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Hirnforscher Dr. Magnus Heier: So trainieren wir das Gehirn

Lesedauer: 14 Minuten
Chemisch-biologisch kann man schon den einen oder anderen Gedankengang erklären. Aber auch, wenn man noch viele offene Fragen hat, möchte Dr. Magnus Heier nicht, dass gerade der alternde Mensch zu früh die Gehirn-Flinte ins Korn wirft: „Es gibt noch viel zu tun.“

Chemisch-biologisch kann man schon den einen oder anderen Gedankengang erklären. Aber auch, wenn man noch viele offene Fragen hat, möchte Dr. Magnus Heier nicht, dass gerade der alternde Mensch zu früh die Gehirn-Flinte ins Korn wirft: „Es gibt noch viel zu tun.“

Foto: IKZ Screenshot

Iserlohn.  Unser Hirn ist ein schier endloses Thema. Dr. Magnus Heier kennt schon ziemlich viele Antworten, aber hat auch selbst noch viele Fragen.

Das Thema „Gehirn“ ist natürlich ein spannendes. Und natürlich auch ein schier unerschöpfliches. Mysteriös ist unser Denkapparat erst recht. Wissenschaftler wissen nach vielen Jahre der Forschung schon einiges, die „normalen Nutzer“ oftmals nicht das Nötigste. Grund genug also für ein weiteres Gespräch mit dem Neurologen und Hirnforscher Dr. Magnus Heier. Heute soll die Frage untersucht werden, wie man im Alter neben den Körper auch den Geist, sprich das Gehirn auf Trab halten oder bringen kann. Was natürlich wieder voraussetzt, dass man auch „innerbetriebliche Abläufe“ im Hirn hinterfragt.

treu trifft - Dr. Magnus Heier
treu trifft - Dr. Magnus Heier

Herr Dr. Heier, „Alle wollen alt werden, keiner will es sein“, lautet eine gern zitierte Volksweisheit. Aber immer mehr Menschen sind alt. Die Lebenserwartung in Deutschland ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts um fast 35 Jahre gestiegen. Hat unser Gehirn diese Entwicklung mitbekommen?

Unser Gehirn hat die Entwicklung sehr wohl mitbekommen. Wenn Sie Bilder von früher sehen und dort alte Leute sehen, und sie schauen dann auf die Daten, dann stellen Sie fest, dass die uralten Leute, die sie da sehen, 60 oder 70 Jahre alt sind. Wir haben uns aber inzwischen daran gewöhnt, dass die uralten Leute in unserer Gegenwart 90 oder 100 sind. Wir haben gerade den 100. Geburtstag eines Verwandten gefeiert, und er ist körperlich und geistig vollkommen fit. Unser Gehirn hält das aus. Es ist vielleicht nicht dafür konstruiert, aber es schafft es ohne weiteres, 100 Jahre durchzuhalten, wenn wir richtig mit ihm umgehen.

Wächst es – wenn nicht an Ausmaß und Gewicht – an seiner Aufgabe?

Es wächst an seiner Aufgabe und es schrumpft an seiner Nicht-Aufgabe. Wenn Sie das Gehirn also ausdrücklich nicht herausfordern. Wenn Sie sich heute mit Strandurlaub und BILD-Zeitung begnügen, dann wird das auch im Alter nix.

Ich frage, bevor es allgemeiner wird, erst einmal was in eigenem Interesse: Eigentlich habe ich das Gefühl, dass es in meinem Kopf noch ziemlich rund läuft, auch wenn andere manchmal was anderes sagen . . . Allerdings fallen mir immer wieder mal urplötzlich Namen von Leuten, die ich eigentlich gut kenne, in dem Moment ums Verrecken nicht ein. Stunden später schon. Ist das der Anfang vom Demenz-Ende?

Nein. Und zwar ausdrücklich „nein“.

Jetzt aber mal eine gute Nachricht zum Auftakt: Wir verlieren im Alter nicht nur Hirnzellen, wir produzieren auch noch welche, frische Denk-Ware praktisch. Stimmt doch, oder?

Ja, und es kommt noch viel besser. Wir produzieren sie nämlich genau dort, wo wir sie brauchen. Wir produzieren sie vor allem im sogenannten „Seepferdchen“ im „Hippocampus“. Davon haben wir zwei im Kopf. Eins rechts, eins links. Wir haben ja auch zwei Gehirnhälften im Kopf. Aber dort ist genau die zentrale Steuerungseinheit für Gedächtnis und Erinnerung. Und genau da produzieren wir Zellen. Und das ist ja mal eine gute Nachricht.

Der Verlust von Synapsen, also Verknüpfungen im Kopf, beginnt, so steht es zu lesen, allerdings schon im jungen Alter: Bereits mit 20 Jahren verliert das Gehirn alle zehn Jahre, je nach Hirnregion, bis zu zehn Prozent dieser wichtigen Kontaktstellen im Gehirn. Gilt das für uns alle oder ist das auch Veranlagungs- und Trainingssache? Und macht das dieses unbedingt Alt-werden-wollen nicht ziemlich unattraktiv?

Diese Zahlen habe ich erstens noch nicht gehört und halte sie zweitens für sehr übertrieben. Stellen Sie sich unser Gehirn wie eine riesig große Baustelle vor. Da wird wirklich an allen Ecken permanent gebaut. Da werden Straßen abgerissen und da werden Straßen neu gebaut. Und wenn Sie Ihr Gehirn fordern, dann werden eben mehr Straßen neu gebaut. Man kann das sogar mikroskopisch sehen. Man kann sehen, dass es neue Verbindungsstellen gibt. Und genau das können wir eben trainieren. Die Fähigkeit ist da, wir müssen sie eben nur nutzen. Insofern ist die Botschaft überhaupt nicht, dass wir schon mit zwanzig Jahren anfangen, Synapsen abzubauen. Die Botschaft eher, dass wir noch mit 80 Synapsen aufbauen können. Wenn wir es denn entsprechend tun.

Das Kurzzeitgedächtnis und die Fähigkeit, Neues zu lernen, trifft es in der Regel relativ früh oder am ehesten. Warum ist das so?

Das hängt damit zusammen, dass wir zunächst einmal neue Gedächtnisinhalte über diesen Hippocampus, über diesen zentralen Arbeitsspeicher abspeichern. Und wenn die Erinnerungen so ungefähr ein halbes Jahr alt sind, dann sind sie nicht mehr von dieser einen Station abhängig, sondern sind im Gehirn eingebrannt. Wir können uns an Dinge aus der frühen Kindheit, aus der Schulzeit erinnern. An diese Erinnerungen kommt nichts mehr dran. Sollten wir dement werden, ist es so, dass zunächst die frischen Erinnerungen beschädigt werden, weil dieses empfindliche System dort geschädigt wird. Alte Erinnerungen sind unfassbar stabil. Neue Erinnerungen nicht. Es gibt diesen wunderbaren Spruch: „Ich erinnere mich an immer mehr Geschichten, aber immer weniger daran, wem ich sie schon erzählt habe.“ Das spiegelt das im Kern wider.

Aber wir haben ja noch das Arbeitsgedächtnis. Wie beim PC der Arbeitsspeicher in dem das aktuelle Programm, also das was gerade bei uns läuft, verarbeitet wird. Aber auch das ächzt mit zunehmenden Alter unter der Belastung, oder?

Genau, der Arbeitsspeicher ist die Instanz, die neue Erinnerungen zum einen speichert. Aber das ist nicht alles. Sie bearbeitet sie. Deswegen heißt es ja auch so. Erinnerungen werden nicht abgelegt, wie wir sie mal gemacht haben. Erinnerungen werden immer wieder mal bearbeitet. Zwei Monate, vier Monate, sechs Monate, acht Monate, bevor sie endgültig abgespeichert werden. Das Charmante dabei ist, dass sie verbessert werden. Weil wir unser eigener Regisseur sind, sind wir in unseren eigenen Geschichten auch etwas weniger peinlich, als wir in Wirklichkeit waren.

Wer ist denn am Ende der Veranlasser dieser Verarbeitung?

Sie! Sie sind Ihr Gehirn. Sie sind Ihr Veranlasser. Zwar ist das Gehirn ein Teil von Ihnen, aber Sie sind der Veranlasser. Aber es ist kein bewusster Vorgang, den Sie steuern können. Wenn Sie sich an irgendeine Jugendliebe erinnern, dann sind Sie in Ihrer Erinnerung weniger peinlich, als Sie es in der Erinnerung ihrer Jugendliebe sind. Wahrscheinlich . . . Aber Sie dürfen auch ohnehin nicht die anderen fragen, denn nur Sie sehen das ja am Ende in diesen Pastellfarben.

Schwerpunkt-Wechsel: Man gönnt sich ja auch im Alter abends gern mal ein gutes Schlückchen. Weil man es sich ja auch verdient hat. Das ist für die Seele gut, aber für den Kopf und das Hirn nicht unbedingt, oder?

Das ist hoch umstritten. Es gab immer und es gibt immer noch Studien, die von einem leicht positiven Effekt von – zum Bespiel – Rotwein verkünden. Mein Lehrer hat damals gesagt, dass einige oder mehrere dieser Studien von der Stadt Bordeaux finanziert worden seien. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber lustig wäre es allemal. Wir sind sicher, dass ein exzessiver Alkoholkonsum schädlich ist, wir sind nicht sicher, ob ein leichter Alkoholkonsum schädlich ist. Ich würde aber bezweifeln, dass er tatsächlich für‘s Gehirn nützlich ist.

Körperliche Betätigung scheint allerdings zum Beispiel den Verlust von Nervenzellen in jenen Gehirnregionen zu verlangsamen, die am Gedächtnis beteiligt sind. Stimmt das?

Ja. Wir wissen aber auch noch gar nicht „warum“. Es geht wahrscheinlich – aber auch nicht nur – um die objektiv natürlich verbesserte Durchblutung im Moment des Sports. Aber es geht wahrscheinlich um mehr. Aber wir wissen nicht „warum“. Sport ist aber auf jeden Fall gut für Gehirn und Gedächtnis.

Aber bewirkt „mehr Sport“ auch „mehr Hirn“? Muss ich mich in der Muckibude anmelden und ununterbrochen Gewichte stemmen, in der Hoffnung, dass das meine Denkleistung erhöht, oder tut es am Ende auch der lange Spaziergang oder der Waldlauf? Reicht das für einen positiven Effekt oder muss ich mich anstrengen, muss ich schwitzen und am Ende keuchend im Sessel sitzen?

Es widerspricht unser beider Intuition und vielleicht auch Hoffnung, dass man in der Muckibude was für das Gehirn tut. Ich würde dem aber auch nicht wirklich qualifiziert widersprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch diese Art von Sport hilfreich für Körper und Geist ist. Wenn ich als Neurologe einen Sport empfehlen würde, dann wäre das tendenziell nicht eine Höchstleistung am Wochenende. Also keinen doppelten Marathon laufen sondern lieber jeden Tag einen Drittel-Marathon. Sport lieber nicht am Stück sondern lieber in Scheiben. Nicht klotzen, sondern kleckern. Das wäre neurologisch sinnvoll.

Altersweitsichtigkeit, grauer Star und Schwerhörigkeit machen die Informationen aus der Umwelt für das Gehirn immer unzuverlässiger, es muss sich immer mehr zusammenreimen. Haben Brille und Hörgerät positiven Einfluss auf die Hirnleistung?

Zunächst einmal nehmen wir ja die Umwelt wahr mit Brille und Hörgerät. Und wenn wir aus Eitelkeit eins von beiden oder beides ablehnen, dann ist das ja schon ein Indikator dafür, dass wir nicht übermäßig klug sind. Aber es gibt eine sehr erstaunliche, aber hart bewiesene Untersuchung, die darin besteht, dass Schwerhörigkeit ein erheblicher Risikofaktor für Alzheimer oder überhaupt für Demenz ist. Das hat mich irritiert, weil ich mir nicht herleiten kann, woher das kommt. Es ist aber offensichtlich, dass einer, der schwerhörig ist und an Kommunikation nicht mehr richtig teilnehmen kann, dass diese fehlende Kommunikation ein Demenzrisiko ist. Und das sollte also dazu führen, uns im Zweifel immer für ein Hörgerät zu entscheiden.

Hilft es im Alter tatsächlich Klavier spielen zu lernen? Oder noch besser Japanisch?

Ja! Genau so ist es. Erstens: Kann ich im Alter noch was lernen? Ja! Sollte ich es tun? Auf jeden Fall! Sollte ich etwas völlig Neues, eine Herausforderung lernen? Ausdrücklich: Ja! Wenn Sie Sudoku spielen, dann werden Sie im Alter gut in Sudoku sein. Aber eben nur im Sudoku. Es gibt dann keine Effekte auf Namensgedächtnis oder so. Also müssen sie all diese Dinge einzeln trainieren. Also empfehle ich neue, herausfordernde Dinge. Lernen Sie Japanisch, wenn Ihnen das möglich ist. Scheitern ist ja auch möglich und nicht schlimm. Die größte Herausforderung ist schlicht und einfach die Kommunikation. Ich kann jedem nur empfehlen: Lernen Sie Leute kennen, sprechen Sie mit Leuten, gehen Sie auf Vorträge. Gerne auf meine, aber zur Not auch auf andere . . . Schauen Sie Filme, gerne in Originalsprache mit Untertiteln. Stellen Sie sich neuen Situationen und Sie werden davon massiv profitieren.

Gutes regelmäßiges Essen kommt der Hirnleistung zugute, weil das Gehirn zwar nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber immerhin 20 Prozent der Energie auffrisst. Das stimmt aber, oder?

Also die Zahlen stimmen. Was ja auf erstaunliche Weise zeigt, wie energieaufwendig das Denken ist. Das ist ja nichts, was man äußerlich sehen kann. Das Herz pumpt. Das ist Schwerstarbeit. Meine Muskeln tragen mich durch die Gegend. Das ist Schwerstarbeit. Das Gehirn denkt nur und verbraucht dabei viel mehr, als man aufgrund der Kleinheit des Gehirns vermuten würde. Wenn Sie jetzt allerdings einen Tipp zum Essen vor mir haben wollen: Gut und vielfältig-natürlich essen ist natürlich gut, aber am Ende essen wir vermutlich alle viel zu viel. Es ist wahrscheinlich sinnvoll, die schiere Menge der Nahrung – nicht nur bei einer Diät – zu reduzieren. Das fördert auch die Denkleistung.

Am besten wäre natürlich wirklich die „Pille davor“, also die Pille, die mich vor Hirn-Verschlechterung schützt. Gibt’s die nicht schon?

Die Frage kann ich ja nur beantworten mit dem Risiko, dass ich bald einen Anwalt auf der Matte stehen habe. Mache ich aber trotzdem. Die ganzen Nahrungsergänzungsmittel, ob sie aus der Apotheke sind oder aus dem Supermarkt, wo sie inzwischen ja keinen Fruchtsaft mehr kaufen können, ohne dass sie belästigt werden mit Folsäure-Zusatz, Zink-Zusatz und Selenzusatz, sind nutzlos. Alle diese Dinge sind völlig überflüssig oder zum Teil bei Überdosierung sogar gefährlich, wenn wir uns normal gemischt ernähren. Bei einer normalen Ernährung können wir auf all diese Dinge verzichten. Nichts wird uns auch nur einen einzigen Nutzen bringen in Bezug auf den Denkapparat.

Ihr finaler Tipp für die fitte Gehirn-Zukunft lautet?

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Das ausführliche Interview mit Dr. Magnus Heier aus der Rubrik „treu trifft“, in der auch erklärt wird, warum das Mittagsschläfchen so sinnvoll ist, warum der Super-Fußballer Ronaldo sogar in mehreren Etappen nach einem ganz genauen Plan schläft und wie das Blatt, das man bereits bei der Geburt im Kopf hat, alles andere als unbeschrieben ist finden Sie auf www.ikz-online.de, Facebook und Youtube.

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