Corona-Krise

Iserlohner Physiotherapeuten in der Zwickmühle

Physiotherapie-Praxisinhaberin Nicole Gebhardt hat kein Problem damit, dass die Tochter einer Mitarbeiterin mit zur Arbeit kommt. Verstehen kann sie die Regelungen aber nicht.

Physiotherapie-Praxisinhaberin Nicole Gebhardt hat kein Problem damit, dass die Tochter einer Mitarbeiterin mit zur Arbeit kommt. Verstehen kann sie die Regelungen aber nicht.

Foto: Jennifer Katz

Iserlohn.  Praxen gelten als systemrelevant, Finanzhilfen und Kinderbetreuung gibt’s aber nicht für sie.

Wenn Nicole Gebhardt die Ankündigungen vonseiten der Regierung, es würden Rettungspakete geschnürt, hört, kann sie ihre Wut kaum zügeln. Sie betreibt seit fünf Jahren die Physiotherapiepraxis „Plan B.“, beschäftigt inzwischen ein zwölfköpfiges Team und hat ihre Kredite fast abbezahlt.

„Wir werden von der Regierung angehalten, unsere Praxen zu öffnen, weil wir ja als unabkömmlich, beziehungsweise systemrelevant gelten“, erzählt sie. Auf der anderen Seite sind seit Wochenbeginn die Behandlungszahlen um 70 Prozent eingebrochen, weil die Patienten aus Angst vor dem Coronavirus zu Hause bleiben, außerdem würden Krankenkassen und niedergelassene Ärzte vom Besuch einer Physiotherapiepraxis abraten. „Ich würde derzeit lieber die Anweisung von der Regierung bekommen, dass wir schließen müssen und in Krankenhäusern helfen“, erklärt Nicole Gebhardt, die die Sorgen der Patienten durchaus versteht.

Kurzarbeit bereits in der ersten Woche angemeldet

Sie hat bereits Kurzarbeit angemeldet, um die Ausfälle kompensieren zu können. „Ich muss weiter Miete zahlen, Leasing-, Energie- und Personalkosten ebenso“, betont sie. Würde sie auf Weisung schließen müssen, würde sie für diese Zeit den Umsatz aus dem Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres bekommen. Auch wenn sie einen Coronafall in der Praxis hätte, würde diese Regelung greifen.

Für ihre Mitarbeiterinnen bedeute bereits die Kurzarbeit eine große finanzielle Lücke: „Physiotherapeuten verdienen ohnehin schon wenig.“ Das Team halte ihr dennoch die Treue. „Da sitzen die Männer und die Kinder zu Hause, aber sie kommen täglich – trotz der Gefahr, sich zu infizieren“, sagt Nicole Gebhardt. Eine ihre Angestellten trifft es besonders hart, sie ist alleinerziehend mit einer achtjährigen Tochter. Doch die wird an der Grundschule, die sie besucht, nicht betreut – denn dort heißt es, Physiotherapeuten würden nicht als unabkömmlich gelten. „Das kann doch nicht sein“, macht Nicole Gebhardt ihrem Unmut Luft. Doch die Schule habe sich rückversichert, und es heiße: keine Betreuung für Kinder von Physiotherapeuten, sie seien nicht systemrelevant wie beispielsweise Ärzte, Pflegekräfte oder Feuerwehrleute. So geht die Kleine nun täglich mit ihrer Mutter zur Arbeit. „Das ist ja grundsätzlich kein Problem – wir lieben sie alle und beschäftigen uns mit ihr – aber richtig ist das nicht“, so die Praxis­inhaberin.

Noch eine Tatsache lege ihr und wohl allen Branchenkollegen derzeit Steine in den Weg. Krankenkassen genehmigen aktuell eine 42-tägige Unterbrechung von Rezepten. Wenn also ein Patient beispielsweise 40 Anwendungen von seinem Arzt verschrieben bekommen hat, bis zur Coronakrise 33 davon absolviert hat, dann die 42 Tage abwartet, bevor er sich weiter behandeln lässt, dann kann Nicole Gebhardt erst abrechnen, wenn alle Anwendungen erledigt sind. So könne sie derzeit noch nicht einmal die Leistungen, die sie bereits erbracht habe, in Rechnung stellen.

Fitnessstudios schließen, aber Kurse in der Praxis laufen

Nicole Gebhardt kann nur noch den Kopf schütteln. „Ein Darlehen ist für mich doch auch keine Lösung. Das würde mir zwar jetzt helfen, aber ich müsste es dann jahrelang abzahlen“, erklärt sie. Und: „Wir haben uns für einen Beruf entschieden, Menschen bis zum Ende zu helfen, was wir ja auch wollen.“ Doch dass jetzt Fitnessstudios geschlossen würden, sie aber ihre Kurse und eben den Praxisbetrieb weiter laufen lassen soll, das kann sie nicht nachvollziehen. „Meine Mitarbeiterinnen sind im Moment mehr mit Desinfizieren beschäftigt als mit ihrer eigentlichen Arbeit. Zum Glück bin ich eine, die ohnehin immer große Vorräte hat und besitze daher ausreichend Desinfektionsmittel. Wir haben Türen und Fenster offen stehen, waschen die Wäsche mit Hygienereiniger. Sonst drücken wir uns zur Begrüßung, auch darauf verzichten wir“, fasst Nicole Gebhardt zusammen.

Aus Gesprächen mit anderen Praxisbetreibern weiß sie: „Es geht jetzt allen so. Egal, ob sie so neu am Markt sind wie ich oder schon seit mehr als 25 Jahren.“ Daher müsse dringend etwas passieren.

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