Interview

Hirnforscher Heier: „Lassen Sie Momente der Langeweile zu“

Lesedauer: 15 Minuten
Gespräche mit Dr. Magnus Heier haben einen wundersamen Effekt. Man hat tatsächlich das Gefühl, Dinge rund um unser Gehirn etwas besser verstanden zu haben, obwohl das eigentlich gar nicht geht.

Gespräche mit Dr. Magnus Heier haben einen wundersamen Effekt. Man hat tatsächlich das Gefühl, Dinge rund um unser Gehirn etwas besser verstanden zu haben, obwohl das eigentlich gar nicht geht.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Castrop-Rauxel.  Wut und Angst sind in unserem Gehirn Nachbarn. Wenn dann noch Unverstehbares dazukommt, geht’s rund, sagt Dr. Magnus Heier.

Dr. Magnus Heier (57) ist Neurologe und verfügt neben seinen zu vermutenden ganz erheblichen diagnostischen Fähigkeiten auch über das seltene Können, Dinge zu erklären, von denen man noch gar nicht so ganz viel weiß. Zum Beispiel im Falle unseres Gehirns. Es sieht ja ein bisschen so aus wie ein Badeschwamm, bei einigen funktioniert es auch so, aber es steckt eben in der Realität noch viel mehr drin und dahinter. Und gerade in diesen Zeiten wird der Mensch mit seinem Gehirn einem ganz besonderen Stresstest unterzogen. Warum und was das mit uns macht, frage ich ihn mit großer Neugier und nicht minder großem Staunen.

Herr Dr. Heier, ein bisschen ist es wie bei Corona. Dieses, unser Gehirn hat ja immer noch oder wahrscheinlich auch noch auf ewig so was leicht Mystisches. Wahrscheinlich, weil wir nur in Ansätzen verstehen werden, was da drin eigentlich abläuft. Und doch weiß man, dass zum Beispiel Einsamkeit oder soziale Isolation – wie zum Beispiel beim Lockdown – deftige Auswirkungen auf das Gehirn haben? Warum ist das so?

Dr. Magnus Heier Wir können die meisten Sachen nicht aus der Anatomie heraus beantworten, aber wir wissen natürlich, dass der Mensch ein kommunikatives Wesen ist und wissen auch, dass in der Kommunikation die allerallermeisten Bereiche des Gehirns aktiv sind. Unser Gehirn ist wirklich für die Kommunikation gebaut. Der Zustand, dass wir jetzt nicht mit einander reden und isoliert leben, ist ein ganz und gar unnatürlicher. Natürlich gibt es Einsamkeit seitdem es Menschen gibt, aber so weit verbreitet wie jetzt ist sie sonst nicht und dieser Zustand macht uns messbar, spürbar, nachweisbar wirklich krank.

Man hat bei Probanden in der Isolation Vergrößerungen der Amygdala festgestellt, also in dem Bereich, der für Angst und Gefühle zuständig ist. Kriegt der Mensch so etwas selbst mit?

Natürlich bekommen wir das mit. Also, wir bekommen nicht mit, dass in der Amygdala was passiert, aber wir kriegen mit, was die Amygdala mit uns macht. Sie ist Teil des limbischen Systems und das ist etwas, was wir gar nicht so genau kennen, denn wir wissen nicht genau, welche Teile des Gehirns wir dazuzählen. Das limbische System ist quasi unser Emotionsapparat. Es steuert Ängste und Begehren, also alles, was quasi emotional abläuft. Und dem steht wie auf einer Waage, die austariert sein muss, ein anderer Teil gegenüber. Das ist der präfrontale Cortex oder auch unser „Stirnhirn“. Und dieses Gleichgewicht gerät im Augenblick aus eben diesem Gleichgewicht, weil einfach die emotionalen Belastungen sehr groß sind. Damit ist nicht nur die Einsamkeit gemeint, sondern auch einfach die Angst vor einem Virus oder die Angst vor Verlusten durch das Virus. Diese Dinge wirken sich aus.

Was ist denn zuerst da? Wächst der Bereich, weil wir Angst haben, oder haben wir Angst, weil der Bereich wächst?

Das bedingt sich wechselseitig. Genau so, wie wir Schmerzen erlernen, erlernen wir auch Ängste. Dadurch, dass wir sie sehr häufig durchleben. Ob die Amygdala dadurch wächst, wage ich zu bezweifeln, aber die Spuren sind da und sie werden leichter aktiviert. Wir leben in einer Zeit, in der das alles nicht mehr in einem natürlichen Gleichgewicht ist.

Es gibt ja tatsächlich Menschen, die eigentlich mit sich selbst genug haben. Aber muss man nicht eigentlich sagen: Das Gehirn mag und braucht den Austausch mit anderen Menschen wie wir die Luft zum Atmen?

Ich darf einfach einsilbig sein? Ja!

Und Vereinsamung schadet dem Hirn massiv?

Das klingt jetzt so nah an der dritten Person. Das Gehirn – das sind wir selbst. Sie sind Ihr Gehirn, da gibt es ja keine Trennung. Und es gibt wenige Leute, die mit Einsamkeit extrem gut umgehen können. Warum auch immer. Aber die allermeisten vermissen derzeit Kontakte in jeder Form. „Kontakte“ ist eben mehr als nur zu sprechen, „Kontakte“ ist auch mehr, als das Gegenüber zu sehen. Das ist dann zwar mehr als die reine Stimme, aber „Kontakte“ ist auch Riechen, Berührung. Berührung ist überhaupt ein ganz wichtiger Punkt. Man kann jetzt sagen, dass Händeschütteln eh immer eklig und unhygienisch war, aber Händeschütteln ist eine Art von Kommunikation und wir kriegen viel mit über unser Gegenüber durch Händeschütteln.

Aber so ein Lockdown ist dann doch auch schon für’s Kinderhirn überaus schlecht, denn vielfältige Reize von außen sind für dessen Entwicklung doch unentbehrlich, oder?

Das glaube ich ausdrücklich auch. Man kann sich mal einige lustige Dinge vor Augen führen. Ich komme zwar erst einmal mit langweiligen Zahlen, aber es sagt etwas aus als Antwort auf Ihre Frage. Die Zahlen besagen, dass wir Menschen, die wir jetzt hier sitzen, wahnsinnige Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns haben. Man spricht davon, dass man mit den Verbindungen in unserem Kopf eine Schnur spannen könnte, die fünfzehn Mal zum Mond reicht. Das ist eine unfassbare Entfernung. Die Verbindungen sind natürlich das Korrelat unserer Erfahrungen, unseres Wissens, unserer Ängste und unseres Seins. Und das interessante ist: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat es ein Vielfaches von unseren Verbindungen. Noch viel, viel mehr als bei uns Erwachsenen. Und in den ersten Monaten und Jahren wird dieser Apparat unglaublich umgebaut. Was nicht gebraucht wird, wird abgebaut, was gebraucht wird, wird ausgebaut. Oder neu gemacht. Und wenn man nun bedenkt, dass das Hirn des Kindes so viele Umbauphasen hat, dann wird einem klar, wie problematisch es ist, wenn jetzt die natürlichen Umgangsformen, der Kontakt, das Spielen, das Toben und das Kabbeln fehlen. Wenn ich Kind, oder gerade auch Einzelkind bin, dann ist das ganz, ganz problematisch.

Stimmt es denn, dass das Gehirn selbst für Abwechslung sorgt, indem es sich im Lockdown plötzlich an schöne Dinge in der Vergangenheit erinnert?

Tut mir ja in der Seele weh, aber davon habe ich noch nicht gehört. Es täte mir aber gut, wenn es so wäre. Wenn unser Gehirn aktiv ist, dann wird es das ja durch akutes Futter, also durch Informationen, von außen, durch Kontakt mit anderen. Das ist der Königsweg. Aber wir sind eben auch sehr empathische Wesen. Wenn wir Dinge mitfühlen, mitsehen, mithören, dann ist das fast so ein empathisches Erleben als wenn wir es selber fühlen. Und wenn wir uns erinnern, dann ist das eben auch schon ein sehr gefühlsintensiver Vorgang in unserem Kopf und Gehirn. Nur ersetzt die Vergangenheit niemals die Gegenwart.

Und damit wird dann so etwas wie ein „Ruhe-Netzwerk“, das durch die Erinnerung auf Trab gebracht? Aber in diesem Ruhe-Netzwerk wird ja auch über die Zukunft nachgedacht. Wie passt das nun wieder zusammen?

Das passt hervorragend zusammen. Das Ruhe-Netzwerk – und wir nennen das natürlich eleganter, in dem wir von einem Default Mode Network sprechen – ist eigentlich irreführend, weil das Ruhe-Netzwerk aktiv wird, wenn wir nicht aktiv sind. Dann wird es sogar überaktiv. Das ist sozusagen ein Modus, den wir anschalten, wenn wir keinen Input von außen bekommen. Wenn wir gelangweilt auf einem Sofa sitzen und uns nur vornehmen das Kissen zu wärmen, auf dem wir sitzen. Das ist ein ausgesprochen kreativer Zustand, bei dem es höchst empfehlenswert ist, Langweile zuzulassen. Die ist in Wirklichkeit für unser Gehirn nämlich gar keine Langeweile, sondern für unser Gehirn die Chance, sich mal mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auseinanderzusetzen. Es ist jetzt mal keine Corona-Klage sondern eine Moderne-Welt-Klage, wenn man so will: Es ist eine hochproblematische Verhaltensweise, dass wir jede zeitliche Lücke, jeden Moment der Langeweile nutzen, unser Handy herauszunehmen, draufzugucken und irgendwelche Kurzmitteilungen zu lesen. Unser Gehirn liebt die Momente der äußeren Langeweile, weil es dann über alle Maßen aktiv und kreativ wird. Wenn Sie genial werden wollen, dann tun sie gut daran, genau diese Momente der Langeweile zuzulassen.

Wenn wir lange nichts Süßes gegessen haben, dann haben wir manchmal einen richtig unstillbaren Heißhunger auf Schokolade, geht dem Gehirn das in der Isolation auch so, ist es süchtig nach Action? Wollen deshalb alle über Ostern nach Malle?

Diese beiden Dinge sind jetzt nicht zu parallelisieren. Das eine ist eben das Ruhe-Netzwerk, dass aktiv wir, wenn wir vorübergehend mal nichts tun. Das kann man übrigens auch mit Yoga auslösen. Das andere, also das überbordende Bedürfnis, nach Mallorca zu fliegen, das ich jedem in meinem Bekanntenkreis übelnehme, der das jetzt anstrebt, weil ich das für ein ausgesprochen dummes und egoistisches Verhalten halte mit dem Risiko sich selbst anzustecken – und die Krankheit ist nicht so banal wie viele immer noch glauben – ist so zu erklären, dass unser Gehirn eben Input will. Etwas Neues, Abwechslung. Und unser Gehirn will Leute kennenlernen. Das ist im Moment natürlich sehr eingeschränkt. Ich habe Verständnis für jeden, der jetzt raus will. Ich habe nicht für jeden Verständnis, der es dann auch tut. Auch ich würde jetzt gerne Freunde in Indonesien besuchen, aber ich werde es nicht tun. Aber das Bedürfnis es zu tun, ist in der Tat sehr, sehr groß.

Man sagt ja, im Schlaf macht das Bewusstsein Besuch beim Unterbewusstsein. Kann man sich in Krisenzeiten Sorgen wegschlafen?

Sie können so viel schlafen, wie sie schlafen. In Krisenzeiten und außerhalb von Krisenzeiten. Sie können nicht viel mehr schlafen, als sie es normalerweise tun. Sie können sich also nicht in den Schlaf flüchten. Aber in Aktivitäten. Es gibt doch so viele Dinge, zu denen Sie normalerweise vernünftigerweise nicht kommen, weil sie einfach keine Zeit dazu haben. Nichts spricht dagegen, jetzt mal plötzlich mit einem dicken Buch anzufangen. Oder mit einem Hobby anzufangen. Nichts spricht dagegen, an dem Roman zu schreiben, den Sie sich schon ewig vorgenommen haben und bei dem Sie bisher immer einen Grund gefunden haben, damit nicht anzufangen. Man muss diese Lücken füllen, weil wir unter dieser Leere leiden. Das Gehirn baut durch Nicht-Benutzung einfach ab.

Sind Sorgen und Wut im Gehirn eigentlich Nachbarn?

Ja, sind sie. Sie kommen beide aus diesem limbischen System, diesem nebulösen Netzwerk. Wut entspringt zum Teil auch aus Sorge. Viele Menschen haben derzeit Ängste, berechtigte Ängste. Damit meine ich nicht verbeamteten Staatssekretäre in Berlin, sondern ich meine Leute, deren Existenz im Moment auf dem Spiel steht. Diese Angst münzt sich leicht in Wut um und ist schwer zu kontrollieren durch dieses „Stirnhirn“, das eigentlich rationales, logisches Verhalten erzwingen sollte.

Ich habe das Folgende in der Vorbereitung auf unser Gespräch gelesen: Wird der „Nucleus accumbens“ – was oder wer das immer auch ist – seltener durch soziale Kontakte aktiviert, fühlen wir uns im Alltag weniger motiviert.

Ich weiß, wer oder was der nucleus accumbens ist, aber sagen kann ich dazu nichts. Wir neigen nämlich dazu, die einzelnen Zentren zu isoliert zu sehen. Genau so wie das Angstzentrum, die Amygdala, nicht die einzige ist, die bei Angst aktiv wird. Wenn ich das so enttäuschend sagen darf.

Oft empfinden wir ja – gerade auch als Kind – vorgegebene Strukturen als lästig. Aber wenn im Lockdown alles schleift und rum-eiert, verliert das Gehirn auch schnell mal die Lust, das Ganze zu begreifen? Fast täglich hängen neue Befehle und Verhaltensregeln am Regierungs- und Behörden-Brett: Schafft unser Gehirn überhaupt, so etwas zu behalten und zu verarbeiten?

Wir verstehen die Dinge nicht und oftmals sind sie ja auch nicht zu verstehen. Sogar zu einem beachtlichen Teil. Aber das führt ja eher zu einer Art Frustration. Und Dinge, die wir nicht verstehen, die uns, unseren Alltag und unsere Zukunft bedrohen, führen auch einfach zu Angst und Wut. In den Medien sehen wir Bilder von Corona-Leugnern und das ist ja eigentlich nur eine ganz kleine Minderheit. Ich bin ehrlich erstaunt, wie sehr die allermeisten Leute sich dann doch im Griff haben und Dinge auch akzeptieren, die sie nicht verstehen, weil sie eben zum Teil auch nicht verstehbar sind. Als Neurologe sage ich, dass sie sich erstaunlich vernünftig verhalten, weil man als Neurologe denkt, Ängste können auch zu einem anderen Verhalten führen.

Herr Dr. Heier, vielen Dank für das Gespräch und ihc möchte bereits heute das nächste zum Thema „Wie verhindere ich das Altern meines Gehirns“ ankündigen.

Und ich kann ich fast versprechen, dass Sie da von mir die richtigen Tipps bekommen werden.

Dr. Magnus Heier (57) ist Neurologe, Buchautor, Redner und auch im RBB und mit dem Podcast „DasGehirn&derFinger“zu hören.

Das vollständige Interview mit Dr. Magnus Heier ist auf www.ikz-online.de, Facebook, Instagram und Youtube zu sehen.

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