Deutsche aus Russland

Iserlohner Verein mahnt: Erinnerung an Unrecht wachhalten

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Dr. Eugen Eichelberg (li.) und Jakob Fischer erläuterten die Folgen des „Stalin-Erlasses“, der erst nur die Wolga-Deutschen betraf, dann auf andere ausgedehnt wurde und 350.000 Menschen in Zwangsarbeit brachte.

Dr. Eugen Eichelberg (li.) und Jakob Fischer erläuterten die Folgen des „Stalin-Erlasses“, der erst nur die Wolga-Deutschen betraf, dann auf andere ausgedehnt wurde und 350.000 Menschen in Zwangsarbeit brachte.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  „Die Gemeinschaft der Deutschen aus Russland“ mahnte bei einer Gedenk-Veranstaltung, die Folgen des „Stalin-Erlasses“ nie zu vergessen.

Mit einer eindrucksvollen Gedenkveranstaltung erinnerte „Die Gemeinschaft der Deutschen aus Russland“ am Sonntag im Sase-Forum an den 80. Jahrestag des „Stalin-Erlasses“. 800.000 vor allem Wolga-Deutsche waren nach dem 28. August 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert worden. Wie viele von ihnen genau durch Zwangsarbeit, Mangelernährung, Krankheiten, Erschießungen oder einfach durch die Kälte in den folgenden Jahren starben, ist bis heute unklar. Nach Schätzungen sollen bis zu 160.000 Menschen damals ihr Leben verloren haben.

Einer der Zeitzeugen, die es heute noch gebe, würde es immer noch für ein Wunder halten, dass sie „die schlimme Zeit“ überstanden haben, berichtete die Vorsitzende der „Gemeinschaft der Deutschen aus Russland“, Ludmilla Esaulov. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass dieser traurige Teil unserer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.“ Die Zeit der Deportation habe die Russlanddeutschen sehr geprägt und wirke bis heute nach. Die gemeinsame Vergangenheit und das „Dilemma, dass sie nirgends wirklich dazu gehörten“, weil sie in der Sowjetunion als „Nazi-Deutsche“ beschimpft wurden und später dann nach der Aussiedlung in Deutschland fälschlicherweise als Russen galten, habe seit jeher für die „große Verbundenheit und den großen Zusammenhalt“ innerhalb der Landsmannschaft gesorgt. „Genau das ist auch der Kern unseres Vereins: Wir wollen diese Verbundenheit positiv für das Leben hier und jetzt nutzen und Integration leben.“

Dazu beitragen soll auch die Ausstellung „Deutsche aus Russland gestern und heute“, die seit über 25 Jahren immer wieder aktualisiert wird, um vor allem in Schulen über die Geschichte seit der Einladung von Zarin Katharina der Großen an deutsche Handwerker und Landwirte im 18. Jahrhundert, die bereits etwa 100 Jahre später beginnenden Repressalien und das weitere Schicksal der Russlanddeutschen zu informieren. Ein wichtiger Teil sei dabei auch die Aufklärung über heute verbreitete Vorurteile, machte Dr. Eugen Eichelberg im Gespräch mit der Heimatzeitung deutlich. Gemeinsam mit seinem Projektleiter-Kollegen Jakob Fischer erläuterte er einige der insgesamt 24 Schautafeln, die am Sonntag in der Sase und bereits vor mehreren Jahren in der damaligen Fassung in Schulen in Iserlohn und der Region zu sehen waren. Deren aktuelle Ausgabe könne gerne wieder von Lehrern kostenlos gebucht werden.

Über ihre Diskriminierungserfahrungen in Deutschland berichtete auch die Schriftstellerin Katharina Martin-Virolainen. Die 35-Jährige aus Eppingen in Baden-Württemberg trug kurze Texte aus mehreren ihrer Bücher vor. Mit denen möchte sie als Vertreterin der jüngeren Generation der Russlanddeutschen dazu beitragen, dass man angesichts der „schlimmen Vergangenheit nicht in Trauer versinke“, sondern die Erinnerungen wachhalte. „Wir wollen kein Mitleid, aber dass man unsere Geschichte kennt.“

Auch Heinrich Zertik, der Vorsitzende der „Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler (VIRA)“, hatte zuvor diesen Aspekt schon betont: „Wir hoffen auf Verständnis, wollen friedlich leben und Signale setzen.“ Für solch ein „positives Signal“, das ihn optimistisch stimme, so Vizebürgermeister Thorsten Schick habe Zertik selber gesorgt, als er von 2013 bis ‘17 als erster Russlanddeutscher dem Bundestag angehörte. Auch Schick mahnte, dass es wichtig sei, das „ehrende Gedenken“ an die Opfer der Zwangsumsiedlung, die „Spielball zweier Diktatoren“, nämlich Stalin und Hitler, gewesen seien, zu bewahren: „Das darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Und zwar auch vor dem Hintergrund, dass das Schicksal der rund 2,3 Millionen Russlanddeutschen, die seit 1987 nach Deutschland kamen, und vor allem das ihrer Vorfahren sehr vielen hierzulande nicht bewusst beziehungsweise bekannt sei, merkte Schick an. Dass sie dann hier als „Russen abgestempelt“ wurden und werden, könne man auch als Fortsetzung des Unrechts ansehen, das am 28. August 1941 seinen schrecklichen Anfang genommen habe.

Hemeranerin berührt mit sehr persönlichen Einblicken

Zum Wachhalten der Erinnerungen trug am Sonntag neben der Pianistin Ekaterina Grysiewicz mit entsprechenden Musikstücken – wie übrigens auch Jakob Fischer mit einigen Heimatliedern, die er gemeinsam mit den 60 Gästen im Forum anstimmte – auch Rosa Ananitschev bei. Die Hemeranerin, 1954 in einem Dorf bei Omsk geboren, las aus ihrer Autobiografie „In der sibirischen Kälte“. Die Schilderung des Todes ihrer Mutter 1971 und der folgenden Zeit gingen dabei der Autorin immer noch selber sehr nahe und sorgten für einen weiteren emotionalen Moment der Gedenkveranstaltung. Dass die erst sechs Woche nach dem eigentlichen 80. Jahrestag stattfand, erklärte Ludmilla Esaulov mit der verspäteten Bewilligung der Fördergelder für die Durchführung.

Schulen, die Interesse an der Wanderausstellung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland haben, können sich an Jakob Fischer (0171-4034329), Dr. Eichelberg (0152-57525790) oder per E-Mail an lmdr-ev@t-online.de wenden.

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