Trödel

„Ich lasse niemand schlecht aussehen!“

So sehen also Menschen aus, die in der Welt, in der sie leben, das pure Glück verspüren: Galerist und Antiquitäten-Experte Detlev Kümmel.

Foto: Thomas Reunert

So sehen also Menschen aus, die in der Welt, in der sie leben, das pure Glück verspüren: Galerist und Antiquitäten-Experte Detlev Kümmel. Foto: Thomas Reunert

Lüdenscheid/Brügge.   Sein gelebter Traum – Detlev Kümmel hat die Ruhe weg, wenn es um Kunst, Krempel und seine Menschen-Freundschaft geht

Uff! Nach neunzig Minuten Besuch bei diesem Detlev Kümmel in Brügge sieht es im eigenen Kopf in etwa so aus wie in seinem Laden. Wertvolles und weniger Wertvolles steht kampf- und kommentarlos nebeneinander, man weiß zu keinem Zeitpunkt so recht, wohin man sich zunächst wenden soll. Alles sieht auf den ersten Blick vielleicht ein wenig nach Chaos aus, dem aber offenbar doch eine ganz bestimmte Ordnung innewohnt. Alles ist irgendwie wichtig. Und vielleicht auch unwichtig. Selbst den Dingen, die am Ende doch nur noch weggeschmissen werden sollen, wird allerdings noch ein besonderer Wert attestiert. Vielleicht nur ein ideeller. Aber immerhin. Erinnerungen kann man ja nicht auf Kommando löschen, bezahlen schon gar nicht.

Versuchen wir es aber doch mal mit einer Einordnung. Wir sind also an diesem Nachmittag in der Kunst- und Antiquitäten-Galerie des Detlev Kümmel. Bevor man ihn, den baumlangen 49-Jährigen mit dem kernigen Händedruck und den blitzwachen Augen kennenlernt, ist das vielleicht noch nicht einmal eine Geschichte. Galerien dieser Art gibt es nun mal landauf landab. In den deutschen Metropolen an Rhein und Isar gern mit Jetset- oder Vornehmheits-Zuschlag, auf dem Land wohl eher mit einer kernigen Gediegenheit.

Die Geschichte des Detlev Kümmel aber bekommt dadurch einen etwas besonderen Dreh, weil er seit einigen Monaten Teil eines höchst erfolgreichen TV-Formats ist. „Bares für Rares“ heißt das Projekt, bei dem Menschen wie du und ich Kunst und Krempel aus Bankfach und Bodenkammer anschleppen können, um damit – bei Gefallen der Macher – erstens ins Bild gerückt zu werden und zweitens nach erfolgversprechender Vorschätzung durch einen sachverständigen Begutachter (wie Detlev Kümmel) von einem Aufkauf-Team auch noch den einen oder anderen „Zwanni“ oder „Hunni“ zugesteckt zu bekommen. Das Ganze wird launig moderiert von Knautschkopf Horst Lichter, der unlängst die Kochlöffel und Pfannen gegen die Knickerbocker und philosophisches aus der Kramer-Welt eingetauscht hat und für’s Menscheln und die jeweilige Geschichte hinter Omas Seltmann-Weiden Nachttopf oder die zur vollen Stunde Liebe machende Taschenuhr zuständig ist.

„Und das soll es jetzt gewesen sein? Im Leben nicht!“

Zurück also zur Galerie Kümmel und ihrem Besitzer. Später im Gespräch wird er zwei vermutlich für seine Lebens- und Geschäfts-Philosophie ganz wichtige Dinge sagen. Erstens: „Ich lasse niemand schlecht aussehen. Egal, was für einen Schrott er mir bringt.“ Und zweitens: „Es gibt keinen schwierigen Markt. Es muss nur der richtige Kunde kommen.“ Überhaupt scheint es für Detlev Kümmel kaum wirkliche Probleme zu geben. So sehen also Menschen aus, die mit sich und der Welt im Reinen sind. Menschen, die sich vorgenommen haben, jedes Lebensjahr noch eine Schüppe draufzulegen.

Kümmel, der Selfmade-Glückliche, hat nach eigener Aussage eine typische Lüdenscheider Jugend verbracht, die „unweigerlich nur in der Lehre als Automechaniker oder Werkzeugmacher enden konnte“. Vorher noch die Realschule. Kümmel sagt, er sei schon seit früherster Jugend immer an allem Möglichen hochgradig interessiert gewesen, habe immer schon gern ältere Freunde und Menschen um sich gehabt, „weil ich von ihnen lernen konnte“. Aber er habe sich auch schnell gelangweilt. Einmal habe er nach finaler Aufforderung durch den Lehrer in Mathe eine Eins geschrieben und auf die Frage, warum er das nicht schon vorher getan habe, geantwortet: „Weil Sie es mir nicht gesagt haben, dass ich das tun soll.“

Kümmel wird also Werkzeugmacher, kann seinen Chef mit seiner Leistung schnell überzeugen. Auch sein Vater, ebenfalls Metallverarbeiter, ist stolz und gratuliert dem Filius dazu, nun bereits in jungen Jahren die Weichen für sein Leben final erfolgreich gestellt zu haben. Da erschreckt sich der Sohn: „Ich war zwanzig Jahre alt und habe gedacht: Das soll es jetzt also gewesen sein? Im Leben nicht!“ Er schnappt sich sein bisheriges Hobby „Kampfsport“ und eröffnet in Lüdenscheid und Hemer Kampf- und Fitnessstudios. Doch damit ist die berufliche und emotionale Rastlosigkeit noch nicht befriedigt. Die Antiquitäten kommen erstmals offiziell ins Spiel.

Irgendwie habe er dahin aber schon immer einen Draht gehabt. Anfangs auch aus wirtschaftlichen Gründen, „weil ich gar nicht das Geld für neue Sachen hatte“. Aber auch hier kommen am Ende die Neugier und der Wunsch, das Leben zu verstehen, wieder zum Vorschein. Vor zwanzig Jahren baut sich Kümmel also in Brügge an der Volmestraße seine Galerie. Und der Vater erschrickt sich wohl ein weiteres Mal zunächst einmal bis ins Mark.

„Noch nicht dazu gekommen, die Chagalls hinzuhängen“

Detlev Kümmel arbeitet ab sofort mehrgleisig und – ohne, dass er es so direkt sagt – wohl auch wie ein Getriebener. Man findet ihn von Stund an auf abgefahrenen Trödelmärkten genauso wie auf den großen Kunstschauen und -messen, auf denen sich die internationale Geld- und Kennerszene trifft. Sich selbst sieht Kümmel allerdings mehr in der Mitte. Trödel, so doziert er an diesem Nachmittag, sei so etwas wie Fast Food, wie ein Besuch bei McDonalds. Das Edel-Antiquariat sei schon eher ein Besuch in einem Feinschmecker-Tempel. „Aber am Ende stehen stehen doch die meisten auf Mutters Braten zu Hause.“ Und in eben dieser gefühlten Mitte fühlt auch er sich am wohlsten. Was man schon nach kurzer Zeit im Laden auch wiedererkennen kann. Da steht gleich am Eingang ein alter dreitüriger Militär-Spind. Wartet er auf den Schrotthändler? „Von wegen, so etwas ist in einem Loft im Moment schwer angesagt.“ An einer Kommode im hinteren Teil lehnen zwei echte Chagall. „Ach die? Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie aufzuhängen.“ Für einen Moment bleibt Kümmel stehen, schaut etwas gedankenverloren auf die Bilder und man merkt, dass er sie einfach schön findet, dass es angenehm für ihn ist, dass sie für den Moment ihm gehören.

Natürlich reden wir jetzt auch mal über den aktuell offenbar gewaltigen Trödelboom, über den zumindest in den Medien blühenden Schlussverkauf der Erinnerungen. Natürlich sei der Wunsch nach finanziellen Erlösen ein Antrieb, sagt der Experte, aber es sei eben längst nicht des Trödlers Kern. „Vielen geht es eigentlich in erster Linie um das Gespräch. Um die Geschichte hinter dem Produkt.“ Die Geschichte, die man wissen will, bevor man das Erbstück am Ende doch wegschmeißen kann. Und wenn er diese Geschichte anbieten kann, dann gehen die Leute anschließend auch nicht muffig raus, obwohl sie gerade erfahren haben, dass sie eigentlich dem Händler noch einen Zehn-Euro-Schein drauflegen müssten, damit er das gute Stück für sie entsorgt. „Das Gespräch war ihnen am wichtigsten.“

Und reden kann dieser Detlev Kümmel wahrlich, jedes Wort ist wohlüberlegt. Der Mann, der äußerlich so herzlich wenig von Buddha hat, hat innerlich so ganz viel. Man spürt die ausgeglichene Ruhe. Könnte das was mit der Affinität zum Kampfsport zu tun haben. „Habe ich so noch nicht drüber nachgedacht, aber da könnte was dran sein.“ Kümmel erinnert sich, dass sein Trainer ihn immer daran erinnert habe, nach einem Sieg nicht zu intensiv über den geschlagenen Gegner zu triumphieren. „Vielleicht bin ich auch deshalb aus Überzeugung ein Menschenfreund.“

Gelassenheit bestimmt auch den Umgang mit seiner neuen Fernseh-Prominenz. Mal ganz abgesehen davon, dass Kümmel schon bei mehreren Produktionen seit 2009 immer mal mitgemacht, auch bei seinem ZDF-Debüt-Auftritt an der Seite von Horst Lichter sei er nicht sonderlich aufgeregt gewesen. „Warum auch? Ich mache das eben so, wie ich es für richtig halte. Wenn es den Leuten beziehungsweise vor allem den Machern nicht gefällt, wird man mich doch ohnehin flott wieder rausschmeissen.“ Es bleibt also auch jetzt bei dem ersten Eindruck: Von großartigen Selbstzweifeln ist dieser Mann nun wirklich nicht geplagt.

Kurzer Themenwechsel: Wer trennt sich eigentlich leichter von ältlichem Besitz? Der Mann oder die Frau? Kümmel weiß: „Bei Stücken aus der Familien-Geschichte tritt die Frau meistens viel stärker auf die Bremse, bei Sachen, die von der aktuellen Familie selbst angeschafft wurden, ist der Mann der deutlichere Zögerer.“

Beim Teppich platzen schon mal schnell alle Illusionen

Womit wir dann wieder beim Markt der Emotionen wären. Aber auch beim Basar der großen und oft falschen Hoffnungen. Zu Beginn unseres Besuchs befand sich Detlev Kümmel noch in einem Gespräch mit einer Frau und ihrem Sohn. Dabei ließ dieser die Bemerkung fallen, man habe im Keller noch einen ziemlich tollen Teppich. Ob er den denn nicht mal vorbei bringen solle, der bringe mit Sicherheit richtig was. Kümmel kontert mit dem Beispiel des Teppichs, den er vor Jahren im Kundenauftrag verkauft habe. Bezahlt hatte der Besitzer 450.000 Mark dafür, das Wertgutachten habe auf 650.000 Mark gelautet. „Verkauft habe ich ihn vier Jahre später für umgerechnet 1.500 Mark, damit wir Platz bekamen und die Sache abgeschlossen werden konnte.“ Vom „Träume“-Teppich in Sekunden zum „Schäume“-Teppich.

Inzwischen stehen wir wieder am Eingang. Gleich hinter dem Blechspind stehen auch noch zwei schwere, chromglänzende Motorräder. „Das sind meine“, sagt Kümmel auf Nachfrage, „die stehen da eigentlich nur so. Wenn Leute in den Laden kommen und wir bei Kunst und Antiquitäten nicht richtig ins Gespräch kommen, dann klappt es spätestens bei den Maschinen.“ Kümmel, der Alte-Schätzchen-Flüsterer. Aber auch der Überzeugungs-Trödler, Aszendent „Schön-ist-was-gefällt“. Und man ist auch nach kurzer Kennenlern-Zeit geneigt, ihm zu glauben, wenn er, befragt nach der Zufriedenheit über sein selbst gestaltetes Lebensmodell, sagt: „Ich gehe jeden Abend spät aus meinem Laden. Aber jedes Mal schaue ich mich noch einmal um und sage: Mein lieber Mann, was ist das schön hier.“

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