Interview

Jens Spahn: „Entscheidungen waren hart, aber richtig“

Seine eigene Gefühlslage blendete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus, als er im Gespräch mit Chefredakteur Thomas Reunert natürlich auch zu den Spuck-Attacken und Hass-Tiraden befragt wurde, die ihm in diesen Tagen bei öffentlichen Auftritten auch in NRW immer wieder entgegenflogen.

Seine eigene Gefühlslage blendete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus, als er im Gespräch mit Chefredakteur Thomas Reunert natürlich auch zu den Spuck-Attacken und Hass-Tiraden befragt wurde, die ihm in diesen Tagen bei öffentlichen Auftritten auch in NRW immer wieder entgegenflogen.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plädiert bei den Corona-Auswirkungen für Flexibilität durch Lernen – und glaubt an Vertrauenszuwachs.

„Wie geht’s jetzt weiter? Da die Treppe rauf?“ Jens Spahn (40) ist spurtstark auf dem Weg zum Interview mit der Heimatzeitung im „Vier Jahreszeiten“ unterwegs und der Mann platzt vor Energie und Dynamik fast aus dem Anzug. Wahrscheinlich ist es ja das Polit-Profi-Gen in ihm, das ihn für Stunden oder vielleicht auch gänzlich die „Spahn-hau-ab“-Rufe und den Flug-Speichel bei seinen letzten öffentlichen Auftritten vergessen oder ausblenden lässt. Auf jeden Fall scheint der gebürtige Ahauser nach wie vor wild lernwillig und entschlossen, die Forderungen der Pandemie-Experten mit den Vorstellungen der Bürger in Einklang zu bringen. Auch wenn sich zwischen beiden Lagern in diesen Tagen immer wieder lautstarke Gräben aufzutuen scheinen.

Herr Minister Spahn, Sie werden in diesen Tagen mit Worten und Spucke attackiert, obwohl Sie – ausweislich der internationalen und nationalen Zahlen – einen guten Job machen. Was macht das mit Ihnen und was sagt das über die selbst ernannt kritischen Teile unserer Gesellschaft?

Was das mit mir macht, ist gar nicht entscheidend. Was mich beschäftigt ist die Frage, ob wir als Gesellschaft imstande sind, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten und auszugleichen. Wer als Pflegekraft schwer erkrankte Patienten an Beatmungsgeräten versorgt hat, blickt anders auf die Einschränkungen in unserem Alltag als ein Unternehmer, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Mein Eindruck ist: Die meisten Bürgerinnen und Bürger wollen aufeinander Acht geben und im Gespräch bleiben. Es gibt aber eine kleine, laute Gruppe, die dazu offensichtlich nicht bereit ist.

Der Satz ist fast schon ein geflügeltes Wort: „Die Angst vor Corona ist schlimmer als Corona selbst“. Warum blenden so viele Menschen die tatsächlichen Risiken und nachweislich sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen dazu einfach aus?

Die große Mehrheit nimmt die Situation ernst und hilft mit. Bei manchem zeigt sich aber ein fragwürdiges Verständnis von Freiheit: „Ich trage keine Maske, weil ich ein freier Mensch bin“ – dabei tragen wir die Maske doch vor allem, um andere zu schützen. Wer noch jung ist und fit, der hat vielleicht keine Angst vor dem Virus. Aber er sollte berücksichtigen, dass er zu Menschen Kontakt hat, die möglicherweise nicht so fit sind. Zu unserer Freiheit gehört immer die Verantwortung gegenüber der Freiheit der anderen.

Gerade die Jugend scheint mit einer Jetzt-erst-recht-Einstellung unterwegs zu sein, will feiern als gäbe es kein Morgen. Sie sind ja selbst noch fast im Party-Alter. Überwiegen bei Ihnen Sorgen und das Unverständnis oder doch eher mildes „Sie sind nur einmal jung“?

So pauschal ist diese Beobachtung nicht richtig. Ich habe gerade erst in Emmerich Schülerinnen und Schüler aus einer Oberstufenklasse getroffen, die mir gesagt haben, dass sie die Maske weiter tragen – freiwillig. Umgekehrt erzählen mir Wirte, dass es nach dem dritten Bier auch älteren Bürgerinnen und Bürgern nicht immer leicht fällt, sich an die Regeln zu halten. Das ist also nicht unbedingt eine Frage des Alters. Ich verstehe den Wunsch nach Normalität und ausgelassenen Feiern. Aber wir werden uns leider noch eine Weile einschränken müssen.

Bekommen Leugner und Systemkritiker auch medial zu viel Aufmerksamkeit, was ihnen dann potenzielle Follower überhaupt erst zutreibt?

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger will sich und andere schützen. Alle Umfragen zeigen eine große Zustimmung zu den Maßnahmen. Entsprechend sollten wir die lautstarken Äußerungen von einigen wenigen einordnen.

Unterschiedlichste Maskenpflicht in Schulen, Familienfeiern mit 50 oder 150 Gästen? Schürt nicht das föderale Rum-eiern erst den Konflikt? Wären klare Ansagen nicht hilfreicher?

Wir haben in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen deutlich weniger Infektionen als etwa hier in NRW. Wenn wir dort die gleichen Maßnahmen ergreifen wie im Rhein-Main-Gebiet oder im Ruhrgebiet, wo sich momentan viel mehr Menschen infizieren, geht Akzeptanz verloren. Beides ist deshalb wichtig: Einerseits ein einheitlicher Rahmen und andererseits Maßnahmen, die das aktuelle Infektionsgeschehen in der jeweiligen Region berücksichtigen.

Quarantäne statt Test, weil es nicht genug Tests bzw. Laborkapazitäten gibt – sind das nicht eher Entscheidungen, die Volkes Frust und Zorn erst richtig provozieren?

Das Virus hat sich in Südeuropa schneller als erwartet wieder ausgebreitet. Und das zu einer Zeit, in der viele Deutsche dort Urlaub gemacht haben. Darauf haben wir reagiert, indem wir unsere Testkapazitäten auf die Reiserückkehrer konzentriert haben. Jetzt geht die Rückreisewelle zu Ende. Darum richten wir den Blick wieder stärker auf Patienten mit Symptomen und auf Krankenhäuser und Pflegeheime. Die Pandemie verläuft dynamisch. Also müssen wir genauso dynamisch reagieren und uns der Lage anpassen.

Sie haben vor ein paar Tagen in Dortmund gesagt, einen Lockdown wie im März gäbe es wohl nicht mehr, man müsse eher sehen, wie man mit dem Virus leben könne. Welche Erkenntnisse verbergen sich dahinter? Warum war es im März richtig, einen Friseursalon zu schließen und heute könnte man ihn geöffnet halten?

Die Entscheidungen, die wir damals getroffen haben, waren hart – aber richtig. Wir konnten im März nicht wissen, unter welchen Umständen sich das Virus besonders gut verbreitet. Mit den Erkenntnissen, die wir heute haben, können wir gezielter vorgehen. Wichtig ist vor allem, dass sich alle an die drei einfachen Regeln halten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske.

Während noch der Corona-Wirkstoff final gesucht wird, machen sie eine zweite Impf-Front auf. Die der Grippeimpfung insbesondere auch für Kinder. Haben Sie nach der Masern-Hysterie Grund zur Hoffnung, dass die Eltern ihre Kinder freiwillig zur Grippe-Schutz-Impfung bringen?

Es ist ein Angebot, eine Einladung – übrigens nicht nur an Kinder und Eltern, sondern vor allem an diejenigen, für die die ständige Impfkommission die Grippeimpfung ausdrücklich empfiehlt. Das sind zum Beispiel ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen. Wir sollten vermeiden, dass unser Gesundheitssystem in einer Pandemie zusätzlich durch viele Grippeerkrankungen belastet wird. Wir haben zusätzliche Impfdosen besorgt, damit sich impfen lassen kann, wer möchte.

Erst waren es die Masken und Kittel, jetzt sind es die Testkapazitäten, ist es bald der Grippe-Impfstoff? Man hat den Eindruck, oftmals scheitern wir aber auch gar nicht am Wollen sondern am Können. Kann man das für die Zukunft ausschließen?

Wir haben es mit einem Virus zu tun, das sich auf der ganzen Welt verbreitet. Darum brauchen gerade alle Staaten dieselben Dinge. Natürlich können dadurch Engpässe entstehen. Wir tun aber alles dafür, dass Deutschland weiterhin gut ausgestattet ist. Wir haben die Testkapazitäten deutlich ausgebaut, ausreichend Masken beschafft und zusätzlichen Grippeimpfstoff bestellt.

Immer wieder in die Schusslinie kommt die Arbeit der Gesundheitsämter. Die kontern mit Überlastung und Unterbesetzung. Warum ist die Arbeit da für junge Ärzte so unattraktiv?

Das ist unter anderem eine Frage der Bezahlung. Mein Ziel ist, dass wir gemeinsam mit den Kommunen und den Ländern zu einer besseren Bezahlung kommen. Ein Arzt sollte im öffentlichen Gesundheitsdienst genauso viel verdienen können wie in der Klinik.

Allerdings stelle ich mir – wie vielleicht auch die jungen Ärzte – auch die Frage: Wenn jetzt aufgestockt wird – was macht man mit den Leuten, wenn gerade mal keine Pandemie ansteht?

Das Gesundheitsamt hat viele Aufgaben, die in den letzten Jahren nicht immer die politische Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdienen: Impfungen, Reihenuntersuchungen, psychosoziale Angebote, Hygienekontrollen. Ich bin da unbesorgt. Die Gesundheitsämter haben auch außerhalb einer Pandemie genug zu tun.

Sie gelten so etwas als „Kanzler-Macher“. Wenn Sie weiterhin gut sind, könnte das auch das Duo-Laschet-Spahn in NRW stabilisieren und Sie beide in die Wunsch-Posten heben. Spahn gut alles gut? Kann man das so sehen?

(lacht) Diese Verkürzung kannte ich so noch nicht. Im Ernst: Das Vertrauen der Menschen in den Staat, den Bundestag, die Regierung ist in dieser Krise wieder gewachsen. Das ist ein gutes Zeichen.

Hätten Sie denn nach solch einer Pandemie überhaupt noch Spaß an einem Wahlkampf um höchste Ämter?

Mein Ziel ist, dass die CDU nach der Bundestagswahl die Regierungsgeschäfte führt und die Zwanzigerjahre prägt. Es ist gut für unser Land, wenn wir regieren.

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