Digitales Leben

Ich weiß was, was Du nicht weißt

Kommentare wie diese gibt es in den Iserlohner Facebook-Gruppen häufig.

Kommentare wie diese gibt es in den Iserlohner Facebook-Gruppen häufig.

Foto: IKZ-Montage / IKZ

Iserlohn.  In den Iserlohner Facebook-Gruppen lässt sich viel Krudes beobachten. Der Psychologe Michael Röhrig über ein Massenphänomen.

Der 11. September? Ein Werk der amerikanischen Regierung. Die Bundesrepublik Deutschland? Eine Firma, die die deutsche Bevölkerung durch arbeitswillige unmündige Flüchtlinge ersetzen will. Banken, Konzerne, Stadt, Land, Bund, EU, Industrie, Medien, Angela Merkel, finstere Mächte. Die da oben machen, was sie wollen. Greta Thunberg übrigens auch – das zumindest ist neu.

Wer dieser Tage bei Facebook durch die Iserlohner Gruppen streift, kann dort allerhand Krudes lesen. Geschrieben von Menschen, die sich offenbar von Feinden umringt sehen. Die sich unter Schafen wähnen, die nicht verstehen wollen, was sie verstehen, nicht sehen wollen, was sie sehen.

Michael Röhrig, fachlicher Leiter des Zweckverbandes für psychologische Beratungen und Hilfen in Iserlohn, Hemer und Menden, beschäftigt sich beruflich unter anderem mit den Folgen der Nutzung Neuer Medien auf die Psyche. Verschwörungstheorien aller Art, sagt er, hätten eins gemein: „Sie wirken identitätsstiftend.“ Und sie helfen den Menschen, ein Selbstwertgefühl aufzubauen.

Wenn nämlich in Zeiten Sozialer Medien jemand gut ist im Schach, in Musik oder sonst wo, tritt er gleich in Konkurrenz mit der ganzen Welt. Abgrenzung oder Profilierung, die dem eigenen Selbstwertgefühl zugute kommen, sind schwierig geworden dieser Tage.

Wer an der Schule musikalische Bestleistungen erbringt, ist im Netz meist nur ein kleines Licht. Ein bisschen Kajal im Gesicht und schwarze Klamotten machen noch keinen Individualisten, wenn einen Klick entfernt Tausende zum Vergleich bereit stehen, die extremer, witziger, schneller, schlauer, schöner, belesener, vermeintlich besser sind. Tabus gibt es nur noch wenige. „Es ist heute schwer, gut oder besonders zu sein und daraus ein Selbstwert-Konstrukt zu errichten“, sagt Michael Röhrig.

Die meisten Menschen wissen, damit umzugehen. Manche aber starten eine Suche nach Sinn und dem eigenen Wert in den Echokammern der Sozialen Netzwerke. Der Diplom-Psychologe nennt diese in Bezug auf jüngere Leute einen „Mitlebensraum“. Ein Teil des Lebens in ihrer Wahrnehmung, ein Teil der Realität. Nicht etwas, das nebenher läuft, neben dem eigentlichen Leben.

Wem es nun aber weniger um Schach oder Musik geht, der macht sich vielleicht gleich auf die Suche nach einem deutlich dickeren Fisch. Nämlich nach „der“ Wahrheit. In einer komplexer werdenden Welt ein ambitioniertes, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen.

Die Wahrheit gehört mir

„Schafe glauben auch nicht, dass der Bauer mit dem Metzger zusammenarbeitet. (...) Informiert Euch mal ausserhalb von ARD und ZDF. Aber es kann ja nicht sein, was nicht sein darf“, schreibt ein Mann bei Facebook (Zitate in Original-Schreibweise, Anm. d. Red.). „es gibt leute die bleiben lieber in der Fantasiewelt die sie von ihren Herrschern bekommen“, schreibt ein anderer.

Das Reklamieren von Wahrheit und Durchblick – es ist eines der wiederkehrenden Muster in den Iserlohn-Gruppen. Die Nutzer genieren sich ihrer Theorie-Gebäude nicht, im Gegenteil: Sie sind stolz darauf.

Doch wie bewältigen solche Menschen ihren Alltag, umringt von anscheinend Ahnungslosen? „Ihr vermeintliches Wissen gibt ihnen ein Gefühl von Überlegenheit“, sagt Röhrig. „Sie erfreuen sich am Nichtwissen der Anderen.“ In Bezug auf das Selbstwertgefühl habe dies sogar einen positiven Effekt. „Psychohygienisch gesehen sind diese Konstrukte nicht schlecht. Erst wenn jemand beginnt, sich bedroht zu fühlen, paranoide Strukturen entwickelt, wird es problematisch.“

Die Tendenz, teilweise sehr individuelle Deutungskonstrukte für die Realität aufzubauen, sei ohnehin in uns allen angelegt. „Der Mensch ist nicht rational“, sagt Röhrig. „Wir haben alle mehr fragmentarisches als tatsächliches Wissen.“

Das angesprochene Überlegenheitsgefühl ist aus Sicht von Röhrig auch der Grund, warum Verschwörungstheorien vornehmlich eine Spezialdisziplin des rechten Spektrums sind. Die Abwertung anderer mit dem Sinn der eigenen Aufwertung – dieses psychologische Muster ziehe sich von NS-Zeit bis zur neuen Rechten Höckeschen Prägung.

Verschwörungstheorien und ähnliche Konstrukte erfüllen im Wirrwarr aus Informationen dabei noch einen weiteren zentralen Zweck: „Sie machen die Welt einfacher.“

Chemtrails, Klima, Sklaverei

„Chemtrails sind belegt von Wissenschaftlern, Ärzten, Piloten. Es gibt sogar einen Wetterbericht auf youtube wo das auf der Wetterkarte erkennbar ist (...).“ Facebook-Posts wie dieser sind häufig zu lesen. Die Chemtrails-Theorien reichen von Wettermanipulation bis zu der Vermutung, die Regierung würde mittels des Verteilens von Chemikalien die Bevölkerung gefügig und willenlos machen lassen.

„Als Normalsterblicher hat man ja keine Möglichkeit, Dinge wie diese zu überprüfen. Bei einigen löst das ein Grundgefühl von Ohnmacht aus“, sagt Röhrig. „Und wirkungslos zu sein, ist für den Menschen der am schwersten zu ertragende Zustand.“ Ein totaler Kontrollverlust – „im Grunde ist das die Definition eines Traumas“.

„Jede psychische Erkrankung ist im Prinzip eine Extremform von Zuständen, die jeder von uns hat“, sagt Röhrig. Oft bestehe ein Zusammenhang zu neuen Technologien. „Als die ersten Stromleitungen gebaut wurden, fürchteten Menschen, ihnen würde Gedankenenergie abgesaugt.“ Ähnlich beim Radio. Nun also sogenannte Chemtrails.

Greta, du dumme Göre

Dumme Göre, gehypte Blage, dummes Huhn: Warum hassen und beleidigen erwachsene Menschen auf Facebook eine Minderjährige, die sich für eine offenkundig gute Sache einsetzt?

„Im Prinzip eignet sich jeder, der konkret Position bezieht, für eine Attacke“, sagt der Psychologe. „Die Jugend und Greta Thunberg greifen da ein komplexes System an. Und als Erwachsener bin ich ja für dieses System mitverantwortlich.“ Viele Ansatzpunkte für Ablehnung also.

Die BRD ist eine Firma

„Deutschland ist eine Firma. Deutschland ist kein Staat. Deutschland ist besetzt. Die Amerikaner bestimmen. Oder irgendwer sonst“, heißt es auf Facebook oft.

„Hinter solchen Aussagen stehen meist keine komplexen Ideologien. Es werden Fetzen von Wissen beliebig zusammengefügt, keine Expertise aufgebaut“, analysiert Röhrig. „Wenn wir in unserem Selbstbild Schwächen haben, neigen wir dazu, irrational neue Bestandteile zu buchen. Wer uns zuspricht, ist gut.“ Darum funktionieren konspirative Konstrukte auch so gut.

Trauma, Paranoia, Furcht

Eliten, dunkle Mächte, Medien und Konzerne: „Die Vorstellung, dass jemand nach uns trachtet, lässt sich ja beliebig konstruieren.“ Zentral sei immer die Angst. Allgemein – und jene vor dem Verlust von Kontrolle.

„Ähnlich verhält es sich ja bei Eifersucht“, sagt Röhrig. „Es geht da auch um das Selbstwertgefühl. Die Furcht, dass uns jemand willkürlich ablehnen könnte, lässt sich durch das Diskutieren darüber rational ebenfalls nicht auflösen.“

Das Bauen nicht-rationaler Konstrukte als Muster, sagt Röhrig, sei etwas, das man eigentlich vor allem bei Kindern erlebe. „Wenn Du mich liebst, dann kaufst Du mir ein Eis – das zum Beispiel sind Konstrukte, die nicht zusammenpassen.“

Es steht doch alles im Netz

Vor einigen Monaten diskutiert bei Facebook ein Iserlohner FDP-Politiker mit anderen Nutzern über Chemtrails. Irgendwann gibt er entnervt auf. Einer der Nutzer triumphiert: „Blöd wenn man keine Gegenargumente oder man diese Tatsachen nicht widerlegen kann.“

Aber wer kann schon in die Atmosphäre fliegen und dort die Zusammensetzung der Streifen, die Flugzeuge hinter sich herziehen, überprüfen? Die Mutter, das Kind, das Eis. Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, habe ich recht, so lautet die Logik hier. Oder auch: Ich weiß was, was Du nicht weißt.

Mit der Parallelwelt Internet wird man sich wohl in der Waldstadt wie überall abfinden müssen. Und damit, dass hier jeder seine eigene Wahrheit finden kann. Wie schreibt in einer Iserlohn-Gruppe eine Frau zur vermeintlichen Firma BRD? „Kannst du alles nachlesen. Du musst doch nur googeln.“

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