Schule

Jedes Solo erzählt eine persönliche Geschichte

Die Darsteller des Filmteams aus der Internationalen Klasse des Stenner-Gymnasiums waren am Samstag hochzufrieden mit ihrem Ergebnis. 

Die Darsteller des Filmteams aus der Internationalen Klasse des Stenner-Gymnasiums waren am Samstag hochzufrieden mit ihrem Ergebnis. 

Foto: Michael May

Iserlohn.   Stennerschüler aus der Internationalen Klasse drehen ein Musikvideo über ihre Träume und Wünsche

„Alle auf Position! Jetzt geht’s los!“ Rike Branzk gibt die Kommandos am Set: Das Gymnasium an der Stenner ist am Samstag Drehort für ein Musikvideo der Internationalen Klasse 2. „Alle bereit?“ Die Kinder und Jugendlichen nicken und verstummen. Musiklehrer Philip Lütz spielt die Rap-Musik ein. Kameramann Thilaksan Sivanesan (16) fokussiert seine Kamera auf die singenden und tanzenden Darsteller auf der Feuertreppe des Gymnasiums an der Stenner und startet die Aufnahme.

In ihrem Refrain bringen die auf der Feuerleiter oder der Schulbühne rappenden und tanzenden Kinder und Jugendlichen die Kernbotschaft zum Ausdruck: „Egal ob arabisch, mazedonisch, kurdisch, persisch, französisch oder deutsch: Wir alle reden, lachen und weinen. Gehen zur Schule auf unseren Beinen. Haben zwei Augen, Nase, Mund und Ohren. Sind alle gleich in diese Welt geboren. Lasst uns zusammen zufrieden leben. Jeder von uns soll seinen Teil geben. Nur so kann es gehen. Rocken wir das Land. Kein ICH, sondern WIR: Los, wir geben uns die Hand.“

Bei dem Dreh geht es locker flockig durch die ganze Schule: durchs Forum, auf den Pausenhof, in die Klassen und durch die Flure. Diese Szenen haben die Macher mit den Kindern und Jugendlichen zusammen entwickelt. Jedes Solo erzählt die persönliche Geschichte der Schülerinnen und Schüler aus Syrien, Afghanistan und Frankreich. Die Texte entwickelte Rike Branzk mit den Jugendlichen. Den mit arabischen Elementen und Hip-Hop-Anteilen versetzten Song komponierte Musiklehrer Philip Lütz und spielte ihn mit E-Bass, Keyboard und Computerprogrammen ein. „Er gibt das Lebensgefühl der Schüler wieder und enthält Elemente verschiedener Kulturkreise“, schildert der Musiklehrer, der die Wünsche seiner Schüler darin verarbeitete.

Auf wenigen Zeilen verdichten sie ihre Erwartungen, Ängste und Träume. Rappend verrät die Kurdin Fatima (15) aus Syrien: „Ich bin jetzt hier, aber noch nicht lang. Manchmal ist mir richtig bang. Vier Sprachen, Mathe und mehr in einem Topf. Puh – das ist Kirmes in meinem Kopf.“

Mahmoud: „Ob kurdisch oder deutsch, ein Tor ist ein Tor“

„Ich bin Kurde und lebe jetzt hier“, singt Mahmoud (13). „Gehe zur Schule genau wie Ihr. Ich spiele gern Fußball, stellt Euch das vor. Ob Kurdisch oder Deutsch, ein Tor ist ein Tor.“ Mit einem Fußball kickt er auf dem Schulhof zu seinem Song.

Anash (14) singt: „Ich bin Perser und lebe jetzt hier. Gehe zur Schule genau wie Ihr. Manche von Euch sagen, Du zurück nach Hause. Dann essen sie italienische Pizza in der Mittagspause.“ Ihre Zukunftspläne besingt Sana (14): „Ich will in Deutschland sehr viel lernen. Meine Zukunft steht in den Sternen. Astronomie, unendliche Welt. Das will ich, mein Leben für das Himmelszelt.“ Das „Küken“ Vesna (11) schildert an der Seite von Petar zu Beat-Klängen ihre Situation: „Aus Mazedonien neu in die IK 2. Sind wir doch überall dabei. Deutsch ist schwierig. Punkt, Komma, Strich. Wann heißt es mir, ich oder mich?“ Ganz anders geht es Alexis (13): „Bonjour aus Frankreich importiert. Eine Art von Kulturschock garantiert. In Mathe bin ich fast ein Ass. Auch bald in Deutsch glaubt mir das.“ Der 13-jährige Rashid aus Syrien hat auf seiner Flucht viele Stationen durchlaufen. Der Kurde beschreibt das so: „Von Syrien in die Türkei. Mein Leben im Rucksack mit dabei, über Dänemark in dieses Land. Ist nun meine Heimat. Ich bin gespannt.“

Obada (14) singt: Ich mag den Song und das Rappen sehr. Auch auf Deutsch ist der Rhythmus gar nicht schwer. Es ist, wie ich finde ein toller Groove. Seht her, liebe Leute, das ist mein Move.“ Hiba ergänzt: „Ich trau mich auf die Bühne, habe den Mut, auf arabisch könnt ich es richtig gut. Musik verbindet, ist international. In welcher Sprache, das ist egal.

Breite Unterstützung in der Schule

Projektleiterin Rike Branzk und Musiklehrer Philip Lütz bekommen bei der Videoproduktion Unterstützung von der Bundesfreiwilligen Julia Trenkel, Schülern aus verschiedenen Stufen und von Schulsozialarbeiterin Alexandra Knabe. „Alle ziehen mit, auch Schulleiter Stefan Schmoldt und die Leiterin der Cafeteria, Pina Carbonaro, die am Samstag extra für uns aufmachte“, betont Rike Branzk dankbar die Hilfestellung vieler Beteiligter. Nicht zu vergessen die Familie eines Teilnehmers mit Wurzeln in Sri Lanka, die die technische Ausrüstung zur Verfügung stellte. Und Safaa Albay Omar und Yasser Abeid, den Betreuern der Internationalen Klasse 2.

Zufrieden und stolz mit dem Ergebnis des Drehs stärkten sich die jungen Teilnehmer nach getaner Arbeit mit Mineralwasser, bevor sie den Heimweg antraten. „Wir sind ein verrücktes Team“, beschreibt Rike Branzk die Zusammenarbeit mit Musiklehrer Philip Lütz, die bereits 2017 angefangen hat. Sie zeigte sich beeindruckt von den diszipliniert mitwirkenden Darstellern, von denen einige schlimme Fluchterfahrungen hinter sich haben. Sie mussten auch lernen, dass Jungen zusammen mit Mädchen gleichberechtigt auf die Bühne dürfen. „Das wäre vor einem Jahr für sie noch nicht vorstellbar gewesen“, weiß Rike Branzk, dass bei der Theaterarbeit und dem Dreh tradierte Rollenbilder über Bord geworfen wurden.

Der Film soll bald auf der Homepage der Schule abrufbar sein. Auch wollen die Beteiligten ihn beim Projekttag und dem Gesundheitstag in der Schule zeigen. Er könnte zum Ohrwurm werden.

Dies ist bereits das zweite Projekt, das Rike Branzk zusammen mit dem städtischen Jugendamt und dem Gymnasium an der Stenner entwickelte. Nach dem erfolgreichen Theaterprojekt im Jahr 2016 ist die Idee geboren worden, ein Musikvideo zu machen, erinnert sich die Projektleiterin. Sie berichtet von gestiegenem Selbstbewusstsein der Teilnehmer, die in der ihnen ganz neuen deutschen Sprache ein Theaterstück auf die Beine stellten, später eine Präsentation vor Lehrern machten und jetzt ganz unbefangen deutsche Texte vor laufender Kamera singen.

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