Interview

„Jetzt gilt es, die Weichen zu stellen“

Gerd Heutelbeck

Gerd Heutelbeck

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Iserlohn.  Als die „Energie“ verteilt wurde, hat dieser Mann mindestens zweimal „Hier!“ gerufen. Ein Rentner-Gespräch mit Gerd Heutelbeck.

Wir kennen uns aus der Schulzeit und es ist wahrlich nicht mein erstes Gespräch mit dem Durch-und–durch-Geschäftsmann Gerd Heutelbeck, aber wohl das erste mit dem frischgebackenen Rentner Gerd Heutelbeck. Er sei gestern in der Angelegenheit beim Anwalt gewesen, wird er gleich sagen. Genau so wie er mit einer zufriedenen Mischung aus Staunen und Stolz erzählen wird, dass er in fünfmal Großvater in drei Jahren geworden sei. Wir kommen an diesem Nachmittag vom Hölzken aufs Stöcksken. Es wird eine abgeklärte Gedanken-Reise durch die Lokalpolitik, durch die Iserlohner City-Zukunft. Apropos Reise: Ein Weltreise-Fan wäre er nun gar nicht, sagt er. Irgendwo hinzufliegen, irgendwas anzugucken und weiterzufliegen, sei nicht sein Ding, ihm reiche das „Häusken“ am Gardasee, das die Familie schon ewig habe. Wir reden über die Firmengründung 1872 durch einen Herrn Basse-Uerpmann, seinem Ur-Großvater, der mit seinen Söhnen an TBC, einer Pandemie, gestorben sei. „Und nun haben wir Corona.“ Alles käme wohl tatsächlich wieder. Wir reden auch von der Zeit, als Gerd Heutelbeck sich für eine Glas-Überdachung der „Wermingser“ stark gemacht hatte und als „Fantast“ verlacht wurde. Und über den von ihm eingefädelten damaligen Deal mit dem Kino-Neubau neben dem Wichelhovenhaus. Und von seiner Zeit als Inhaber der Iserlohner Brauerei. Ganz schön viel Stoff für ein Menschenleben (bis heute), viel zu viel für eine Zeitungsseite. Darum eine Auswahl.

Du bist jetzt tatsächlich Rentner?

Das ist wohl richtig. Ich bin jetzt BfA-Rentner wie viele andere auch. Habe beim Notar den Geschäftsführungsposten abgegeben. Das Unternehmen ist ja bei meinem Sohn bzw. bei Herrn Ilske in guten Händen. Mein Schlaganfall vor einem Jahr war ja so etwas wie ein unfreiwilliger Testlauf und alles hat prima geklappt.

Nach wieviel aktiven Berufsjahren ist das nun geschehen?

Oje, ich bin mit 18 Jahren nach dem Abitur nicht zur Bundeswehr gegangen. Das brauchte ich damals nicht und habe sofort bei „Karstadt“ in Düsseldorf angefangen. Das war eine Praktikums-Ausbildung für Abiturienten, also sagen wir mal, eine gehobene, verkürzte Lehre, die Richtung „Abteilungsleiter“ endete. Also war ich acht Jahre bei „Karstadt“ und noch zwei Jahre bei „Kaufhof“. Da berühren mich die Entwicklungen der letzten Wochen schon auch sehr emotional.

Damals war es wohl etwas Besonderes, bei „Karstadt“ zu sein, oder?

Auf jeden Fall. Das war der größte Warenhauskonzern in Europa, hatte eine unfassbare Kraft. Eine Ausstrahlung nach innen und nach außen. Wer Karriere machen wollte, musste in der Innenorganisation top sein. Die lebten damals so in sich, dass sie die Veränderungen in der Welt gar nicht mehr mitbekamen. Ich weiß noch, wie sie damals von den Banken gedrängt wurden, „Neckermann“ zu übernehmen. Das war schon mal Tinnef, hat nicht hingehauen. Damals kamen die ersten „grünen Wiesen“ auf. Karstadt hatte auch noch „Hertie“ übernommen, die auch schwächelten. „Neckermann“ hatten sie gerade noch verdaut und „Kaufhof“ übernahm „Horten“. Da merkten die ersten schon, dass diese Zentralisierungen einfach nicht mehr funktionierten. Da bekam ich auch einen Ruf, ob ich nicht wieder einsteigen wollte. Aber da hatte mein Vater mich schon in die eigene Firma geholt.

War das Einzelhändler-Gen bereits in der Erbmasse vorhanden oder wurde Dir das von der Familie antrainiert?

Natürlich ist das da, aber man trainiert es sich auch an. Wenn man bei uns am Frühstückstisch gesessen hat, waren natürlich „B&U“ und „Einzelhandel“ omnipräsent. Das hat man mit der Muttermilch aufgesogen. Nun waren wir ja drei Geschwister und nur einer konnte die Nachfolge des Vaters antreten. Und so wie das früher eben ging, hat der Vater dann die Nachfolge bestimmt. Wir hatten alle drei die gleiche Ausbildung.

Hat es mal eine Zeit gegeben, in der Du diese Entwicklung wirklich auch mal bedauerst hast?

Also daran kann ich mich nicht erinnern. Zumindest nicht so bedauert, dass ich etwas geändert hätte. Ich habe so mit 14 oder 15 ungezwungen (!) die „Buddenbrooks“ gelesen, also die Geschichte über den Fall einer sehr alten, honorigen Familie und habe dann zu mir gesagt: So willst Du nicht enden! Da musst du schon mal neue Wege aufzeigen. Es geht nicht um Frage, was früher war, sondern darum, wo wir in fünf oder zehn Jahren sein wollen. Und das haben wir eben dann sehr erfolgreich durchgezogen und – von Iserlohn ziemlich unbemerkt – ganz neue Geschäftsfelder belegt. Da sind wir dann eben ziemlich groß geworden. Wir sind, was ja kaum einer weiß, im Einzelhandel inzwischen in 50 Städten aktiv.

Seid Ihr denn noch in der Expansion oder doch eher in einer Konsolidierungsphase?

Wir sind in der Expansion, hängen immer neue Läden, die ja natürlich ihre eigene Identität behalten, an unser System an.

Die Quartiersentwicklung, zum Beispiel in der Iserlohner Wasserstraße, ist also so ein eigenes Firmen-Gebiet?

Natürlich, das ist abgekoppelt vom Modehaus. Da sind wir auch stolz. Es ist uns gelungen, den eigentlich zurückgehenden Einzelhandel zu stabilisieren und das Thema „Stadt-Quartier“ auch stabil in die Welt zu bringen. Stichwort Wasserstraße: Wir haben das Konzept auch auf Frauen als Betreiber ausgerichtet. Das ist eine ganz sympathische Mischung mit den kleinen Geschenkartikelläden, Friseur, Mode, Szene-Gastronomie. Das gefällt mir.

Ist dieser Mix eher Zufall oder Strategie?

Da ist eine Strategie dahinter, die aber eben auch eine eigene Dynamik und einen eigenen Charme bekommen hat. Wenn ich da so durchgehe und bis ich alle Läden mal besucht habe, erstaunt mich das manchmal selbst. Allerdings würde ich dieses Projekt auch für abgeschlossen halten. Das ist jetzt das tragende Quartier und es funktioniert.

Würde so ein Modell überall und mit jedem funktionieren oder funktioniert es nur, weil Ihr, die Heutelbecks, dahinter steht?

Das eine Element ohne das andere würde wahrscheinlich nicht funktionieren. Das haben wir schon sehr genau ausgesucht. Und wir geben auch gern Tipps und Hilfestellung für ein Funktionieren des Betriebes. Von richtigen Problemen hat man bei unseren Leuten noch nichts gehört. Wir passen schon mit auf.

Auch weil es städtebaulich interessant ist?

Genau. Schau Dir mal die großen Warenhäuser an. Die haben einen Eingang und rechts und links bis hintenhin Glasfassade. Tot! Das kann in Großstädten als Teil einer funktionierenden Innenstadt klappen, aber nicht anstatt einer Innenstadt. Gut, dass das damals nicht mit dem Investor geklappt hat, der von Opel Nolte abwärts über den Schillerplatz alles bebauen wollte. Das hätte uns unendlich abhängig gemacht.

Und jetzt? Die neue Situation? Chance oder Fluch?

Ich sehe das zu 90 Prozent als Chance, jetzt wieder etwas zu schaffen, wo Menschen wohnen, wo Leben ist, wo Infrastruktur zu schaffen ist. Ich schaue jetzt schon gespannt auf die Pütterstraße und das neue Gebiet nach Hänsel-Textil. Da wird auch, wenn alles klappt, wieder ein funktionierender Stadtteil entstehen.

Du sagst, wir müssen die Menschen zum Leben wieder in die Innenstädte bringen?

Zunächst einmal gibt es ja zwei Dinge, die immer dagegengehalten haben. Das sind zum einen die großen Kaufhaus-Gebäude, zu denen wir ja eigentlich auch gehören und es sind die ganzen, in Zukunft nur bedingt gebrauchten Bankgebäude. Deutsche Bank? Samstags? Tot! Commerzbank? Samstags? Tot! Sparkasse? Ein Riesending. Schön! Aber Leben? Nachts und abends? Null! Ich hoffe, dass Iserlohn jetzt die Chance ergreift. Das Karstadt-Gebäude gekauft zu haben, ist das eine, es jetzt besser zu machen, ist das andere. Da können wir noch ein paar Gutachten haben oder in Auftrag geben, aber wir müssen auch Kompetenz haben.

Du hast in einem Interview mit uns 2014 gesagt: „Ich glaube an diese Stadt und ich glaube auch, dass unsere Innenstadt trotz aller Schwierigkeiten, mit denen der Handel in Kommunen unserer Größenordnung kämpfen muss, eine erfolgreiche Zukunft vor sich hat, wenn wir in der Gegenwart die richtigen Weichen stellen.“ Stimmt das noch so?

Natürlich. Jetzt gilt es, Weichen zu stellen für eine Innenstadt mit sozialem Leben. Der Business-Raum funktioniert nicht mehr.

Machen wir es uns nicht zu leicht, wenn wir irgendwo im Land Büros beauftragen, uns Vorschläge zu machen? Sofort mit und ohne Karstadt und dann sagen: „Okay, davon gefällt uns dieser Plan an besten, das nehmen wir.“

Natürlich! Das mit Karstadt, dem jetzt hässlichen Entlein oben auf der Akropolis neben dem strahlenden Sparkassen-Gebäude, war ja absehbarer. Das mit der Parkhalle doch auch. Und das mit vom Einsturz bedrohten Rathaus doch auch. Da hätte man sich auch für Iserlohn einen Macher wie vormals Esken in Hemer gewünscht. Wer führt denn im Moment in Iserlohn überhaupt? Wir brauchen doch eine Lösung, bei der der Bürgerwille mit politisch und wirtschaftlich Machbarem verknüpft wird.

Wechseln wir mal das Thema, mehr so Richtung Rente: Wann hast Du eigentlich den Hang zur Natur in Dir entdeckt? Ist der Vater auch schon mit der Flinte losgezogen?

Schon immer. Und alle anderen auch. Vater, Großvater, Schwiegervater. Wir waren ja drei Jungs, aber ich war dann offensichtlich der einzige, der diese Jagd-Passion in sich verspürte.

Isst Du die Tiere, die Du erlegst, komplett auf?

Nicht alles. Wir haben einfach so große Jagdreviere, das ist nicht zu schaffen. Wir machen aber auch Fleisch in Dosen oder Würstchen und sonstiges davon.

Eine Fischfarm habt Ihr ja auch?

Ja, wir machen in der Lausitz einige tausend Kilo Fisch im Jahr. Das ist Binnenfischerei, und wir versuchen, sie im Moment als nachhaltig zu positionieren, wollen im Sinne des Verbrauchers eine nachhaltige Fischzucht etablieren.

Wie groß muss ich mir das vorstellen?

Ziemlich groß. Vielleicht zehn oder fünfzehnmal so groß wie der Seilersee . . .

Haben die den Wessi Heutelbeck begeistert begrüßt?

Geht so. Da gibt es einen eigenen Volksstamm, die Sorben. Da muss man erst mal reinkommen. Ich durfte aber inzwischen sogar mal an einer Hochzeit teilnehmen, das war der Ritterschlag damals.

Ich habe Dich in all denen zurückliegenden Jahren als einen sehr emotionalen Menschen erlebt, der überaus fröhlich sein kann, aber sich in Sitzungen auch schon mal mächtig aufregt. War diese Emotionalität im Geschäftsleben eher hinderlich, weil die Leute doch er den knochentrockenen Businessman erwarten? Oder hat sie den Erfolg erst ausgemacht?

Was ist Erfolg? Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man ohne Emotionen erfolgreicher Unternehmer sein kann.

Bist Du ein Bauch-Entscheider?

Überhaupt nicht. Wenn wir Entscheidungen treffen, wird das so feinsinnig wie möglich ausgearbeitet. Wir machen überhaupt nichts aus dem Bauch. Ich habe ja so eine Art Management-Cockpit, von dem aus jeden Tag alle Kennzahlen geprüft werden.

Würdest Du Dich denn als Perfektionisten bezeichnen?

Perfektionist hat für mich was Negatives. Ich bin schon sehr genau, informiere mich über Vorgehensweise und Möglichkeiten.

Ärgert Dich das, wenn Dir auf der „Wermingser“ eine Frau entgegenkommt, die eine Jacke anhat, von der Du weißt, dass sie die nicht bei B&U gekauft hat?

Das ärgert mich nicht. Überhaupt nicht. Auch andere machen einen guten Job, Es gibt auch welche, die vielleicht sogar einen besseren Job machen als wir. Aber, dass es uns so lange gibt, hat bestimmt auch seine Gründe.

Als Du vor etwa einem Jahr morgens im Bett lagst und merktest, dass Deine eine Körperhälfte Dir wg. Schlaganfall nicht mehr gehorchte – was dachtest Du? War’s das jetzt?

Da liegst du also morgens um fünf Uhr im Bett, willst zur Jagd gehen und kommst aus dem Bett nicht raus. Ich habe meine Frau geweckt, die hat sofort reagiert, den Krankenwagen gerufen. Und wo bin ich hingekommen? Nach Hemer! Ich dachte, es geht nach Bochum oder Dortmund, aber es ging nach Hemer. Da wurde ich freundlich aufgenommen. Und dann liegst Du erst einmal da. Erst will man das nicht wahrhaben, aber dann merkst Du, dass es so ist.

Die wichtigste Erkenntnis danach?

Dass es in der Firma auch ohne dich läuft.

Und die wichtigsten Fragen, die Du Dir gestellt hast?

Kannst Du überhaupt noch Tennis spielen? Kommst Du noch den Hochsitz hoch? Kurioserweise habe ich mich ja in der Tat schnell wieder erholt, spiele auch wieder Tennis und gehe zur Jagd.

Kann man eine positive Lebenseinstellungen lernen oder sich antrainieren?

Weiß ich nicht, vielleicht kann man sie trainieren. Heute steht bei Euch vorne in der Zeitung ein schönes Zitat: „Ein verlorener Tag ist, wenn man nicht lacht.“ Also immer positiv denken. Und ich bin wieder bei Karstadt: Die Frage muss jetzt einfach lauten: Wie kann man es jetzt besser machen!

Hat Dich die Welle der Empörung überrascht, als Ihr Euren Erfrischungsraum bei B&U geschlossen habt?

Das ploppt immer wieder auf. Vor ein paar Tagen hat Gustav Dieter Edelhoff zu mir gesagt, er wäre lange nicht bei uns im Erfrischungsraum gewesen und ich habe gesagt: Der ist auch seit dreißig Jahren zu! Aber vielleicht kommt so etwas neu bei einer neuen Kundenorientierung wieder. Wir müssen aber grundsätzlich dennoch auch aufpassen, dass wir nicht zu sehr in der Vergangenheit leben, nicht zu sehr alte Herrlichkeiten betrauern.

Gibt es Menschen, auf deren Rat Du gehört hast?

Viele! Ich habe Menschen oft sehr aktiv befragt und habe Ratschläge auch immer sehr ernst genommen.

So, und wie geht es jetzt für Dich weiter?

Gute Frage, also erst mal sitzt Du ja da so, als wenn Du einen Gang rausnimmst und doch Gas gibst. Aber es wird schon . . .

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben