Interview

Jochen Busse: „Ich habe mich nie im Leben einsam gefühlt“

| Lesedauer: 14 Minuten
Das Archivbild stammt aus dem Jahr 2016 und entstand bei einem Auftritt in Iserlohn: Schauspieler Jochen Busse (80) ist zuversichtlich, dass die Pandemie eines Tages vorüber sein wird.

Das Archivbild stammt aus dem Jahr 2016 und entstand bei einem Auftritt in Iserlohn: Schauspieler Jochen Busse (80) ist zuversichtlich, dass die Pandemie eines Tages vorüber sein wird.

Foto: Oliver Bergmann / IKZ

Iserlohn/Düsseldorf.  Wenn einem die Corona-Decke auf den Kopf zu fallen scheint, ist ein kleines Gespräch mit Jochen Busse das reinste Seelen-Doping.

Eigentlich war dieser freundschaftliche Gedankenaustausch über Gott, Corona und die Welt mit dem Schauspieler, Alt-Iserlohner und Neu-Düsseldorfer Jochen Busse als hoch innovatives Video-Gespräch geplant. Aber bei allen guten Vorsätzen von und zwei Digital-Technik-Traditionalisten war das kein guter Plan. Der „Gochen“ kommt nicht rein ins Zoom-Netz! Der Rechner zeige ihm immer nur einen Feiertags-Kalender an. Was ihn aber auch nicht sonderlich wundert. Er kenne das schon, sagt er mit diesem Ton zwischen weinerlich und unaufgeregter Erregung. Er gebe bei der Bank immer seine richtige Geheimzahl ein und der Geldautomat sage regelmäßig, dass sie falsch sei. Also nehmen wir das Telefon. Wie schon seit Jahrzehnten. Und es klappt.

Lieber Jochen, Du bist in einigen Dingen ja etwas pingelig: Darf man 69 Tage nach dem 80. Geburtstag noch zu selbigem gratulieren?

Ja. Das kann man das ganze Jahr über machen. Dieses „80 werden“ ist eine besondere Bedeutung in jeglichem Leben – und in meinem ganz besonders. Täglich sage ich zu mir: „Alles klar, Du bist 80!“

Und natürlich erst einmal die wichtigste Frage hintendran: Ich hoffe mal, Du bist viren- und auch sonst beschwerdefrei?

Bisher sieht es so aus und kommenden Sonntag ist mein erster Impf-Tag.

Und was bekommst Du?

Das haben sie geschrieben: Ich bekomme Biontech. Also dieses Zeug aus Mainz, das uns lehrt, wie schön es ist, dass wir Leute haben mit Migrationshintergrund.

Nach Deinen Fernseh-Erfolgen nicht zuletzt bei RTL und einem Bühnen-Hit nach dem anderen bist Du ja wahrscheinlich trotz Deiner vier Scheidungen unter den Ärmsten weg. Was hat diese Corona-Pandemie aber seelisch mit Dir gemacht?

Ich bin allmorgendlich sehr fröhlich. Ich wache fröhlich auf, weil es mir sehr gut geht. Ich bin stressfrei. Und ich habe auch mit 80 Jahren festgestellt, dass der Stress der Krankmacher ist. Es ist nicht die Angst, nicht das Virus und auch keine Bazille. Was einen wirklich krank macht und wodurch die Schmerzen entstehen, das ist der Stress. Natürlich habe ich auch plötzlich mal ein Zipperlein und denke: Oh, der Rücken! Aber das ist ja dann schnell vorbei. Ich mache brav mein Yoga. Und manchmal auch noch Hula-Hoop. Das kann ich mir alles zeitlich leisten, weil kein Mensch sagt, dass ich um elf Uhr auf der Probe sein muss.

Viele Leute klagen über gesellschaftliche Isolierung. Im Beruf fehlen Dir wahrscheinlich der Applaus und das Publikum. Aber auch sonst – fühlt sich Jochen Busse im Privaten manchmal einsam?

Ich habe mich noch nie in meinem Leben einsam gefühlt. Das liegt einfach daran, dass ich ein Internatskind bin und ich musste sehr früh mit mir selbst zufrieden sein. Das erinnert mich sehr an meine Garenfelder Internatszeit. Da musste ich mir auch alles, was mir gefiel, selbst irgendwo herholen. Meistens über den Kopf. Und es gibt ja auch gute Literatur und es gibt – man sollte es nicht glauben – auch bei ARD und ZDF manchmal ansprechende Fernsehdinge. So dass der Abend meistens auch gerettet ist. Ich kann ein gutes Leben haben, ohne dass ich das Gefühl habe, dass ich mein Leben dem lieben Gott opfere.

Empfindet aber nicht ein 80-Jähriger bei aller Munterkeit so einen Lockdown auch mal als Erholung, also als „den Fuß vom Gas“?

Dazu habe ich mich ja gezwungen. Das ist natürlich auch was durchaus Positives. Man treibt sich nicht selbst. Man lässt sich treiben. Ich bin manchmal richtig überrascht, dass es plötzlich 22.45 Uhr und der Tag schon wieder rum ist. Außerdem bin ich sehr zuversichtlich, dass alles irgendwann wieder vorbei sein wird. An den warmen Tagen, die ja noch gar nicht so lange her sind, bin ich dann auch in den herrlichen Hofgarten gegangen. Herrlich!

Du bist ja ein großer Yogi. Heißt das überhaupt so? Oder sage ich besser Yoga-Verehrer? Kann Yoga helfen, mit Corona umzugehen?

Erst einmal hast du 45 Minuten mit Dir zu tun und merkst, dass es Dir gut tut. Ich bin aber auch von Natur aus nicht ängstlich. Ich glaube, dass diese Angst, sich anzustecken, und diese Befürchtungen, die man um sich selbst hat, dass die eher krank machen. Bei Yoga-Übungen auch mit 80 sieht man die Erfolge. Zum Beispiel bei der „Kerze“. Oder beim Kopfstand. Den mache ich auch noch. Um zu sehen, ob ich ihn noch kann. Nicht nur Menuhin hat ihn gemacht, ich auch. Und dann denke ich: Toll, das kannst Du auch noch mit 80!

Eigentlich wären das ja jetzt geradezu paradiesische Zeiten für einen echten Kabarettisten, der ja ohnehin in Dir wohnt. Sehnst Du Dir genau jetzt die Wiedergeburt der „Lach- und Schießgesellschaft“ zurück?

Nein! Und ich sage Dir auch, warum. Es wird sie keiner sehen wollen. Wir haben vor kurzem mit meinem Autor Dr. Dietmar Jacobs gesprochen, ob das Kabarett tot ist. Was ja übrigens schon mehrfach totgesagt wurde. Und wir haben gesagt: Ja, es ist vorbei. Und zwar, weil die Form des Kabaretts, die früher so ungewöhnlich war, als zwei Leute in Straßenanzügen sich die Wahrheiten an den Kopf warfen, heute gar nicht mehr funktionieren würde. Es ist in einer Zeit, in der man nicht die Dinge beim Namen nennen darf und wo man immer auch ein *innen dazusetzen muss, wahnsinnig schwer, ironisch zu sein. Du darfst ja noch nicht mal das N-Wort aussprechen. Du kannst gar nicht auf etwas hinweisen. Ich weiß gar nicht, was die Leute künftig in „Carmen“ singen wollen, wenn es um die Liebe der Sinti geht. Du bist so beschränkt in Deiner Satire. Man muss ständig überlegen: Geht das überhaupt? Ist das politisch korrekt?

Du bist Schauspieler, beobachtest die Menschen. Wenn man sich immer in fremde Leben und Charaktere reindenken muss, macht einen das klüger über sich selbst?

Das macht dich insofern klüger, als dass du merkst, dass du das, was du da spielst, aus dir selber nehmen musst. Ich habe ja gar nicht die Erfahrung, wie jemand, der – sagen wir mal – ein zirkulares Irrsein hat, wie dem zumute ist. Oder einem, dem kleptomanisch zumute ist. Das musst du ja alles aus dir selbst holen und dich hineinversetzen.

Gibt es Momente im Leben eines Komödianten, wo man über sich selbst staunt. Ich denke an den Auftritt als gockelnder Hahn im gelben Hühner-Kostüm und mit roter Strumpfhose. Fragt man sich dann nicht: Jochen, was machst Du hier eigentlich gerade?

Na ja, ich wusste ja, dass ich nicht so bleibe. Das Theater ist ja auch von hoher Ökonomie. Du weißt genau, dass dieser Auftritt die Menschen verwirrt. Was macht der denn da? Ist das denn nötig? Und dann ist da dieser Druck, weil dieser Mensch in dieses Kostüm rein muss, weil er für etwas Reklame macht. Der ist runtergekommen, weil er sich als Hahn verkaufen muss. Das ist natürlich beim „Blauen Engel“ von Heinrich Mann entlehnt. Das Wesen jeder Komik ist der Druck, das Schicksalhafte, dem nicht ausweichen zu können, das Sich-selbst-Bloßstellen.

Du bist immer so wunderbar chic gekleidet. Und das war, glaubt man Deiner Lebenschronik, auch schon in jüngsten Jahren so, wo andere das noch als Höchststrafe empfunden hätten. Was muss ein guter Anzug haben, damit er Dir ins Auge fällt?

Eine gute Frage, die ich mir manchmal selbst stelle. Wenn ich diesen Anzug sehe, muss ich sagen: Der ist in sich aber chic. Die Farbe muss mir gefallen oder darf auf gar keinen Fall beige oder grün sein. Wenn er kariert ist, sollte er dezent kariert sein. Und vor allen Dingen muss er blau oder grau sein. Zweireihig oder einreihig ist egal. Ich muss mir vorstellen können, wie ich in dem Anzug aussehe. Ich gehe am Laden vorbei und denke, der ist was für mich. Oder der ist nix für mich. Am besten ist, wenn ich denke: Der ist wie für mich gemacht.

Hast Du denn niemals Stilsünden begangen?

Müsste ich jetzt lange nachdenken. Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann waren es bewusste Brüche. Also Jeans zum handgefertigten Jackett. Aber ich merke auch sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Gibt es etwas, was Du gern an Deinem Aussehen ändern würdest?

Jo, ich wäre schon ganz gerne ein durchtrainierter Mann geworden. Also eher ein athletischerer Typ als eben eher dieser schmale Leptosom, der ich ja nun bin.

Bist Du mit 80 noch empfänglich für Komplimente?

Wer nicht? Wenn ich merke, da gibt sich einer Mühe, etwas in seinen Augen Wahres zu mir zu sagen, was positiv ist – warum sollte ich mich darüber nicht freuen?

Was ist für einen Mann wichtiger? Dass er selbst einen Autoreifen wechseln oder selbst einen Knopf an die Hose nähen kann?

So ein Knopf ist schon wichtig. Es ist peinlich, wenn die Hose rutscht. Aber es ist ja alles mit Logik zu machen. Man kann nicht unbedingt eine Mail empfangen und sie dann mit Logik umbauen in ein Zoom-Interview. Aber man kann sehen, dass so ein Knopf vier Löcher hat und dass man mit Garn durch diese Löcher muss, um diesen Knopf zu befestigen. Auch den Stiel bekommt man am Ende hin. Und das ist auch mit einem Reifen möglich. Man weiß, dass man einen Wagenheber braucht. Und dann kommt es wieder auf die physische Kraft an. Und das ist dann der Moment, wo ich neidisch werde. Weil, ich habe physisch nicht sonderlich viel Kraft.

Du kochst in Pandemie-Zeiten viel selbst, räumst aber im Höllentempo auch wieder die Küche auf. Begründung: „Weil ich’s ja schön haben will in meinem überperfektionierten Ästhetizismus.“

So ist es, dem habe nichts hinzufügen.

Das kann aber auch wirklich einsam machen, oder?

Ja, das ist vollkommen richtig. Es gibt ein paar Dinge, die einsam machen. Da ist zum einen die Disziplin. Wenn man immer mit jemandem zusammen bist, der auf so etwas sehr achtet, dann fühlst du dich gefordert, das auch zu tun. Wenn du das jedoch willst, fühlst du dich gedrängt von dem anderen. Oder auch separiert. Hier in meiner Bleibe, die ich jetzt hier in Düsseldorf habe mit ihren 55 Quadratmetern, muss ich alles jetzt immer so in Ordnung haben, dass ich aus jeder Ecke in die andere gucken und sage kann: Och, da hasses aber wieder hübsch! Und das ist nur allein zu schaffen. Jemand anders hat ja auch seine Brocken und die lässt er dann irgendwo rumliegen. Also müsste ich die auch wegräumen und das ist dann etwas, was eine Zweisamkeit eigentlich unmöglich macht. Ich habe beschlossen mit 80: jetzt bleibe ich allein.

Du beschreibst Deine neue Wohnung in einem Artikel der Düsseldorfer Kollegen als „Viel nüchternes Weiß und dazwischen meine vertrauten englischen Mahagonimöbel. Das harmoniert vorzüglich.“ Ist eigentlich der ganze Jochen Busse ein lebender Yin und Yang?

Ja, das ist er. Ich bin immer noch überrascht, wie ich bin. Ich komme auch mit meiner Kleinbürgerlichkeit, ich will gar nicht Spießigkeit sagen, die ich irgendwo habe und wahrscheinlich auch aus Iserlohn mitgebracht habe, wunderbar zurecht. Ich denke mir dann: Siehste, auch Kleinbürger können finanziell unabhängig sein.

Schauspieler möchten ja am liebsten auf der Bühne sterben, hört man immer wieder. Also musst Du doch wahrscheinlich unter Corona-Bedingungen noch ziemlich lange flott weiterleben. Es tut sich ja nichts hinterm Vorhang. Jetzt nicht unbedingt zum glücklichen Sterben, aber siehst Du Licht am Bühnen-Horizont?

Ja, ja. Ich bin ganz sicher. Wenn dieser Brücken-Lockdown, wie es mein Ministerpräsident kürzlich vielleicht nicht ganz geschickt formuliert hat, kommt, kann das klappen. Ich glaube sogar, dass wir den Virus ausgetrickst hätten, wenn wir ihm keine Chance gegeben hätten. Alle Probleme gehen darauf zurück, dass man nicht genügend diszipliniert war. Aber ich glaube an den der Erfolg der Impfung. Ich glaube, dass wir im Mai Lockerungen haben werden für alles, was draußen spielt. Und ab September, wenn wir wirklich die Herdenimmunität erreicht haben sollten, werden wir wieder ein relativ normales Theaterleben haben.

Pass auf Dich auf!

Du auch! Grüß mir die Iserlohner!

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