Interview

Engel in Lila versorgen die seelischen Wunden

Gudrun Siebert zeigt die lilafarbene Weste, mit der sie im Einsatz von Weitem als Seelsorgerin zu erkennen ist.

Gudrun Siebert zeigt die lilafarbene Weste, mit der sie im Einsatz von Weitem als Seelsorgerin zu erkennen ist.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Notfallseelsorgerin Gudrun Siebert berichtet vom Einsatz am Bahnhof und worauf es bei der Tätigkeit ankommt.

In medizinischen Zusammenhängen fällt oft der griechische Begriff „Trauma“. Im Alltag ist mit der deutschen Entsprechung „Wunde“ meist eine körperliche Verletzung gemeint, mit Trauma hingegen eine der Seele. Gudrun Siebert weiß: Psychische Verletzungen mögen für die Augen unsichtbar sein, können aber genau so schlimm sein wie körperliche Wunden. Die ehrenamtliche Notfallseelsorgerin im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn war am Samstag mit sechs ihrer Kollegen am Stadtbahnhof im Einsatz, um die vielen unfreiwilligen Zeugen der Bluttat zu betreuen. In ihrem Hauptberuf ist sie Klinikseelsorgerin in der Lungenklinik Hemer.

Wie haben Sie als Seelsorgerin die dramatischen Ereignisse erlebt?

Gudrun Siebert: Alltäglich war das auch für mich nicht. Ich bin nicht selbst Zeuge der Tat geworden, trotzdem bewegen mich diese Erfahrungen – bis in den Schlaf, das gebe ich offen zu. Als wir ankamen, hat die Feuerwehr schnell einen Schlüssel für die Räume in der VHS besorgt, abseits des Tatgeschehens und des Trubels darum herum, das ist ganz wichtig. Die Zusammenarbeit am Samstag, auch mit der Polizei, hat reibungslos funktioniert.

Mit welchen Reaktionen hatten Sie es zu tun?

Ganz unterschiedlich, das ist eine Frage des Charakters. Manche sagen gar nichts – verständlich, dass man in der Schocksituation erst einmal sprachlos ist. Andere fangen sofort an zu reden oder weinen, auch Schreikrämpfe gibt es. Dazu ist es am Samstag nicht gekommen, aber auch das wäre in Ordnung gewesen.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Zuerst signalisieren wir: Wir sind da, ihr seid nicht allein. Dann geht es darum, dass die Leute zur Ruhe kommen und sich alles von der Seele reden können. Oft ist es nicht leicht, für das Erlebte überhaupt Worte zu finden, aber das macht nichts. Man kann ja auch ins Unreine sprechen. Wenn ich den Eindruck habe, dass jemand droht, zusammenzubrechen, nehme ich die Menschen auch in den Arm. Wir tragen übrigens lilafarbene Westen mit großer Aufschrift, damit Betroffene leicht erkennen, an wen sie sich wenden können.

Welche Aspekte haben die Zeugen am stärksten belastet?

Die Hilflosigkeit. Fassungslosigkeit darüber, dass ein Mensch so brutal sein kann und das Gefühl, nichts dagegen ausrichten zu können. Groß war auch das Entsetzen darüber, dass Bilder des Toten sofort ins Netz gestellt worden sind.

Sind da Schuldgefühle im Spiel?

Ja, viele sahen sich mit der Frage konfrontiert, ob sie mehr hätten tun müssen, ob sie den Täter nicht hätten aufhalten können. Es ist sehr wichtig klarzumachen, dass sie nichts tun konnten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Dass man darüber grübelt, ist aber ganz normal.

Ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen anders?

Manche Unterschiede gibt es da schon. Bei Teenagern muss man zum Beispiel besonders darauf achten, aus was für Verhältnissen die kommen, ob es eine stabile Familiensituation zu Hause gibt, in der die Jugendlichen aufgefangen werden. Bei Kindern, gerade bei kleinen, ist oft unklar, wie viel die wahrgenommen haben, und wenn die noch nicht sprechen, lässt sich das auch schwer ermitteln. Kinder spüren allgemein viel, auch wenn sie noch nicht in der Lage sind, zu begreifen. Wir haben auf jeden Fall immer Teddybären dabei, das hilft beim Trösten.

Was wird aus den Menschen nach der Betreuung durch Ihr Team?

Es besteht immer das Angebot einer Nachbetreuung, auch den Opferschutz der Polizei können Betroffene in Anspruch nehmen. Man kann uns auch hinterher jederzeit noch anrufen, unsere Hotline ist rund um die Uhr besetzt. Ob das in Anspruch genommen wird, hängt auch bei Erwachsenen oft davon ab, ob es ein enges soziales Umfeld gibt, mit dem sie sich austauschen können. Wer alleine lebt, hat es schwerer.

Ist der Einsatz am Bahnhof der bislang heftigste für Sie?

Jeder Einsatz ist auf seine Weise schwierig. Wenn ich zurückdenke, kommt mir noch eine andere Erfahrung in den Sinn. Ich musste einmal Kinder betreuen, deren Eltern gerade ums Leben gekommen waren. So etwas ist eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten, das war damals auch für die Retter und Polizisten sehr schlimm.

Werfen viele Notfallseelsorger deswegen das Handtuch?

Vereinzelt gibt es Leute, die helfen wollen, aber merken, dass sie damit nicht umgehen können. Meist zeigt sich das aber schon in der Ausbildung, da geht man im so genannten Huckepack-Verfahren erst einmal mit einem erfahrenen Seelsorger mit und kann für sich persönlich testen, ob man damit klarkommt.

Welchen fachlichen Hintergrund haben die meisten Ihrer Kollegen?

Viele stammen aus sozialen Berufen wie Krankenschwester, Sozialarbeiter oder Lehrer. Wir sind derzeit 20 Personen in unserem Team und versuchen natürlich, gegebenenfalls speziell Ausbildete wie Sozialpädagogen bei den Einsätzen zu berücksichtigen – sofern wie vorher zum Beispiel schon wissen, dass es um Kinder geht. Bei den meisten Einsätzen ist nur einer von uns dabei, dass wir wie am Samstag zu siebt ausrücken, ist die absolute Ausnahme. In der Regel weiß man nicht vorher, was einen erwartet.

Sie suchen Nachwuchs. Was sollten Interessenten mitbringen?

Die Konfession spielt bei uns keine Rolle, wir sind ökumenisch und betreuen ja auch jeden Menschen, ganz gleich welcher Glaubensrichtung. Ein bestimmter beruflicher Hintergrund ist auch keine Vorbedingung für die ehrenamtliche Ausbildung, abgesehen von den bereits genannten Berufen ist das bei uns absolut gemischt. Wichtig ist zunächst nur Empathie – und der Wunsch, anderen zu helfen.

Die Seelsorge ist kostenfrei unter erreichbar, Informationen gibt es im Internet auf www.notfallseelsorge.ekvw.net

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