Tourismus

„In Corona liegt für uns auch eine Chance“

Eckwarderhörn: Normalerweise ist hier ein Betrieb wie auf dem Dortmunder Westenhellweg beim verkaufsoffenen Sonntag.

Eckwarderhörn: Normalerweise ist hier ein Betrieb wie auf dem Dortmunder Westenhellweg beim verkaufsoffenen Sonntag.

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Jadebusen.  Krabben gehen immer, in der Spiele-Scheune geht nichts, aber dem Hotelier geht’s ganz gut. Ein Kurzbesuch an der Küste.

Wie sie da so ganz allein steht, an diesem Ort, an dem man sie gar nicht vermutet . . . An irgendetwas erinnert mich aber diese Crêpes-Bude. Es fällt mir auch mit etwas Nachdenken ein. Es ist die Currywurst-Bude aus dem Kölner Tatort. Die steht auch unwirklich und mutterseelenallein am Rhein, und wartet auf die beiden Kommissare, die sich nach gelöstem Fall dort ein Kölsch trinken und eine Wurst essen. Das passt auch irgendwie zu den Typen und zum Film. Jetzt bin ich aber auf einer Wiese in Dangast an der Nordsee. Beziehungsweise am Ausläufer der Nordsee, dem Jadebusen. Und diese Wiese wird in der Saison und wenn keine Pandemie in Deutschland wütet als Parkfläche (gebührenpflichtig!) genutzt. Jetzt ist aber Anfang November und es herrscht Pandemie-Alarm. In der Welt, in Europa, in Deutschland – und auch in Dangast. Ich weiß, dass es eigentlich unjournalistisch ist, den Mann in der Bude nicht danach zu fragen, warum er genau hier steht. In Dangast ist in dieser Zeit auch ohne Corona nicht viel los, aber verstecken hinter Büschen muss er sich ja auch nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das ein echter Ostfriese sein könnte und dem sollte man besser in solchen Zeiten nicht mit schrägen Fragen kommen. Also fotografiere ich aus sicherer Entfernung.

Ein einsamer Ständer wartet vergeblich auf die Fahrräder

Es ist Anfang November und ich habe mir den Auftrag gegeben, in Corona-Zeiten an der Küste nach dem Rechten bzw. nach der Stimmung zu schauen. Man merkt es schon auf der Autobahn. So ganz viele Privatwagen wollen gar nicht Richtung Norden. Eigentlich möchte die Kanzlerin das ja auch ohnehin nicht. Wer da nicht unbedingt hin muss, soll das auch nicht tun.

Vor uns erscheint in milder Nebel-Sonne das Ortsschild von Butjadingen an der Weser. Im Sommer ist hier der Teufel los, im Frühjahr und Herbst eigentlich auch. Nur richtig im Winter sagen sich die Füchse gute Nacht. Heute ist aber goldenes Wetter, und es denkt noch niemand an den Winter. Trotzdem ist schon ziemlich viel Platz für Füchse. Die lachenden und tobenden Kinder in der „Spielscheune“ kann man sonst vor der Tür hören. Heute hört man nix, weil die Türe verriegelt sind. Die Schilder „Ferienwohnung frei“ scheinen eher Mahnmale zu sein, als Aufforderungen, das müde Städter-Haupt abzulegen. Direkt am Aufgang zum Strand ist ein riesiger, offenbar neuer weil glänzender Fahrradständer. Allerdings ist da nur der Ständer, kein Fahrrad weit und breit.

Weiter nach Fedderwardersiel. Wer was von Krabben versteht, kennt das Örtchen. Die dortige Fischereigenossenschaft ist eine erste Adresse für die kleinen Meeres-Spezialitäten. Und weil das ein Geschäft und kein Lokal ist, haben die natürlich auch geöffnet. Auf ihrem kleinen Vorplatz haben sie ein weißes Zelt aufgestellt, dass ein wenig an eine Corona-Teststation erinnert. Heute ist es leer. Wahrscheinlich konnte man sich da vor Tagen noch reinsetzen und den frischen Fisch genießen. Heute gelten hier andere Regeln. Vor der Tür eine Schlange. Es dürfen immer nur zwei Leute gleichzeitig zum Fisch. Ein Ehepaar diskutiert, ob nur er reingeht. Oder nur sie. Oder doch beide. Die Frau weiß es natürlich: „Hängt davon ab, wie viele rauskommen.“

Ansonsten ist im Moment kein Mensch auf der Straße zum Hafen, wo sonst die Menschenmassen flanieren. Vielleicht hat der Ausflugsdampfer, der gerade mit wem auch immer an Bord den Hafen verlässt, die letzten Gäste eingesammelt. Drei Krabbenkutter dümpeln vor sich hin. Die Krabbe an sich ist ja auch in der Corona-Krise, weil sie nicht nach Marokko gebracht werden kann/darf, um dort gepuhlt zu werden. Und deutsche Puhler kann und will keiner bezahlen.

Die Fisch-Lokale haben natürlich alle geschlossen. Irgendwo steht ein Schild „Tschüss, bis irgendwann!“. Aber die Dorf-Touri-Toilette hat geöffnet. Hygienisch natürlich auf dem höchsten Stand.

Wir fahren weiter nach Eckwarderhörn. Da steht dieses Leuchtturm-Denkmal und unter normalen Umständen bekommt man hier als Tagesgast kein Bein an die Erde. Ein Jadebusen-Hotspot. Gäste über Gäste flanieren in normalen Zeiten auf der Promenade und genießen den Blick Richtung Nordsee und ihrer unendlichen Weite. Doch schon das Schild, mit dem Hinweis, dass man um Verständnis bittet, dass man die Toiletten wegen drohender Sturmfluten vorsichtshalber schließen musste, verheißt nichts Gutes. Andererseits – endlich ist mal was nicht wegen Corona geschlossen. Ein älteres Ehepaar sinniert über die Gezeiten und Zeiten: Sie: „Glaubst Du, dass das Wasser heute noch kommt? Er: „Glaube ich nicht. Im Moment klappt hier doch gar nichts!“ So! So nimmt man das Leben.

Im Frühjahr wurden noch alle an der Ortsgrenze umgeschickt

Weiter Richtung Dangast. Immer unterm Deich lang. Im Sommer kommt man mit dem Auto immer nur ein paar Meter weit, weil einem immer wieder Radfahrer mit und ohne Anhänger entgegenkommen. Manche maulen. Sie haben ja auch Recht. Eigentlich ist und sollte das ja auch ihre Straße sein. Autos dürfen hier zwar fahren, aber sie könnten auch genau so gut über die Hauptstraße fahren. Heute stellt sich das Problem nicht. Heute ist hier kein Mensch und kein Rad. Selbst die Schafe auf dem Deich scheinen zu staunen.

Vor uns erscheint Dangast. Wer schon einmal da war, weiß, dass es ja nur zwei Möglichkeiten gibt, dieses Jadebusen-Örtchen, das kommunalpolitisch zu Varel gehört, zu finden: „Sensationell“ oder „Ach, Du lieber Gott!“ Dazwischen gibt es nichts. An „guten“ Tagen (je nach Sichtweise) steht man schon mehrere hundert Meter vor der Dorfeinfahrt im Stau, weil – gefühlt – Tausende zum Strand wollen. Heute will allerdings kaum einer zum Strand, die Zufahrt ist ziemlich leer. Und doch stehen einige Autos auf dem Parkplatz, der natürlich rund ums Jahr kostenpflichtig ist. Beim Lockdown im Frühjahr hat man den ganzen Ortskern mit Ordnungsamt und Polizei abgeriegelt. Alle umgeschickt, die da nichts zu suchen hatten. So scharf wollte die Kanzlerin diesmal ja nicht ran. Wer unbedingt will, kann ja vielleicht doch noch etwas sich die Füße vertreten. Aber die Kurhaus-Toilette ist trotzdem nur von neun bis 12 Uhr geöffnet. Zwei Buden vorm Kurhaus bieten alles Mögliche to go. Waffeln, Burger und sonst was. Aber bitte nicht hinsetzen beim Essen. Die Szene hat etwas Gespenstisches. Strand-Glühwein mit Winnie Puh. Und am Wochenende auch noch mit Maske.

Wir sind verabredet mit Jan Wichmann, Inhaber des Vier-Sterne-Hotels „Graf Bentinck“. Und wir sind natürlich gefasst darauf, dass er gleich ein gewaltiges Klagelied anstimmen wird. Wir treffen uns vor der Eingangstür des Hotels. Der Mann ist offensichtlich weit davon entfernt, betrübt zu sein. Zwar kann er sich nicht entsinnen, wann er selbst zum letzten Mal eigenhändig die Mülltonnen rausgeschoben hat, aber „sonst ist ja heute hier keiner“. Nein. „Corona“ ist für ihn kein Reizwort. Und „Schließung“ auch nicht. Auch wenn er sicher ist, dass man in der Vergangenheit mehr als das Verordnete für die Hygiene-Bedingungen getan habe. „Da ist auch meine Frau ganz pingelig.“ Man soll ja nie „nie“ sagen, „aber bei uns hat sich niemand angesteckt“. Und alle Maßnahmen im Übrigen seien bis auf ganz wenige Ausnahme auf das vollste Verständnis gestoßen.

Wer versteht den Ort mit der rätselhaften Faszination?

Natürlich seien das Seminargeschäft und der Markt der Geschäftsreisen völlig eingebrochen. Und der November wäre vermutlich ohnehin nur ein mittelmäßiger Monat geworden. Man habe aber eine Sommersaison an der Küste erlebt, für die man Platz in den Geschichtsbüchern frei halten müsse. „Wir waren über Wochen gebucht wie noch nie.“ Die Nachfrage habe es sogar erlaubt, etwas an der Preisschraube zu drehen. „Die Gäste hatten größtes Verständnis.“ Auch neue Gäste seien zahlreich darunter gewesen. Junge Paare, die offenbar testen wollten, ob man sich auch an der Nordsee-Küste mit Schwung der Liebe hingeben kann. „Und sie waren begeistert.“ Er kommt sogar für sich zu dem Ergebnis: „Die Leute merken, dass Urlaub in Deutschland auch schön ist. Darin liegt für uns auch eine echte Chance. Und wir müssen einfach nach vorne gehen.“ Aber Jan Wichmann schränkt auch ein: „Das war hier an der Küste und auf den Inseln so. Zwanzig Kilometer weiter ins Land rein sieht die Sache schon ganz anders aus“.

Jan Wichmanns Eltern haben das Haus vor rund 30 Jahren eröffnet, er selbst ist seit einigen Jahren der Herr im Haus. Stolz zeigt er den ruhenden Betrieb. Man habe die ersten Tage nach dem Lockdown genutzt, um das Haus komplett auf Vordermann zu bringen, damit einer möglichen Neueröffnung – wenn möglich – nichts im Wege steht. Selbst die Küchen-Vorräte sind genau nach Ablauf-Daten geordnet, damit die Crew bei einer Fortsetzung des Betriebes genau weiß, wo, womit und wie es weitergeht. Wenn es noch länger so bleibt, wird renoviert. „Es gibt ja ordentlich Zuschüsse.“ Da ist Jan Wichmann nun einmal Praktiker.

Zum Abschied fahren wir noch einmal zum Dangaster Hafen. Hier legt im Sommer die „Etta von Dangast“ mit ihrem sagenhaften Kapitän Anton Tapken. Jetzt liegt da nichts, die „Etta“ ist schon im Winterquartier. Aber plötzlich ist da auch eine ganze Anzahl von Menschen. Menschen, die einfach nur das Klima, die untergehende Sonne, den Wind, die salzige Luft und das Gefühl, draußen zu sein, genießen wollen. Für mein Leben gern würde ich jetzt gern ein älteres Ehepaar mit Pudelmütze und Anorak ansprechen und fragen, ob sie sich vorstellen könnten, „da vorne“ an der gülden leuchtenden Bude jetzt ein Crêpes zu bestellen. Ist aber auch eigentlich egal. Meine Frau und ich werden, obwohl wir nicht wissen „warum“, wohl auch weiterhin beim Thema „Dangast“ zur „Sensationell“-Fraktion gehören. Auch Jan Wichmann hat eben gesagt: „Dass ich hier weggehen würde, stand niemals für mich zur Debatte.“ Und auf die Frage, warum dieses Dangast so eine Faszination ausübt, hat er friesisch-herb gesagt: „Weiß ich auch nicht, ist aber so.“

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