Interview

Hugo Egon Balder: „Ich war noch nie ein Selbst-Bewunderer“

Lesedauer: 13 Minuten
Hugo Egon Balder, Fernsehmoderator, Fernsehproduzent, Musiker, Schauspieler und Kabarettist, lebt mittlerweile in Hamburg, schaut für Theater-Gastspiele aber gerne auch mal in Iserlohn vorbei.

Hugo Egon Balder, Fernsehmoderator, Fernsehproduzent, Musiker, Schauspieler und Kabarettist, lebt mittlerweile in Hamburg, schaut für Theater-Gastspiele aber gerne auch mal in Iserlohn vorbei.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Iserlohn/Hamburg.  Natürlich denkt man bei Hugo Egon Balder auch an allerlei Klamauk, aber er begeistert sich in Corona-Zeiten an der Relativitätstheorie.

„Moin!“ Zugegeben, es ist nicht wirklich mein erster Gedankenaustausch mit Hugo Egon Balder. Ich erinnere mich noch an unser erstes Zusammentreffen auf der „Nah dran“-Talk-Bühne im Iserlohner Parktheater. Dem manchmal auf den ersten Blick etwas knarzig wirkenden Mimen und TV-Schaffenden war wohl mitgeteilt worden, dass das garantiert nicht ganz so schlimm würde mit dem fremden Mann da oben auf der Bühne, aber trotzdem gab er zunächst bei der „Knackbarkeit“ eher die Talk-Para-Nuss, um dann aber doch langsam aufzutauen und zwischenzeitlich sogar das Gefühl kurz aufblitzen zu lassen, dass es sooo schlecht nun auch wieder nicht war. Sein besonderer Trick: Der Interviewer stellt eine sprachlich wie inhaltlich sehr genial angelegte umfangreiche Frage und Balder antwortet mit einem „Ja!“ Oder „Nein!“ Oder „Warum das denn?“ Beim zweiten Mal wurde er dann aber doch schon deutlich zutraulicher, scherzte, dass es eine große Freude war. Inzwischen geht es demzufolge auch leichter, als ich ihn im neuen Domizil an der Elbe (angeblich ziemlich ganz in der Nähe von Guido Maria Kretschmer) anrufe und mal nach dem Gefühlstand der Dinge frage. Und nach dem Gesundheitszustand. Die dafür nicht anders zu erwartende Antwort lautet natürlich: „Gut!“

Herr Balder, Sie leben jetzt in Hamburg, haben einen Großteil Ihres Lebens in Köln verbracht. Geht der Hanseat an sich anders mit Corona um als der Rheinländer?

Ich glaube nicht, ich glaube, da sind sie alle gleich. Sie sitzen alle zuhause, dürfen nachts nicht raus und finden es alle nicht so schön. Das macht keinen Unterschied, ob man da in Hamburg oder in Köln ist.

Ich habe über Sie die Meinung eines Kritikers gelesen, wonach Sie als ein Garant für unangepassten Humor gelten. Darf man über Corona Witze machen?

(lacht) Ja, kann man machen. Da gibt es den schönen Satz: Okay, wenn die jetzt alle meckern, dann können wir so was wie Corona eben nicht mehr machen!

Vor gerade mal einem Jahr zum 70. Geburtstag haben Sie auf eine Corona-Frage eines Journalisten „Was macht das mit Ihnen“ geantwortet: „Nichts. Ich bin ganz froh, wenn ich ehrlich bin. Ich sitze zu Hause, meine Kinder und meine Frau werden da sein, und das isses.“ Ist das immer noch so?

Im Prinzip schon, es wird nur langsam etwas langweilig. Sagen wir mal so: In der Zeit vor Corona habe ich ein bisschen viel gearbeitet. Ich war bei mir auch wirklich an der Grenze. Und dann kam Corona und da war das erst einmal wie Urlaub. Mittlerweile sage ich: Man kann es immer noch aushalten, aber es wäre auch schön, wenn jetzt Feierabend wäre.

Aber ist es auch immer noch so, dass sie ohnehin keinen besonderen Bock auf Kontakt mit anderen Leuten haben?

Nee, so ist es nicht. Das fehlt mir schon. Vor allen Dingen fehlt mir das Theater. Das fehlt mir am allermeisten. Das geht uns eigentlich allen so, aber ich bin ja da noch in einer sehr glücklichen Lage, wenn ich so an andere Kolleginnen und Kollegen denke.

Viele Kollegen klagen auf Theater-Tourneen immer über die Einsamkeit der Hotelzimmer.

Blödsinn!

Für Sie wahrscheinlich sogar ein Hochgenuss?

Nein, das ist tatsächlich Quatsch. Es geht wahrscheinlich vielen Kolleginnen und Kollegen so, dass es das Höchste ist, auf der Bühne zustehen. Und wenn sie dann alleine ins Hotel zurückgehen nach diesem großen, großen Applaus wird es dann plötzlich so leise. Das ist aber alles albern. Es ist ein ganz normaler Job. Man steht auf der Bühne, man unterhält die Menschen. Außerdem ist es ja bei uns auch nicht so, wenn wir auf Tournee gehen, dass jeder sofort auf sein Zimmer geht. Wir sitzen ja noch zusammen und trinken einen.

Waren Sie eigentlich schon immer Einzelkämpfer oder auch Einzelgänger? Auch als Sie noch Egon Hugo waren? (Das muss man vielleicht etwas erklären, denn Hugo Egon Balder ist ursächlich als Egon Hugo zur Welt gekommen, aber ein Musikproduzent befand Jahre später, dass sich das anders herum besser anhört.)

Einzelkämpfer war ich zumindest in den Bereichen, was ich machen wollte. Da habe ich mir zumindest von anderen Leuten nicht reinquatschen lassen. Aber im Prinzip bin ich ein Team-Player. Ich arbeite gerne im Team.

Heinz Erhardt, den Sie wohl im Rahmen Ihrer Möglichkeiten ganz gut finden, war ein großer Selbstzweifler. Sie auch?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich aber auch noch nie überschätzt. Ich bin weder ein Selbstzweifler noch ein Selbst-Bewunderer.

In dem oben schon bereits einmal zitierten Interview haben Sie auch gesagt: „Ich habe, weil das Theater nun zu ist, gestern den ganzen Abend Arte geguckt und weiß jetzt, wie die Relativitätstheorie funktioniert. Das war ein großer Bericht über Stephen Hawking und Einstein. Diese Leute haben etwas hinterlassen. Ich hinterlasse nichts.“

Genau so ist es auch.

Aber ist das nicht eine leichte Untertreibung? Man muss doch kaum jemandem erklären, wer Hugo Egon Balder ist.

Ja, aber ich hinterlasse trotzdem nichts. Es wird sich niemals jemand an mich erinnern und wird sagen: Das war ja großartig! Vielleicht werden einige sagen: Der war ganz lustig! Aber das ist dann auch alles. Aber das kann man wirklich nicht mit anderen Leuten vergleichen. Das wäre sehr vermessen. Ich gucke übrigens immer noch Arte, das ist sehr schön.

Sie wirken immer so fürchterlich abgeklärt. Haben Sie denn gar keine Träume, außer vielleicht, dass dieses Gespräch bald zu Ende ist?

Nein, ich unterhalte mich ja sehr gerne mit Ihnen. Und nein, aber diese Träume habe ich nicht. Ich habe mir auch nie irgendwas vorgestellt. Ich kam oder komme immer in Situationen, die dann plötzlich vor mir auftauchen und dann muss ich mich entscheiden, ob ich es mache oder nicht. Da ist aber nie ein Wunsch dabei. Ich habe auch noch nie davon geträumt, den Hamlet zu spielen.

Ich zitiere mal aus ihrem musikalischen Lebenswerk: „Elvira, hol’ dein Strumpfband ab, ich schlaf’ nicht mehr mit Dir. Und nimm auch deine Mutter mit, was soll die denn bei mir?“

Genau!

Wenn Sie heute diese von Ihnen stammende oder verbreitete Textzeile lesen, macht das was mit Ihnen? Können Sie wenigstens selbst darüber lachen?

Naja, das kann man ja heute noch machen. Das sind ja Texte, die ich nicht selbst geschrieben habe. Die hat mein Freund Heinz Freitag damals geschrieben. Das könnte man auch heute noch machen. Es ändert sich ja nicht viel in den Erlebnissen und in den persönlichen Beziehungen. Die Welt ändert sich, aber die persönlichen Eigenarten der Menschen bleiben gleich.

Dereinst nannte man Sie „Titten-Balder“ oder „Herr der Möpse“. Aber im Vergleich zu den heutigen Tussie- und Durchgeknallten-Shows war das ja eher so seriös wie eine Übertragung einer Heilig Abend-Messe aus dem Kölner Dom...

Genau so!

Kann man das eigentlich noch vergleichen?

Nee, das kann man überhaupt nicht vergleichen. Ich sehe es ja nicht, aber alles, was heute angeboten wird, also alles vielleicht nicht, sondern vieles – das ist ja zum Fremdschämen, das ist ja grauenhaft. Da kann man ja nicht mehr hingucken. Ich habe da auch noch nie hingeguckt. Ich lese das und höre das und denke: Du lieber Gott, was ist das alles arm. Was sind wir bloß geworden. Was ist das alles furchtbar.

Stimmt es, dass Sie noch nie eine Folge vom „Dschungelcamp“ gesehen haben?

Nein, noch nie.

Und folglich auch bis dato noch keine Einladung dazu erhalten haben?

Die kämen auch gar nicht auf die Idee, mich danach zu fragen.

Das ist ja auch ein schönes Gefühl…

Ich mache mir darüber auch keine Gedanken, weil es mir einfach sch..ssegal ist.

Sind Sie immer noch Teilhaber der Hamburger Szene-Kneipe „Zwick“? Und wird es die Kneipe auch nach Corona noch geben?

Die ist zwar zu im Moment, aber wir werden wieder aufmachen. Nur wann, weiß ja keiner.

Aber dass Sie wieder aufmachen steht fest?

Wenn wir wieder dürfen machen wir auch wieder auf! Klar!

Ihr Freund René Heinersdorff hat drei private Theater. Kann sich der normale Theater-Besucher überhaupt vorstellen, wie es dem im Moment geht?

Nein, das kann sich keiner vorstellen. Zumal ja auch die Berichterstattung im deutschen Fernsehen – selbst bei 3sat im Kulturmagazin – sehr enttäuschend ist. Sie sprechen die schlimme Zeit und Lage der Theater während Corona an, laden dann aber den Intendanten vom Schauspielhaus Berlin oder Düsseldorf ein, der sich natürlich beklagt. Aber diese Theater werden mit Millionen bezuschusst, der Intendant kriegt weiter seine Kohle, die festangestellten Schauspieler auch. Und dann frage ich mich, warum sie nicht mal so einen Typen wie Heinersdorff einladen, der drei Privattheater hat und der keinen Cent bekommt. Und das finde ich bisschen schade.

Ihr Schauspieler-Kollege Jochen Busse, zehn Jahre älter, gibt morgens noch die Yoga-Kerze und den Menuhin-Kopfstand und macht bei Bedarf auch noch Hula-Hoop. Kriegen Sie Gänsehaut, wenn Sie sich das für sich vorstellen müssten?

Ich stelle es mir nicht vor. Ich weigere mich, mir das vorzustellen.

Der Jochen würde ja auch, wenn er im Moment dürfte, wie ein Wilder Theater spielen. Möchten Sie das mit 80 auch noch? Oder ist irgendwann auch mal gut?

Nee, würde ich gern auch noch. Und wenn ich mit 80 noch so drauf bin wie Jochen, dann würde ich mich sehr darüber freuen.

Letztes Zitat für heute zu Corona von Ihnen: „Vielleicht sollte man einfach schauen, dass man seinen Optimismus behält. Dass man seine Fröhlichkeit nicht verliert, trotz dieser Krise, in der wir sind, und nicht alles so verbissen sieht.“ Kann man das eigentlich auch im Alter noch lernen oder muss man mit dieser Haltung geboren sein?

Das ist die große Frage. Das weiß ich nicht, keine Ahnung. Man kann schon noch ein bisschen was dazulernen, aber auch schon eine gewisse Grundeinstellung haben. Wenn man als Pessimist auf die Welt kommt und sein ganzes Leben mit Pessimismus verbracht hat, dann wird man das mit 75 auch nicht ablegen. Man wird vielleicht in Kleinigkeiten sich besinnen, aber ganz weg – glaube ich – geht’s nicht.

Aber ich hoffe mal, Ihre geplante Begeisterung für die entspannenden und durchlüftenden Spaziergänge am Elbufer hält noch an. Oder gibt es doch so etwas wie Heimweh nach Köln?

Nö, Heimweh gibt’s überhaupt nicht. Köln war ja im Prinzip nicht so… Heimat. Okay, ich bin da hingekommen, ich kenne aber da sehr wenig Leute, obwohl, ich da 30 Jahre gelebt habe. Aber ich war ja auch viel unterwegs. Meine Heimat ist Berlin, aber da möchte ich auch nicht wieder hin, weil sich da auch so viel verändert hat. Ich finde es einfach schön, wo ich jetzt hier bin. Hamburg ist eine schöne Stadt, ist architektonisch toll und ich liebe den Humor der Leute hier.

Nur mal angenommen: Wenn gleich der Gesundheitssenator von Hamburg anruft und sagt: „Lieber Hugo Egon, Du bist systemrelevant für Hamburg. Du bist zwar erst 71, aber wir haben doch noch ein Fläschchen AstraZeneca über.“ Würden Sie das nehmen?

Ja, sofort!

Na dann, danke für das Gespräch und auch beruflich alles Gute!

Wir sehen uns in Iserlohn!

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