Coronakrise

Iserlohner in Barcelona: Abends wird am Fenster applaudiert

Der in Iserlohn aufgewachsene Steffen Hafenmayer lebt in Barcelona und berichtet vom Alltag in Zeiten der Virus-Pandemie. 

Der in Iserlohn aufgewachsene Steffen Hafenmayer lebt in Barcelona und berichtet vom Alltag in Zeiten der Virus-Pandemie. 

Foto: Privat

Barcelona.  Seit einer Woche herrscht in Spanien Ausgangssperre. Der ehemalige Iserlohner Steffen Hafenmayer wohnt in Barcelona und berichtet von dort.

In Spanien herrscht seit einer Woche Ausgangssperre. Der ehemalige Iserlohner Steffen Hafenmayer wohnt seit vier Jahren in Barcelona, arbeitet dort als Brand- und Projekt-Manager bei einem Dating-Portal und hat für die Heimatzeitung einen Beitrag über das aktuelle Leben vor Ort geschrieben.

„Seit der Ausgangssperre dürfen wir die Wohnung nur verlassen, um Lebensmittel zu kaufen, zur Apotheke oder zum Arzt gehen. Alle Schulen und Universitäten haben geschlossen. Und wer zur Arbeit will, braucht dazu eine Sondergenehmigung. Hundebesitzer dürfen immerhin noch eine kleine Runde um den Block drehen. Doch wer sich ohne Grund draußen aufhält, dem droht eine empfindliche Strafzahlung – bis zu 1000 Euro. Die Polizei ist in dieser Zeit verstärkt im Einsatz, kontrolliert die Hauptverkehrsstraßen und die bei Touristen sehr beliebten Gegenden im gotischen Viertel, die Ramblas und den Hafen.

Stimmung in der Bevölkerung ist aber erstaunlich gut

Der Stadtstrand Barceloneta ist seit einer Woche praktisch menschenleer. Ich glaube, das hat es noch nie gegeben. Und trotzdem, die Stimmung in der Bevölkerung ist erstaunlich gut. Man merkt, dass die Stadt in diesen schwierigen Zeiten zusammenrückt. Junge Menschen übernehmen für die Älteren das Einkaufen. Auf den Balkonen und Dachterrassen finden regelmäßig kleine Privatkonzerte statt: Nachbarn, die sich nicht kennen, machen zusammen Musik, singen und tanzen und winken sich zu. Jeden Abend um 20 Uhr öffnen die Menschen im gesamten Stadtgebiet die Fenster und applaudieren einige Minuten zusammen für diejenigen, die im medizischen Bereich arbeiten. Aber man macht sich auf diese Art auch gegenseitig Mut, weiter durchzuhalten. Schließlich weiß niemand, wie lange die Ausgangssperre noch dauern wird.

Vergangene Woche wurden von Seiten der Stadt weitere Vorkehrungen getroffen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Der öffentliche Nahverkehr wurde auf ein Minimum reduziert. Supermärkte dürfen nicht von mehr als zehn Menschen gleichzeitig betreten werden. Wer in einer Schlange wartet, muss einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu seinem Vordermann einhalten. Im Radio und im Fernsehen laufen in nahezu jeder Werbepause Infoblöcke, in denen die Menschen über die Symptome der Viruserkrankung aufgeklärt werden. Es gibt auch eine 24-Stunden-Notfall-Hotline, unter der man sich individuell beraten lassen kann.

Fast alle meine Freunde und Bekannte arbeiten derzeit im Homeoffice. Und auch ich habe das Glück, meine Arbeit von zu Hause aus erledigen zu können. Meine Kollegen, die ich sonst täglich im Büro sehe, sehe ich nun einmal am Tag für einige Minuten über Skype. Noch klappt das alles ziemlich gut.

Die meisten Menschen in Barcelona gehen sehr gelassen mit der aktuellen Ausgangssperre um. Natürlich ist es wichtig, auch zu Hause in Bewegung zu bleiben und nicht den ganzen Tag auf dem Sofa zu versauern. Wer einen eigenen Balkon oder eine Dachterrasse besitzt, ist in diesen Zeiten klar im Vorteil. Doch es ist auch die Zeit, um kreativ nach alternativen Lösungen zu suchen. In den Sozialen Netzwerken teilen die Menschen aktuell viele praktische Ideen, wie man in den eigenen vier Wänden fit bleiben kann. Und damit sie keine Kunden verlieren, bieten nun auch die meisten Fitnessstudios in Barcelona ihre Kurse und Workshops online an.

Schlussendlich bringt es ja nichts, in Panik zu verfallen. Wir können nur versuchen, das Beste aus der aktuellen Krise machen. Und das bedeutet: Rücksicht auf die Schwächsten der Gesellschaft zu nehmen, auf Hamsterkäufe jeglicher Art zu verzichten, uns persönlich wie beruflich ein kleines bisschen anzupassen und sich gegenseitig zu unterstützen. Je mehr Menschen in der Stadt an einem Strang ziehen, desto leichter wird es für alle. Auch deshalb stehe ich jeden Abend in Barcelona zusammen mit Zehntausenden anderen am offenen Fenster – und applaudiere.“

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