Parktheater

Luther verfällt im bankrotten Reformhaus dem Größenwahn

Dominique Horwitz schlüpfte mit Lederschürze in die Rolle des von finanziellen Problemen gebeutelten Krämers Jörg Lutter.

Foto: Wolfgang Meutsch

Dominique Horwitz schlüpfte mit Lederschürze in die Rolle des von finanziellen Problemen gebeutelten Krämers Jörg Lutter. Foto: Wolfgang Meutsch

Iserlohn.   Dominique Horwitz brachte mit Ilia Papandreou und den WDR-Klangkörpern seine Luther-Revue im Parktheater zur Uraufführung.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Das war schon allerhand, was da aufgefahren wurde: das WDR-Funkhausorchester in voller Stärke mit einer Rockband in der Mitte, dahinter der mächtige WDR-Rundfunkchor, Dirigent Rasmus Baumann, der im Herzen des Geschehens die Fäden in den Händen hielt, und vorne am Bühnenrand die Kulisse für das „Reformhaus Lutter“, in dem der Schauspieler Dominique Horwitz und die Sopranistin Ilia Papandreou ein turbulentes Luther-Spektakel der ganz besonderen Art eröffneten. Die Iserlohner Bühne, die am Freitag als Premieren-Stätte dieser stark besetzten Luther-Revue diente, steht keineswegs im Verdacht, zu klein für großes Theater zu sein. Mit dieser Masse an Menschen und Requisiten, an musikalischer und szenischer Fülle wirkte sie dann aber doch recht übervoll und beengt.

Die Thesen werdenins Internet gepumpt

Die Idee ist natürlich fabelhaft. Jörg Lutter, „einsamer Krämer“ und Inhaber eines Reformhauses, steht am Rande des Ruins, und entscheidet sich, zu expandieren und seine Ideen vom Reformhauswesen zu einem weltweiten Erfolg zu machen. Und das gewinnt schnell eine enorme Eigendynamik: Die Konkurrenz von Schlecker wird niedergebrannt, die neuen Medien im Internet werden mit seinen Thesen voll gepumpt, Lutter verliert allmählich die Kontrolle und seine Frau, wird dafür aber die Schattenwesen, die er heraufbeschworen hat, nicht mehr los – ein Szenarium zwischen Kommerz und theologischem Tiefgang, zwischen Reformation und Moderne, das fast im Minutentakt Steilvorlagen für humorvolle Querbindungen und Brückenschläge liefert, die Dominique Hortwitz und Berthold Warnecke als Autoren dieses Stückes auch eiskalt nutzten: Es hagelte Zitate, Bezüge und Gedankensprünge, die das Publikum immer wieder schmunzeln ließen: „Make Reformhaus great again“. Vor allem der Krämer Lutter selbst wurde – dem großen Reformator Luther nachempfunden – zu einer ständig kippenden Figur und Paraderolle für Horwitz, der zwischen göttlich beseeltem Aufbruch, innerer Zerrissenheit und Größenwahn auch mal den teuflischen Brandstifter und den selbstverliebten Egomanen heraushängen lassen durfte. „Die Neuzeit beginnt genau jetzt“, brüllt er an einer Stelle. Und als seine Frau ihn fragt, warum sich denn wegen seines Reformhauses die ganze Welt ändern müsse, antwortet er lapidar: „Ganz ehrlich? Weil ich es so will!“

Noch eindrücklicher für das Geschehen, die Atmosphäre und den Charakter des Stückes war aber die Musik, die noch vor Horwitz und Papandreou die eigentliche Hauptrolle spielte. Sie untermalte die Handlung nicht nur auf dramatische Weise, sie warf selbst mit Zitaten und Querbezügen um sich und lieferte Kontraste zwischen Musical und Schlager, Bach, Beethoven und großer Oper, die nicht nur riesigen Spaß machten, sondern auch Erhellendes ein- und das Publikum zum Nachdenken brachten.

Ein wenig zu vollgestopftmit zweifellos tollen Ideen

Wobei die Latte hier manchmal doch recht hoch hing, nicht alle Liedtexte einfach zu verstehen waren und auch einige musikalische Scherze nicht so zündeten, wie von den Autoren beabsichtigt. Überhaupt litt das Stück phasenweise darunter, ein wenig zu viel zu wollen. Die Fülle der Zitate und Querverweise wirkte manchmal fast erdrückend und analog zur Enge auf der Bühne wirkte das Stück auch inhaltlich phasenweise ein wenig gequetscht und vollgestopft mit zweifellos tollen Ideen. Doch auch die brauchen manchmal etwas Luft zum Atmen. Wirklich rund wirkte das Stück bei dieser Premiere noch nicht.

Rauschender Beifall für Horwitz und seine Mitstreiter

Dem Erfolg im Parktheater tat das aber keinen Abbruch – viel zu erdrückend war einfach auch die Qualität, die sich da auf der Bühne versammelt hatte. Das Funkhausorchester unter der Leitung von Rasmus Baumann und unterstützt von E-Gitarren und Schlagzeug wandelte spielend zwischen den Stilen und punktete mit „Bora Bora“ und „Money Makes The World Go Around“ ebenso treffsicher wie mit klassischen Werken. Ilia Papandreou – 2014 zur Opernsängerin des Jahres nominiert – verschaffte dem Stück gesangliche Brillanz, der Rundfunkchor gab dem Ganzen mit enormer Stimmgewalt den richtigen Wums und über Dominique Horwitz, seiner Virtuosität und seiner Präsenz als Bühnenkünstler, muss man im Grunde nicht mehr viele Worte verlieren. In Iserlohn ist er damit nicht nur bestens bekannt – er wird hier geliebt, und ein rauschender Schlussapplaus im Stehen war ihm und seinen Mitstreitern auch am Freitag sicher.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik