Coaching

Jan Untiedt berät Abiturienten bei der Berufswahl

Jan Untiedt sagt: „Die neue Angebots-Vielfalt macht auch neue Wege der Orientierung notwendig.“

Jan Untiedt sagt: „Die neue Angebots-Vielfalt macht auch neue Wege der Orientierung notwendig.“

Foto: Michael May/IKZ

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Iserlohn. Jan Untiedt (49), in der Region u.a. durch sein Tätigkeit als „Director Sales & Marketing“ der privaten Iserlohner Hochschule BiTS kein Unbekannter, hat sich nach seinem Ausstieg einer anderen Aufgabenstellung zugewandt. Unter der Überschrift „Abi – Und was dann?“ glaubt er eine Informationslücke in der junge Generation bis hin zur Planlosigkeit gefunden zu haben, die es auszumerzen gilt. Mit Hilfe des „Herrmann Brain Dominance Instrument“, kurz HBDI. Da drängen sich die Nachfragen förmlich auf.

Herr Untiedt, Sie coachen Abiturienten. Warum müssen heute jeder und alles gecoacht werden? Mit Verlaub, wir kommen dahin, dass wir vor einer Toilettenschüssel stehen und nicht wissen, was wir damit tun sollen. Weil wir nicht gecoacht wurden? Ist das noch normal? Oder wollen wir uns einfach nur noch auf die Beratung durch andere verlassen?

Nein, das ist es wohl nicht. Die Beratung im Fall der Abiturienten ist da eher nachgelagert, zumal sie ja auch noch von den Arbeitsämtern geboten wird. Allerdings, wie ich finde, nicht gerade in einer Qualität, die den jungen Leute wirklich weiterhilft. Das Problem ist ein anderes: Nehmen Sie die Zeit vor 10 bis 15 oder 20 Jahren. Da gab es Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwälte und vielleicht noch das Feld der BWL. Und dann hatte man einige überschaubare Berufs-Nischen. Wenn Sie heute nur einmal auf die gewaltigen Angebote der modernen Hochschulen schauen und dabei auch die Veränderungen bei den Abschluss-Modalitäten im Auge haben, dann müssen Eltern und Schüler doch einfach die Übersucht verlieren. Wir reden heute in Deutschland über tausende von Erststudiengängen.

So, und plötzlich kommt das Kind mit dem Berufs-Wunsch „Business-Psychologie“ daher, dann sagen die Eltern ersten Moment: „Oh, Du willst Medizin studieren?“ Bis sie dann zu einer Beratung kommen und feststellen müssen, dass das mit Medizin vielleicht gerade mal im ersten Semester zu tun hat.

Wir reden jetzt immer über eine Studienberatung. Sie konzentrieren sich aber bei Ihren Gesprächen verstärkt auf die Neigungen und Denkhaltungen, die offenen und versteckten. Kann denn dabei nicht auch rauskommen, dass jemand gar kein Talent für ein Studium hat, sondern eher für einen handwerklichen Beruf?

Unbedingt, denn meine Grundphilosophie zielt eigentlich auch immer auf eine Ausbildung vor dem Studium ab. Ich habe genügend Fälle beobachtet, bei denen junge Leute, die bereits eine Ausbildung hinter sich haben, diejenigen Studenten, die frisch von der Schule kommen, in Bezug auf Qualifikation, Motivation und Leistungsvermögen deutlich hinter sich gelassen haben. Aber wir erleben auch, dass viele Leute nach der Schule aufgrund fehlender Informationen in dem Glauben sind: Ich habe doch nicht Abitur gemacht, um eine Ausbildung zu machen. Die erst gar nicht begreifen, dass eine handwerklich oder kaufmännische Lehre die Grundlage für ein erfolgreiches BWL-Studium sein kann. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Eltern sich Zuhause um die Fragestellungen auch nicht mehr wirklich kümmern.

Stichwort Eltern: Erleben Sie denn immer noch diesen verstärkten Wunsch der Eltern: „Mein Kind soll auf jeden Fall studieren!“. Dass also das Studium immer noch als die ideale Fortführung der gymnasialen Ausbildung gesehen wird?

Diese Wunschvorstellung gibt es natürlich noch. Das merke ich immer dann, wenn die Eltern am Coaching teilnehmen. Aber noch deutlicher merkt man die Einstellung: „Kind, bitte mach irgendetwas, wir helfen Dir dabei!“ Das ist dann schon fast planlos. Natürlich gibt es auch den Hinweis auf eine Ausbildung, aber oft mit dem Nachsatz, dass man das ja selber auch gemacht habe und es einem nicht schlecht bekommen sei. Das ergänze ich dann noch um die tatsächlichen Vorzüge einer Ausbildung zusammen mit einem Studium. Wenn man das dann noch mit den ermittelten Neigungen zur Deckung bringen kann, dann ist man weit vorn.

Ist der Realismus in den Elternhäusern, in denen weniger Geld vorhanden ist, schon eher vorhanden?

Das kann und muss man so sagen. Ich kann meine Leistung als Unternehmer zwar nicht kostenfrei anbieten, aber ich denke oft darüber nach, dass ich junge Leute mit einem großen Potenzial sehe, die bei richtiger Freilegung ihrer Fähigkeiten gefördert werden müssten. Für die jungen Leute aus finanziell schwächerer Herkunft sind die Überlegungen bei der Auswahl bis hin zur Finanzierung viel komplexer.

Inwieweit kann nach Ihrer Beobachtung das System „Schule“ heute schon letztendlich umfassende Berufsberatung leisten?

Ich meine, Sie kann es nicht leisten. Da wird vielleicht maximal ein Hochschul-Tag zur Verfügung gestellt oder eine Exkursion zu einer Uni. Aber mal ehrlich: Wie soll ein Oberstufenleiter selbst überhaupt über das riesige Studienangebot informiert sein? Und wie soll die Kommunikation darüber erfolgen? Also greifen sie im Bedarfsfall auf das Angebot des Arbeitsamtes zurück, um nicht mit professionellen, dadurch natürlich auch kommerziellen Beratern zusammenarbeiten zu müssen. Damit wird aber eben der Angebotsbreite keinerlei Rechnung getragen.

Ich komme noch einmal auf Ihre Neigungs-Forschung zurück. Sie basiert ja auf einem Modell, dass sich unser Gehirn in vier Quadranten teilt, die mit unterschiedlichen Aktivitäten unser Leben und unser Schaffen prägen. Wie konnte die Menschheit so alt werden, ohne dass wir uns dieser Prozesse und ihrer Folgen erst bewusst werden mussten?

Weil die Vielfältigkeit der Studiengänge manchmal einem Interesse entspricht, das allerdings nicht der tatsächlichen Neigung entspricht. Vereinfacht gesagt: Ich wäre gern Fußball-Profi geworden, aber mein Körper ist dafür nun gar nicht geeignet. Früher waren die Voraussetzungen andere. Da gab es eben nur eine begrenzte Zahl von Berufsbildern und irgendwie hat man sich da durchgewurschtelt. Da wurde der Sohn eben Jurist, weil schon der Vater Jurist war. Allerdings gab es dadurch damals auch schon so Probleme wie „Abbrecher“ oder „Burn out“. Heute können wir das Zusammenpassen von Wunsch und Wirklichkeit mit unseren Methoden viel besser ermitteln und somit auch die Zufriedenheit deutlich steigern.

Wagen Sie eine Prognose, wie viele der jetzt im Studium befindlichen jungen Leute auf einem gefühlten oder tatsächlichen Holzweg unterwegs sind?

In der Tat sieht man das an den Abbrecher-Zahlen. Zum Beispiel bei den Ingenieuren. Da sind 30 Prozent keine Seltenheit, weil die Kommunikation im Vorfeld nicht richtig funktioniert hat, weil sie falsche Bilder von ihrem späteren Beruf bekommen haben. Sowie oftmals auch bei Themen wie Mode, Medien oder auch Eventmanagement. Da ist der Abbruch vorprogrammiert. Es gibt übrigens durchaus Hochschulen, die diese Zahlen schon gar nicht mehr veröffentlichen.

Kann es denn nun wirklich sein, dass ein Proband, der sich Ihnen anvertraut und der der festen Überzeugung ist, ein begnadeter Jurist zu sein oder zu werden, am Ende feststellen muss, dass er doch der bessere Maschinenbauer wäre?

Also rein wissenschaftlich gesehen liegen die beiden Berufsbilder ja in Bezug auf analytisches Denken gar nicht so weit auseinander, spielen sich im gleichen Hirnbereich ab. Aber es gab eben auch den Fall, dass jemand in den Kreativ-Bereich der Werbung wollte und wir am Ende feststellen mussten, dass er doch eher ein reiner Zahlenmensch war. Also schwenkte er in Richtung Marktforschung und Volkswirtschaft um. Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, dass im Fall einer Nicht-Übereinstimmung von Neigung und Wunsch nicht von vornherein das Scheitern vorprogrammiert ist. Aber zum Coaching gehört eben auch das Erklären: „Leute, seid erstens nicht sauer oder gebt auf, wenn andere, bei denen es besser passt, an Euch vorbeiziehen, und zweitens müsst Ihr Euch den Erfolg auf jeden Fall härter erarbeiten.“

Ist es am Ende leichter, die Eltern oder die Schüler auf eine neue Spur zu setzen?

Wenn wir mit den Schülern das Profil erarbeiten, dann kommt als Ergebnis ja nicht unbedingt ein „Das bist Du!“ heraus, sondern eine Diskussionsgrundlage auf der Basis: „Erkennst Du dich darin wieder?“ Und wenn das der Fall ist und es plötzlich „klick“ macht, dann ist auch die Akzeptanz da, sich mit präziseren Fragestellungen weiter zu informieren. Bei den Eltern kommt nicht selten als Reaktion ein „Wussten wir schon!“ Oder sie merken gar nicht, dass sie insgeheim bereits Druck in die falsche Richtung ausgeübt und den Nachwuchs vom eigentlich bereits richtigen Weg abgebracht haben.

Vor dem Hintergrund des immer wieder prognostizierten Fachleute- und Spezialisten-Mangels müsste doch eigentlich die Arbeitgeberseite bei Ihnen Schlage stehen und um die Vermittlung von qualifizierten Kandidaten betteln?

Das ist auch so, denn gerade große Firmen haben erkannt, dass sie über den Weg der Neigungs-Analyse und der daraus resultierenden Förderung für sich optimale Wege gehen können. Auch bei kleineren Firmen bewegt sich da etwas, aber das hat natürlich auch was mit Veränderung zu tun und da tun sich die kleineren Unternehmen traditionell schwerer.

Der „Jugend von heute“ wird gern ein gewisses Maß an Oberflächlichkeit und mangelndem Verantwortungsgefühl vorgeworfen. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung? Trudeln die jungen Leute eher in ihre Zukunft oder geht die Mehrheit doch ziemlich geradeaus vor?

Die Zahl derer, die „straight“ unterwegs sind, ist überschaubar, die kommen auch nicht in eine Beratung. Aber den Eindruck der in Teilen fehlenden Verantwortung kann ich schon bestätigen. So etwas spiegelt sich ja zum Beispiel auf einer Plattform wie Facebook, wo ich eben ohne diese Verantwortung sehr erfolgreich unterwegs sein kann. Das sind dann übrigens auch die Stellen, wo die Eltern am liebsten korrigierend eingreifen möchten.

Ist das Verhalten zwischen Jungen und Mädchen unterschiedlich?

Mädchen und junge Frauen erscheinen mir bei dem Thema aufgeschlossener und variationsbereiter. Bei den Jungs herrschen schon oftmals eher familiäre Entscheidungs-Notfall-Situationen.

Aber wo wir gerade bei der Geschlechtertrennung sind kurz mal ein Exkurs zur Frauenquote: Nimmt man die Gehirnforschung zur Grundlage, da kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass Frauen in der Mehrzahl in der Tat auf anderen Gebieten ihre Leistungsschwerpunkte haben als Männer. Für den Erfolg einer Firma zählt aber nur das Vorhandensein aller Bereiche. Also ergibt sich daraus von ganz allein das unbedingt notwendige Miteinander von Frauen und Männern auf dem Weg nach oben, und man muss nicht die „Frauenquote“ als eine Art Almosen hochhalten.

Kann Ihre Profilierung auch Aufschluss darüber geben, ob ein Mensch bereit ist, sich international zu öffnen, seine Lebenskreise weltweit zu ziehen?

Der Befragung selbst sagt es nicht, aber ich sage es ihm in der normalen Beratung. Das Credo: Englisch ist keine Fremdsprache mehr, da muss noch etwas anders hintendran. Aber dann setzt natürlich auch wieder das Coaching ein, denn es gibt Perspektiven, wie man sich sinnvoll dieses Mehr draufpackt, zum Beispiel in einem freiwilligen Jahr im Ausland vor der Ausbildung.

Wann sollte der junge Mensch denn eigentlich anfangen, sich und seinen eingeschlagenen Weg intensiv zu überprüfen? Muss das nicht schon früh losgehen?

Nein, denn wer zu früh beginnt, zieht daraus auch zu leicht die falschen Schlüsse.

Ist es also auch Aufgabe von einem Coach, zu mehr Gelassenheit zu raten?

Genau so ist das. Das ganze Informations-Durcheinander entsteht doch nur, weil man sich zu früh auf die Suche macht und Informationen und Eindrücke sammelt. Mit 16 Jahren ist es früh genug, zunächst einmal die Frage zu stellen, was aus dem eigenen Inneren herauskommt. Und auf dieser Basis muss man weiterdenken.

Wenn Sie diese Profilierungs-Befragung vor 29 Jahren bereits gekannt hätten, wären Sie heute da, wo Sie heute sind?

Unbedingt. Ich habe ich ja den Test bzw. den Fragebogen auch bei meiner Tätigkeit für Coca Cola selbst gemacht und im Nachhinein hat sich in meinem Fall alles als richtig herausgestellt. Allerdings versuche ich heute auch Quadranten meines Gehirns, die bisher nicht so im Mittelpunkt meiner Neigungs-Aktivitäten standen, zu beanspruchen. Zum Beispiel den blauen Quadranten, der für Zahlen steht. Also trainiere ich das, in dem ich wenigstens meinen Steuerabschluss selbst mache.

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