Interview

„Ich habe ein ordentliches Leben geführt“

Fehlen eigentlich nur noch die Dackel zu seinen Füßen. Ob sich Horst-Werner Maier-Hunke nach seinem 80. Geburtstag die Zeit zum Muße-Stündchen unterm Baum nimmt, darf bei diesem unruhigen Geist durchaus bezweifelt werden.

Fehlen eigentlich nur noch die Dackel zu seinen Füßen. Ob sich Horst-Werner Maier-Hunke nach seinem 80. Geburtstag die Zeit zum Muße-Stündchen unterm Baum nimmt, darf bei diesem unruhigen Geist durchaus bezweifelt werden.

Foto: Michael May

Iserlohn.   Ein Geburstags-Gespräch mit Horst-Werner Maier-Hunke über die Lust am Lernen, am Helfen und den Willen zum Erfolg.

Sein Blick ist immer etwas amüsiert-lauernd, seine Stimme leise, seine Sprache flottens schnell, aber in jedem Wort überlegt – das sind wohl neben seinem Willen zum Erfolg und dem großen Menschen-interesse auch schon fast echte Markenzeichen dieses Horst-Werner Maier-Hunke. So auch an diesem Morgen, als wir uns im Konferenzzimmer „seines“ Hidden Champion, dem vielseitigen Büroausrüster DURABLE an der Westfalenstraße zu einem vorgezogenen Geburtstags-Gespräch treffen. Am kommenden Montag, 7. Mai, wird Maier-Hunke 80 Jahre alt. Oder eher jung. Was in seinem Fall wohl die richtigere Bezeichnung sein dürfte, denn seiner gern zur Schau getragenen Bedächtigkeit wohnt eine unbeugsame Spannkraft inne. Über den langjährigen Arbeitgeber-Präsidenten und Bundesverdienstkreuz-Träger Maier-Hunke ist in den zurückliegenden Jahren unzählig oft geschrieben worden, wurden Laudatien von und an höchster Stelle gehalten. Heute – zu so einem Anlass – darf man sich auch schon mal gemeinsam freuen, dass es seinen beiden Dackeln Mick und Muk in diesen Tagen ganz prächtig geht. Horst-Werner Maier Hunke wird später sagen: „Das ist ja auch ohnenhin fast dasWichtigste!“

Herr Maier-Hunke. Erlauben Sie mir zum Auftakt die wohl naheliegendste Frage: Wie geht es Ihnen an der Schwelle zum neuen Lebensjahrzehnt?

Gut. Vorzüglich. Ich kann nichts anderes sagen. Ich fühle mich nicht so alt, als würde ich ein neues Lebensjahrzehnt bestreiten. Und wenn ich meine Altersgenossen betrachte, dann weiß ich, dass es richtig ist, dass es mir gut geht.

Und auch die erste grundsätzliche Wirtschafts-Frage sei zum Auftakt gestattet: Wie läuft es bei Durable?

Gut. Natürlich gibt es viele Branchen in Deutschland, die nicht so von der Konjunktur gesegnet sind. Und auch wir haben da unsere Probleme. Jeder merkt die Digitalisierung. Und wenn Sie sich mal Ihre berufliche Karriere anschauen, dann merken Sie am ehesten, was sich da verändert hat. Das ist bei uns nicht anders, denn Büro sieht heute anders aus als vor vierzig Jahren. Auch wir müssen neue Produkte entwickeln, sonst wird es auch uns bald nicht mehr geben.

Wo liegen aktuell national wie international Ihre Schwerpunkte?

Unsere Schwerpunkte liegen in der regionalen Entwicklung, in der Entwicklung außerhalb Deutschlands und bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von Produkten, die von der Digitalisierung nicht betroffen sind.

„Nicht“ betroffen sind?

Nicht betroffen sind!

Sie sind seit 2001 mit einer eigenen Gesellschaft in Amerika. Bereitet Donald Trumps „America First“-Politik Ihnen Schwierigkeiten?

In Amerika selbst merken wir nichts. Die Konjunktur dort brummt. Auch kleine Firmen profitieren von den neuen Steuergesetzen, die Trump macht. Was mich in seinem Fall schon nachdenklich macht, ist seine erratische Kultur. Heißt, man ist bei ihm vor nichts sicher. Das macht mich gerade in der Außenpolitik sehr nachdenklich.

Beschert Ihnen E-Commerce in diesen Zeiten eine Sonderkonjunktur?

Es hat uns auf der einen Seite einen Aufschwung beschert, auf der anderen Seite aber auch neue Risiken. Wenn ich da an Amazon denke. Ein toller neuer Kunde, dessen rasante Entwicklung allerdings auch mächtige Gefahren birgt. Das sind ja keine zusätzlichen Umsätze, die es vorher am Markt nicht gegeben hat. Das sind Umsätze, die von unseren alten Kunden weggehen und zu einem neuen Kunden gehen. Und der neue Kunde betrachtet zwar seine Kundschaft mit Interesse, nicht aber seinen Lieferanten.

Haben Sie Verständnis für Firmen, die sagen, sie kooperieren gar nicht erst mit einem Giganten à la Amazon?

Das tun in der Tat einige, aber es ist faktisch nicht möglich. Die entwickeln sich so rasant weiter. Man darf auch nicht vergessen, dass das auch eine gewaltige IT-Gesellschaft ist, die ihr Lager eigentlich nur als Anlage hat. Die haben sich in Deutschland in den vergangenen drei Jahren beim Bürobedarf aus dem Stand von Null auf 480 Millionen entwickelt. Da begreift man die Dynamik.

Stichwort: Start-up, Gründer-Szene, Höhlen voller Löwen - Welchen Rat geben Sie jungen Unternehmensgründern?

Ich glaube daran, dass es viele Nischen gibt. Und dass es viele gute Ideen gibt. Von daher würde ich jedem jungen Menschen raten, sich damit zu beschäftigen. Auch wir beschäftigen uns mit Start-ups, suchen nach neuen Ideen. Und wenn ein Unternehmen gut aufgestellt ist, ist es auch gut beraten, ein Innovationsmanagement zu haben.

Sind Sie eher der emotionale Mensch oder eher der Logiker?

(lange Denkpause) Ich glaube, ich bin eher eine Mischung. Die Logik hat für mich schon eine gewisse Notwendigkeit, aber ich habe auch sehr viele emotionale Momente. Gerade bei neuen Produkten geht es auch sehr viel um das Bauchgefühl.

Zum 80. darf man den Wirtschaftsboss auch mal fragen: Trainieren Sie Ihr Gedächtnis?

Ich wundere mich selber – und meine Mitarbeiter vermutlich noch viel mehr – , dass mein Gedächtnis so funktioniert. Aber vielleicht ist ja auch die tägliche Arbeit ein gutes Training. Oder die Vielzahl der unterschiedlichen Aufgaben, die ich immer noch mache. Eines meiner Hobbys ist ja über unsere Verbände immer noch die Arbeit mit Flüchtlingen. Da braucht es Kreativität und Nachhaltigkeit. Und der Erfolg gibt einem das gute Gefühl.

Und auch das darf man jetzt fragen: Denkt man oft und nachhaltig über die Frage der Unternehmensnachfolge nach, über die Zeit nach einem selbst?

Natürlich muss man das auf dem Schirm haben, denn es geht ja nicht um einen selber, sondern es geht um das Unternehmen und die Mitarbeiter. Ich denke allerdings auch, dass ich heute über Alter anders nachdenken muss, als früher. Ich sehe heute viele Kollegen, die auch im Alter gut und effektiv arbeiten. Und das muss man auch nutzen. Und dafür die richtig Form finden.

In einer Rede haben Sie gesagt: Wir müssen aufzeigen, dass ethische und soziale Werte und erfolgreiches Wirtschaften sich gegenseitig befördern. Inwieweit ist ein Unternehmen heute auch eine soziale Einrichtung?

Das war es schon immer, aber nicht so deutlich. Und heute spricht man eher drüber. Die Verantwortung, die Unternehmer und auch Führungskräfte haben, wird heute eher diskutiert und auch hinterfragt. Das Grundgesetz sagt schon, dass ein Unternehmen auch ein soziales Unternehmen ist. Richtig interpretiert beinhaltet das ja auch die soziale Marktwirtschaft. Vielleicht folgt noch nicht jeder Unternehmer dieser Idee. Aber wohl doch die große Mehrzahl.

Wie lernt man etwas fürs Leben?

Eigentlich jeden Tag. Es ist das Erleben von täglichen Situationen, die einen befördern, wenn man sie kritisch sieht. Wenn ich an meine ersten bewussten Erlebnisse zurückdenke, dann war das sehr, sehr früh. In den Kriegsjahren haben wir uns mit dem Überleben beschäftigen müssen. Ich habe nach dem Krieg die Flüchtlingswellen in Bayern erlebt. Jahre später die Flüchtlinge in Nepal.

Sie waren als Entwicklungshelfer in Nepal, haben neben vielen Erfahrungen auch acht Wurmtypen in Ihrem Körper mitgebracht. Sie kennen das Antlitz und den Geruch von Armut und Elend. Wie konnten Sie danach jemals ernsthaft über ein Prozent mehr oder weniger in der Lohntüte streiten?

Das muss man natürlich unterscheiden. Ich sage Ihnen ein Beispiel aus der Entwicklungshelferzeit. Wir haben ein College gebaut und das erste, was wir gemacht haben, war, zur Vereinfachung einen Aufzug für die Ziegelsteine zu bauen. Nach einer Woche kam der Vorarbeiter und hat gefragt, ob wir den Aufzug wieder abbauen könnten. Mehr als einhundert Männer und Frauen, die bisher Ziegel geschleppt hatten, waren auf einem Schlag arbeitslos. Da stehen sie vor einem Dilemma: Sie wollen Fortschritt bringen und machen die Leute damit ärmer. Dieses Problem lässt sich auch auf aktuelle Tarifabschlüsse in unserer Gesellschaft durchaus übertragen. Und das wird sich mit der technischen Entwicklung noch verschärfen.

Als Sie 2005 Arbeitgeberchef der Metallindustrie wurden, war das Klima zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern noch viel konfliktreicher. Sie haben erzählt: Hier und da wurde sogar noch mit Tomaten geworfen. Wie würden Sie das grundsätzliche Verhältnis von Gewerkschaften und Arbeitgebern in Deutschland heute beschreiben?

Ich kann es ja nur an meiner Position beschreiben. Ich habe fast so viele Kontakte mit Unternehmern wie zu Gewerkschaftern. Ich habe auch immer gesagt, dass wir in Deutschland gute Gewerkschaften haben. Dass Unternehmer natürlich andere Schwerpunkte haben, kann und muss man verstehen. Was man sehen muss: Die starken Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass Unternehmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagert haben. Das war manchmal etwas zu früh und zu schnell, aber auf lange Sicht auch wieder notwendig. Da mussten Kompromisse gefunden werden.

Sie haben zu SPD-Zeiten in NRW eine mangelnde Aufbruchsstimmung in der Wirtschaft beklagt. Sieht das heute in NRW und auch im Bund besser aus?

Prinzipiell wird mir heute noch viel zu viel gejammert, die Jammerkultur ist zu ausgeprägt. Wenn man genau hinschaut, gibt es eigentlich nicht allzu viel zu jammern. Nur eine noch schnellere Entwicklung würden die Menschen wahrscheinlich gar nicht verkraften.

Würden Sie manchmal Ihr Unternehmen lieber in Bayern angesiedelt wissen?

Natürlich, das wäre mir auch schon vor 40 Jahren lieber gewesen. (lacht) Ich denke, man muss seinen Job da machen, wo man hingeboren wird, hingeworfen wird oder hingeht. Ich fühle mich heute wohl hier.

Ich dachte auch eher an die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Das würde ich nicht sagen. Obwohl das Wirtschaftsministerium in Bayern in den letzten Jahrzehnten emsiger war als das nordrhein-westfälische. Die hatten aber auch nicht die Transformation von Kohle und Stahl in neue Industrien; die Bayern konnten vom Agrarstaat in die neue Welt eintreten.

Hätte die Kanzlerin Sie gefragt, hätten Sie ihr zur neuerlichen Groko geraten?

Nein. Sie hat mich nicht gefragt. Aber ich hätte ihr auch nicht dazu geraten. Mir wäre eine Koalition mit den Grünen und der FDP lieber gewesen. Auch wenn es für die Kanzlerin schwieriger geworden wäre. Ich glaube, sie hat sich nicht genügend Mühe gegeben das zu tun, was notwendig war.

Haben Sie denn auf der anderen Seite Verständnis für Lindner, dass er ausgestiegen ist?

Dafür habe ich kein Verständnis. Und ich habe ihm auch einen Brief geschrieben.

Und? Hat er geantwortet?

Nein. Er hat wahrscheinlich viele Briefe bekommen.

Schon vor der Flüchtlingswelle haben Sie den Kampf für eine gute Ausbildung zu Ihrem Thema gemacht. Sind Sie sicher, dass wir heute auf dem richtigen Weg sind?

Wir sind sicher auf einem guten Weg. Auf dem richtigen Weg gibt es noch vieles zu verbessern und zu verändern. Teilweise müssen wir erst noch neue Berufsbilder entwickeln. Oder uns auch über gerechtere Entlohnung Gedanken machen. Zum Beispiel im Friseurgewerbe. Andererseits müssen auch wir bereit sein, dem Friseur für seine Arbeit das zu geben, das er braucht, um seine Mitarbeiter vernünftig entlohnen zu können. Auch bei den Pflege- und Erziehungsberufen muss und kann die ganze Ausbildung verbessert werden. Aber auch die Politik muss da mitziehen. Aber um Veränderung anzustoßen, braucht es auf allen Seiten auch viel Demut.

Und noch ein Maier-Hunke – Zitat: „Wir müssen in Deutschland wieder mehr arbeiten und mehr leisten. Mit der 35-Stunden-Woche werden wir nicht überleben.“ Jetzt liegen die neuesten Arbeitszeitvorschläge der Gewerkschaften auf dem Tisch. Sind Sie froh, nicht mehr am Verhandlungstisch zu sitzen?

Man muss ja alles mal richtig interpretieren. Wir haben in der vergangenen Tarifrunde ja die Aufhebung der 35-Stunden-Woche beschlossen, haben die Zahl der Mitarbeiter, die länger arbeiten können, ausgeweitet.

Sie leben in Ihrem Betrieb Industrie 4.0. Verstehen Sie das noch alles, was dazu gehört?

Ich gebe mir jeden Tag Mühe. Ob ich wirklich alles verstehe, mag dahingestellt sein. Ich kann aber nur an alle Mittelständler appellieren, dass 4.0 ein Punkt ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Klar ist doch: wenn wir höhere Löhne bezahlen wollen, brauchen wir höhere Effizienz.

Wie stehen Sie zu dem Satz: Man muss die Dinge verändern, um sie zu bewahren?

Ja. Bewahren heißt zum Beispiel in der Elektroindustrie: wenn wir die hohen Löhne bewahren wollen, müssen wir uns verändern, denn andere Länder tun das auch.

Welche Eigenschaft ist für einen Unternehmer heute wichtiger: Ehrgeiz oder Demut?

Beides. Ehrgeiz ohne Demut führt in die falsche Richtung. Wer aber nur demütig ist, wird nicht erfolgreich sein.

Wenn Sie heute noch einmal 20 wären, gäbe es für Sie Dringlicheres, als Unternehmer zu sein?

Die Frage stelle ich mir natürlich auch manchmal. Als ich 20 war, war die Entscheidung einfacher zu treffen. Da war ich beim Militär. Da lief die Welt langsamer. Mit dem, was ich heute weiß, würde ich versuchen, noch mehr zu lernen, noch mehr zu reisen. Vielleicht würde ich aber dann auch nicht in Deutschland arbeiten.

Wegen Deutschland?

Nein, wegen der herausfordernden Probleme in anderen Ländern.

Wie fällt Ihre Zusammenfassung zum 80. Geburtstag aus, wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen?

Ich habe viel Glück gehabt im Leben. Habe viele Zufälle getroffen, aber die Zufälle waren immer zu meiner Zufriedenheit. Ich habe ein ordentliches Leben geführt, habe mich nie über Arbeit beklagt. Ich bin eigentlich zufrieden heute.

Von dem Schweizer Autor und Ufo-Forscher Erich von Däniken stammt der Satz: „Ich bin voll dabei, bis ich in die Grube steige.“ Könnte der auch von Ihnen sein?

Ich kenne Herrn von Dänikens bewegtes Leben. Aber Arbeit bis in die Grube? Ich freue mich zum Ende meines Lebens vielleicht auch noch, einmal ein paar Jahre zu haben, wo ich etwas anderes tun kann als zu arbeiten. Ich freue mich noch aufs Reisen, baue gerade in Nepal eine Bibliothek in einer Schule in Kathmandu. Aber so ganz weit weg bin ich von der von Däniken-Spur dann wahrscheinlich doch nicht.

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