum nicht gerade gesegnete Syrer jedes Mal entrichten muss. Hinzu kommen die Verspätungen in der Schule: „Da muss ich immer erklären, was passiert ist. Außerdem verpasse ich ja auch richtig was, das ist besonders schlimm.“

„Ich bin Ausländer, das sieht man auf den ersten Blick“

Und warum ausgerechnet er? Hemidi hat eine Erklärung, die einen schweren Vorwurf beinhaltet: „Ich bin halt Ausländer, das sieht man auf den ersten Blick.“ Dann erzählt er noch etwas: „Einmal ist nach einer Kontrolle eine alte Dame mit mir ausgestiegen. Die hat zu mir gesagt, dass diese Kontrolleurin immer gezielt auf Ausländer zugeht.“ Anschließend schweigt der junge Syrer eine ganze Weile und schaut traurig zu Boden. Leise fügt er hinzu: „Vielleicht sollte ich mein Elternhaus verlassen und nach Dortmund ziehen, dann passiert das nicht mehr. Aber Dortmund ist teuer.“

Bahnchaos mit dem Streit um Sozialticket, Young Ticket und falschen Verdacht

Von Iserlohn nach Dortmund und retour – das geht ohne Umsteigen mit der Regionalbahn 53, kurz RB53. Acht Haltestellen liegen dazwischen. Für den gesamten Märkischen Kreis besitzt Jasin Hemidi ein Sozialticket der Märkischen Verkehrsgesellschaft. Für die restliche Strecke nach Dortmund hat er das Young Ticket Plus der Deutschen Bahn – ein spezielles Angebot für junge Leute in der Ausbildung.

Das Jahresabo für die in zwölf monatlichen Raten zu zahlende Fahrkarte hat Hemidi direkt bei der Deutschen Bahn erworben. Dabei hat er natürlich auch detailliert geschildert, welche Strecke er zurücklegen muss.

Besagte Kontrolleurin behauptet nun, für den Abschnitt zwischen Hennen und Ergste habe Hemidi kein gültiges Ticket. Nur diese Kontrolleurin behauptet das allerdings.

Gleich drei (!) Institutionen der Deutschen Bahn sehen das anders: das Reisezentrum Dortmund, die Fahrpreisnacherhebungsstelle in Baden-Baden sowie die Deutsche-Bahn-Agentur in Iserlohn, das Reisebüro Velmer.

Von allen drei Stellen liegen entsprechende Schreiben vor. Eine Anfrage der Heimatzeitung an die Pressestelle der Deutschen Bahn in Düsseldorf blieb bislang unbeantwortet.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben