Stadtleben

Im tiefen Schlund sprudelt das Wasser

Schwindelerregend: Der begehbare Teil des Schachts am „Krug von Nidda“ ist 35 Meter tief, darunter geht es weitere 100 Meter abwärts in einen überfluteten Stollen, aus dem Wasser gefördert wird.

Schwindelerregend: Der begehbare Teil des Schachts am „Krug von Nidda“ ist 35 Meter tief, darunter geht es weitere 100 Meter abwärts in einen überfluteten Stollen, aus dem Wasser gefördert wird.

Foto: Michael May IKZ

Iserlohn.   Am „Krug von Nidda“ wird seit über 100 Jahren Trinkwasser gefördert undheute aus einem rund 135 Meter tiefen alten Bergwerk-Schacht hochgepumpt

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„Wir besteigen den Förderkorb, ein auf Menschenbeförderung nicht eingerichtetes Fahrzeug, in dem wir nur gebückt stehen können und in welchem wir für unsere Hände erst einen Stützpunkt suchen müssen, um nicht mit dem Gestänge bei der Niederfahrt in unliebsame Berührung zu kommen“, schreibt der Besucher. „Die Fahrt geht in kürzester Zeit bis auf 90 Meter Tiefe.“ Schwefelkies wird hier unten abgebaut, die Bergleute stehen mit entblößten Oberkörpern, der Schweiß rinnt.

Über senkrechte Treppen geht es weiter in die Tiefe, zur zweiten Zone des Bergwerks, 100 Meter zum Galmei, dann weitere 200 Meter in „das Gebiet der Zinkblende“. Hier ist das Gestein fest, es „widersteht dem Angriff der menschlichen Arbeitsgeräte, muss mit Sprengmitteln gelöst werden“. Plötzlich bricht Wasser ein, kubikmeterweise, es gibt Gänge hier unten, da fließt es kristallklar.

Die Besucher sind durchnässt, das Atmen fällt schwer. Schließlich besteigen sie erschöpft den Förderkorb, der sie „in unwahrscheinlich kurzer Zeit wieder an das Licht des Tages fördert“.

Als die Besucher die finstere Unterwelt verlassen haben, stehen sie oberhalb der Grube „Krug zu Nidda“ an der heutigen Westfalenstraße in Iserlohn. Wo sich heute ein modernes Wasserwerk mit Filteranlage befindet, standen um 1890, als der eingangs wiedergegebene Erfahrungsbericht (Quelle: „Liebes altes Iserlohn“, Hrsg.: Fritz Kühn) entsteht, rot-geziegelte Spitzdach- und Flachdachbauten, daneben ein Förderrad. Vermutlich roch es nach Schwefel, Kohlenfeuer und Erz.

Noch heute lassen sich auf dem Gelände Hinweise auf den Bergbau finden. Eines der alten Gebäude steht noch, dazu führt ein Weg vor das neu errichtete Hauptgebäude – und dann in einer großzügigen Schleife zurück zum Eingangstor. „Das ist die Ochsenspur“, sagt Jens Wintzenburg. „Die hatten eben keinen Rückwärtsgang.“

Spuren des Bergbaus sind bis heute sichtbar

Jens Wintzenburg ist Wassermeister bei den Stadtwerken und verantwortlich hier am „Krug von Nidda“. Ein freundlicher Mann, den man, wenn es um die zahlreichen technischen Details der Iserlohner Wasserförderung geht, zum besseren Verständnis gelegentlich ein wenig einbremsen muss. Wassergewinnung, -speicherung und -filterung, Druck-Überwachung – zwar geht heute vieles per Computer, dennoch sind hier immer mindestens zwei Angestellte präsent.

Wer dem Galmei-Bergbau auf dem Gelände nachspüren will, der kann hier in den alten Schacht noch immer „einfahren“, oder besser „einlaufen“, ist die Anlage doch inzwischen runderneuert. Förderkörbe und -türme gibt es hier schon lange nicht mehr. Ein altes Kesselhaus immerhin steht noch.

Über steile Hochtreppen kann man einen runden an den Wänden betonierten Schacht 35 Meter in die Tiefe hinabsteigen. Unten stoßen zwei grüne Rohre durch eine Plattform empor, durch sie fließt das geförderte Wasser nach oben, 200 Kubikmeter in der Stunde. Stahlverstrebungen an den Wänden sichern das Bauwerk.

Unterhalb der Plattform geht es weitere gut 100 Meter hinab zu einem überflutetem Schacht. Irgendwo dazwischen, etwa 30 Meter über der letzten Sohle, hängen zwei Elektropumpen. „Auch die sind mit Wasser gefüllt, technisch gesehen ist das etwas sehr besonderes“, schwärmt Wintzenburg. Schächte wie der „Krug“ finden sich unter ganz Iserlohn, auch unter dem Schillerplatz. In der Regel sind sie verfüllt, eingestürzt oder von Grundwasser geflutet.

Bevor Besucher jedoch am „Krug von Nidda“ hinabsteigen können, muss erst der aus der Tiefe hinaufsteigende Stickstoff abgepumpt werden, der schwerer ist als Sauerstoff und dadurch die Atemluft nach oben presst. Eine Stunde dauert das, sonst drohen Ohnmacht oder Ersticken. Gut 20 Prozent Sauerstoffgehalt zeigt, unten angekommen, jetzt ein Messgerät, bei 17 Prozent wird es kritisch.

1877 arbeiten 866 Menschen in Iserlohn im Galmei-Bergbau. Noch 1885 erhielt der „Krug“ einen eigenen Eisenbahnanschluss. 1893 wird die Förderung stillgelegt, die Grube „versäuft“. 1896 wird ein Gutachten zur Trinkwassergewinnung erstellt, um 1900 wird die Grube erschlossen. „Die Iserlohner waren glücklich, das köstliche Wasser aus den angrenzenden Bergen genießen zu können“, heißt es später in einer Chronik der Stadtwerke.

Kalkhaltiges Wasser, dafür frei von Medikamenten

Über 100 Jahre später nach der Erschließung investieren die Stadtwerke einen Millionenbetrag in den Standort. 2006 wird die modernisierte Anlage eröffnet, in der jetzt auch das Wasser aus Westig, Lägertal und Wermingsen zentral gemischt und gefiltert wird.

Wintzenburg wirbt um Verständnis dafür, dass das Wasser aus der Grube trotz Filterung stark kalkhaltig ist. „Vor 100 Millionen Jahren stand hier alles unter Wasser, es gab hier Unmengen von Korallenbänken – mehr als im Great Barrier Reef. Der Regen schwemmt den Kalk ins Grundwasser.“ Das Wasser sei dafür aber frei von Medikament-Rückständen – anders als etwa das der Lenne. „Oberflächenwasser ist da immer ein Problem“, sagt Jens Wintzenburg.

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