Interview

Jan Philipp Burgard: „Ich fühlte mich wie im Bürgerkrieg“

| Lesedauer: 13 Minuten
Jan Philipp Burgard bei einem Wahlkampftermin mit Joe Biden. Das Interview hätte auch beinahe richtig gut geklappt, wenn nicht ein Protestler den Präsidenten-Kandidaten verschreckt hätte.

Jan Philipp Burgard bei einem Wahlkampftermin mit Joe Biden. Das Interview hätte auch beinahe richtig gut geklappt, wenn nicht ein Protestler den Präsidenten-Kandidaten verschreckt hätte.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Berlin.  Im Interview spricht Jan Philip Burgard über sein neues Buch „Mensch, Amerika!“, Rassismus in den Staaten und amerikanische Präsidenten.

Man stellt sich den Korrespondenten eines deutschen Fernsehsenders ja immer als ziemlich entspannten Typ vor, der einmal am Abend oder pro Woche zum Mikrofon greift, um seine Vor-Ort-Einschätzungen der Heimat mitzuteilen. Meistens zu Themen, die ohnehin gerade an dem Tisch der Weltpolitik liegen. Auch Dr. Jan Philipp Burgard, Iserlohner von Geblüt und Journalist aus Leidenschaft, war für die ARD in Amerika und hat auch schon mehrfach die Leserschaft der Heimatzeitung an seinen Erlebnissen, die eben deutlich über das reine Vermitteln von Nachrichte hinausgegangen sind, teilhaben lassen. Heute ist „JP“ eine Führungsfigur bei WELT-TV. Und er ist Wiederholungstäter als Buchautor. Über das druckfrischeste Werk hat er mit uns gesprochen.

Jan Philipp, reden wir also über Dein neues Buch „Mensch, Amerika!“ Nach der Lektüre fallen mir gleich beim Titel mehrere Möglichkeiten ein, die Satzzeichen zu Verändern. Hinter „Mensch“ ein Fragenzeichen? Oder das Ausrufezeichen auch schon hinter „Mensch“?

„Mensch, Amerika!“ habe ich bei meinen Reisen durch dieses Land im emotionalen Ausnahmezustand oft gedacht. Denn ich habe Rassismus und Polizeigewalt, Amokläufe, Klimakatastrophen, religiöse Geheimbünde, käufliche Politiker und eine tief gespaltene Gesellschaft aus nächster Nähe beobachtet. Dabei bin ich Menschen aus allen Lebensbereichen begegnet – vom Obdachlosen bis zum Milliardär, vom Mörder bis zum Präsidenten. Deshalb lag der Titel des Buches auf der Hand.

Du hast einen schwarzen Pfarrer, dessen Sohn von der Polizei aus nichtigem Anlass erschossen wurde und der heute einem Enkel einbläut, wie er sich bei Polizei-Kontrollen verhalten soll, gefragt: „Glauben Sie nicht, dass er noch mehr von seiner Zukunft erwarten kann, als nicht von der Polizei erschossen zu werden? Viel mehr Resignation geht doch eigentlich gar nicht, oder?

Leider hast du Recht. Die Begegnung mit dem Pfarrer hat mir auf besonders traurige Weise deutlich gemacht, wie hoffnungslos viele schwarze Amerikaner inzwischen sind. Als ich 2008 in den USA die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten erlebte, hatte ich geglaubt, der strukturelle Rassismus in Amerika sei überwunden. Heute muss ich einsehen, dass ich mich getäuscht habe. Ein Beispiel: Als Reaktion auf Obamas Einzug in das Weiße Haus gründeten sich damals rechtsextreme Milizengruppen. Und Polizeigewalt gegen Schwarze blieb weiterhin oft folgenlos, wie im Falle des Pfarrers, dessen Sohn von einer Polizistin erschossen wurde. „Ich habe überhaupt keinen Glauben mehr an dieses Land. Egal, wer der Präsident ist. Alles ist scheinheilig“, sagte dieser gebrochene Geistliche zu mir.

Und der gleiche Pfarrer bereitet seine Gemeinde per Matthäus-Evangelium auf interne Auseinandersetzungen, also eine Art Bürgerkrieg vor?

Genau, er rief seine Gemeinde nicht mehr zur Verständigung auf wie Martin Luther King, sondern stimmte sie auf Ausschreitungen ein. Nie werde ich vergessen, wie der Pfarrer aus dem Matthäus-Evangelium zitierte: „Ihr werdet von Kriegen hören, und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Es wird Gewalt geben.“

Ist Rassismus nach wie vor also ein aktuelles und brandgefährliches Thema in Amerika?

Leider ja. Als ich nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd aus Minneapolis berichtete, zündeten Demonstranten ganze Straßenzüge an. Ein junger Mann lief mit einer Axt umher und schlug Fensterscheiben ein. Ich fühlte mich wie in einem Bürgerkrieg.

„Das beste Mittel einen bösen Menschen mit einer Waffe zu stoppen ist ein guter Mensch mit einer Waffe.“ 14000 Menschen sterben in den USA jährlich durch Schusswaffen. Was machen solche Sätze mit einem?

Der von dir zitierte Satz aus meinem Buchkapitel über die Waffengewalt in den USA hat mich tief verstört. Denn er stammt vom Augenzeugen eines Amoklaufes in Texas, den ich befragt habe. Der Täter hatte in einer Kirche 26 Menschen erschossen, darunter Kleinkinder. Die Überzeugung, dass man als Reaktion auf solche Horrortaten mehr und nicht weniger Waffen im Land brauche, ist weit verbreitet.

Der Bürger kann sich nicht auf den Staat verlassen. Sagt einer. Klingt harmlos, scheint aber in den USA voller Pulver zu sein.

Der Waffenkult ist tief in der DNA der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt. Das hat historische, geografische, psychologische und sogar religiöse Gründe. Die Bedeutung von Waffen für die Entstehung des amerikanischen Freiheitsmythos hat ein Journalist einmal so auf den Punkt gebracht: „Der Wilde Westen ließ sich nur mit dem Colt erobern, die Briten ließen sich mit dem Karabiner vertreiben und die Indianer mit der Winchester unterjochen.“

Wird in Schulen tatsächlich regelmäßig der Ernstfall eines Amoklaufs trainiert?

Ja, auch unsere kleine Tochter musste schon mit erhobenen Händen aus ihrem Kindergarten laufen. In den USA wird an fast allen Schulen und Betreuungseinrichtungen regelmäßig für den Fall eines Amoklaufs trainiert. An den erhobenen Händen soll die Polizei bei einer Evakuierung erkennen, dass sich der Schütze nicht zwischen den flüchtenden Schülern versteckt. Die so genannten »Lockdown Drills« gehören zum Alltag. Unter anderem werden die Klassenräume sofort verschlossen und verdunkelt, alle müssen still sein.

Die Demokratie ist korrupt! Sagt der Milliardär Styer. Was sagen die Menschen zu so einer politischen Bankrotterklärung?

Der Milliardär Tom Styer, den ich in Baltimore interviewt habe, hat selbst hunderte Millionen Dollar an Politiker gespendet, um sie in seinem Sinne zu beeinflussen. 2020 versuchte er selbst (vergeblich) Präsident zu werden und gab auch dafür einen Haufen Geld aus. Er sagte mir, dass er sich bewusst sei, dass die Politik korrupt sei. Deshalb versuche er, mit seinem Geld eine Graswurzelbewegung zu organisieren, um Bürger als Wähler zu registrieren. Das große Geld entscheidet zunehmend, wer für ein Amt kandidieren kann und wer für wen Politik macht. Das ist die Wahrnehmung vieler Amerikaner. Besonders Bürger in ländlichen Regionen empfinden deshalb die Hauptstadt Washington als moralisch vermoderten Ort. »Der Sumpf« wird Washington im Volksmund genannt. Und das nicht nur, weil Teile von Amerikas Hauptstadt tatsächlich auf Sumpfgebiet gebaut wurden.

Deine Kinder haben mit den Enkeln vom Präsidenten gespielt und Dein Friseur hat schon drei Präsidenten die Haare geschnitten? Zufall oder beinharte Recherche?

Beides. Auf dem Spielplatz wusste ich zunächst nicht, dass meine Tochter mit den Enkelkindern von Donald Trump fangen spielte – bis eine der anwesenden Mütter mich auf die Bodyguards in Zivil aufmerksam machte und das Geheimnis lüftete. Meinen Friseur hingegen habe ich bewusst ausgewählt, denn er hatte immer tolle Anekdoten zu erzählen. Diego D’Ambrosio ist 83 Jahre alt und in der US-Hauptstadt eine lebende Legende. Die Straße, in der sich sein Salon befindet, ist bereits nach ihm benannt. Die Inneneinrichtung hat Diego seit Jahrzehnten nicht verändert. Im Radio laufen in der Regel italienische Schnulzen. Seine Kunden lieben diesen nostalgischen Charme. An den Wänden hängen überall Fotos seiner prominenten Kunden, darunter drei Präsidenten. Der ganze Raum wirkt, als könnte gleich Ronald Reagan durch die hölzerne Ladentür hereinspazieren. Und mit 25 Dollar pro Herrenschnitt gehörte Diego in Washington sogar noch zu den günstigsten Coiffeuren.

Kann man mit einem Satz sagen, was die „Familie“ ist? Deren Anführer – so viel habe ich verstanden – ist auf jeden Fall ja kein Geringerer als Jesus.

Die „Familie“ heißt offiziell „Fellowship Foundation“ und ist eine Art religiöser Geheimbund, der großen Einfluss auf die amerikanische Politik ausübt. Jeder Präsident seit Eisenhower bis hin zu Biden hat der „Familie“ bei ihrem sogenannten Nationalen Gebetsfrühstück die Ehre erwiesen – und das, obwohl diese mysteriöse Organisation in der Vergangenheit schwulenfeindliche und diktatorenfreundliche Politikziele verfolgt hat. Den irdischen Anführer der „Familie“ konnte ich interviewen. Er sagte mir, dass Donald Trump ein „Kind von König Jesus“ sei und als „Ebenbild Gottes“ geschaffen worden sei. Und damit nicht genug.

Der Anführer der „Familie“ sagte dir, Trump sei ein Mensch, der gerade versuche herauszufinden, was für ein Mensch er ist. Möchte man einen solchen Interviewpartner nicht einfach laut lachend stehen lassen?

Dafür war das Thema leider zu ernst. Denn Trump hat während seiner Präsidentschaft tatsächlich viele Entscheidungen im Sinne der „Familie“ getroffen. Zum Beispiel hat er viele Richter ernannt, die Urteile gegen das Recht auf Abtreibungen sprechen.

Warum durftest Du bei dem Besuch der nicht erst seit Jonny Cash legendäre Strafanlage San Quentin keine blaue Hose tragen?

Ich freue mich, wie genau Du mein Buch gelesen hast, Thomas! Ich durfte in dem geschichtsträchtigen Gefängnis keine blaue Hose tragen, weil die Scharfschützen auf den Wachtürmen mich damit im Fall der Fälle nicht von den Insassen mit ihrer blauen Häftlingskleidung hätten unterscheiden können. Im Vorfeld musste ich auch unterschreiben, dass der US-Bundesstaat Kalifornien für mich kein Lösegeld zahlen und auch keine anderen Forderungen erfüllen würde, sollte ich als Geisel genommen werden.

Stichwort Waldbrände: Es gab tatsächlich einmal eine Politik der Feuerunterdrückung?

Die US-Forstbehörde hat jahrzehntelang verfügt, dass jedes Feuer bis 10 Uhr morgens am Tag nach dem Ausbruch gelöscht sein musste. In der Folge nahm der Wildwuchs Überhand, erklärte mir der Häuptling vom Stamm der „North Fork Mono“. Auch deshalb gebe es allein in einem Teil der Sierra Nevada inzwischen 150 Millionen tote Bäume, die leicht entflammbar seien und zu den verheerenden Waldbränden in Kalifornien beitragen würden. Seine Vorfahren hätten bewusst kleine Feuer gelegt, um große Katastrophen zu verhindern, erklärte mir der Häuptling: „Feuer ist ein Werkzeug. Man muss Feuer benutzen und nicht Angst davor haben“, sagte er mir.

Letzter Themenwechsel: Du hast einen Menschen getroffen, der überzeugt ist, dass es in 20 Jahren keine altersbedingtes Sterben mehr gibt. Kann man da als Journalist ernst bleiben? Oder ist das am Ende der oben bereits erwähnte Jesus höchst selbst?

Natürlich klingt das erstmal nach Scharlatanerie. Aber der von Dir erwähnte Wissenschaftler ist durchaus anerkannt. Mit seiner Stiftung und seinem eigenen Labor will er zum Beispiel Stammzellen im menschlichen Körper erneuern, bevor sie altern oder erkranken. Statt von risikoreichen Organtransplantationen träumt er von Stammzellspritzen als Präventionsmaßnahme. Außerdem habe ich eine Firma besucht, bei der man sich kurz nach dem Ableben einfrieren lassen kann – in der Hoffnung, irgendwann wieder aufgetaut zu werden, wenn die Technik so weit ist. Der Inhaber dieser Firma war ein Wissenschaftler der renommierten Stanford University. Bei meinen Recherchen im Silicon Valley habe ich erfahren, dass Milliarden in den Menschheitstraum vom Triumph über den Tod investiert werden. Wer ewig leben will, sollte also mein Buch lesen (lacht).

Letzte Frage: Wohin schlägt das Burgardsche Gefühls-Pendel beim Thema USA: Bewunderung oder Angst?

Das Pendel schlägt in beide Richtungen aus. Amerika hat mir immer wieder Angst gemacht. Oft hatte ich das Gefühl, auf einem Pulverfass zu leben. Und ich befürchte, dass es sehr schwer für Joe Biden wird, die zerstrittenen gesellschaftlichen Lager miteinander zu versöhnen. Gleichzeitig bewundere ich noch immer die Fähigkeit Amerikas, sich neu zu erfinden. Ich versuche, mir den typisch amerikanischen Optimismus zu bewahren. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Buch „Mensch, Amerika!“ von Dr. Jan Philipp Burgard ist im Piper Verlag erschienen und ist für 22 Euro im Handel erhältlich.

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