Literaturhotel

"Man kann Liebe nicht mit Liebe beschreiben, da muss man schon andere Bilder finden"

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Iserlohn. "Lyrik-Papst" Anton G. Leitner und seine Frau, die Poesie-Therapeutin Felicitas Leitner, waren am Wochenende im Literaturhotel zu Gast und haben gemeinsam ein Seminar und eine Lesung gegeben.

Das Klischee des allzeit nach Bedeutung und Tiefe schürfenden Dichters, der ein wenig altmodisch mit dem Federkiel und strenger Mine am Schreibtisch sitzt, erfüllt Anton G. Leitner absolut nicht. Er redet wie ein Wasserfall, und wenn man seinen Beruf nicht kennen würde, würde man eher einen Sportreporter als einen nach Worten ringenden Poeten in ihm vermuten. Er ist aber nicht nur Lyriker, sondern wird sogar „Lyrik-Papst” genannt, und am Wochenende war er mit seiner Frau, der Poesie-Therapeutin Dr. Felizitas Leitner, für ein gemeinsames Seminar plus Lesung im Literaturhotel zu Gast.

Internationale Berühmtheit hat Leitner vor etwa zehn Jahren errungen - allerdings auch nicht durch seine eigenen Gedichte, sondern einige verrückte Aktionen, die er als Herausgeber von Gedicht-Anthologien und seiner eigenen Zeitschrift „Das Gedicht” umgesetzt hatte. Vor allem sein Erotik-Special in der Reihe „Das Gedicht” hatte für enormen Wirbel gesorgt, weil es von den Buchhandlungen als Pornografie zurückgewiesen wurde. Es schloss sich eine Riesen-Diskussion über Poesie an, zunächst im Feuilleton, dann auch tief unten an der Basis. Leitner wurde durch alle Talkshows gereicht, bei „Sieben Tage, sieben Köpfe” wurde sein Fall eine viertel Stunde lang diskutiert und sogar die „Bild am Sonntag” druckte angestoßen von seinem Buch eine Doppelseite Gedichte ab.

Dass er daran anschließend „Buße tat”, wie er sagt, und ein Theologie-Special herausgebracht hat, hat fast schon satirische Züge, die gut zu dem feinen Humor passen, den der 49-jährige Bayer im Gespräch mit unserer Zeitung ausstrahlt. Dass er in diesem „Theologie Special” nach zähem Ringen erstmals die Jugend-Gedichte von Papst Johannes Paul II. abdrucken durfte, beweist die unermüdliche Umtriebigkeit, mit der er versucht, Lyrik bei den Menschen ins Gespräch zu bringen. Und das mit Erfolg - natürlich haben auch die Papst-Gedichte für größtes Aufsehen gesorgt.

Solche Aktionen waren es, die Anton G. Leitner nicht nur in aller Munde, sondern auch in die Mitte der deutschen Lyrik-Szene katapultiert haben. Er mischt sich ein und ist auch politisch aktiv, er sitzt in seiner bayrischen Heimat und in München in wichtigen Kultur-Gremien und Jurys, und er arbeitet eng mit den Kirchen beider Konfessionen zusammen. Für den ökumenischen Kirchentag, der in diesem Frühjahr in München stattfindet, hat er drei Viertel des literarischen Programms gestaltet und gibt erstmals auch einen begleitenden Gedichtband namens „Die Hoffnung fährt schwarz” heraus. Darüberhinaus darf er für den Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) im kommenden Jahr den Jubiläumsband zum 50-jährigen Bestehen herausbringen - alles bedeutende Aufgaben, mit denen man nicht einfach so betraut wird.

Schon gar nicht, wenn man bei aller willkommenen Leichtigkeit das Niveau der Arbeit vernachlässigt. Und auf hohes Niveau legt Anton. G. Leitner höchsten Wert - nicht nur bei Gedichtsammlungen, die er veröffentlicht, sondern auch bei seinen Seminaren, die in seiner Heimatstadt Weßling nahe München auf Jahre ausgebucht sind und mit denen er - wie jetzt in Iserlohn - auch auf Reisen geht. Reimen muss es sich nicht, sagt er, aber ein Gedicht sollte sich schon durch eine zwingende Sprache, durch Rhythmus und Melodie auszeichnen. Die heutige Lyrik bewege sich sehr nah am Lied, und im Idealfall sollte ein Gedicht so gut durchdacht sein, dass es zusammenbrechen würde, nähme man ein Wort weg oder gäbe man eines hinzu. Bei seinen Schreibwerkstätten und auch bei anderen Gelegenheiten verspürt er aber einen Abstieg der Lyrik.

Inhaltlich sei vieles, was ihm für Bücher und bei Wettbewerben angeboten werde, erschreckend ideenlos: „Man kann Liebe nicht mit Liebe erklären. Da muss man als Dichter schon mal andere Bilder finden.” Und handwerklich sei auch vieles eher aus „RTL-Niveau”. „Die Leute lesen nicht mehr und lernen dadurch auch keine echte Größe mehr kennen”, sieht er den Grund dafür. „Die Leute spazieren hoch zum Danzturm und meinen, sie hätten das Dach der Welt erklommen. Auf so eine Idee kann man aber nur kommen, wenn man niemals den Himalaya gesehen hat.”

Bei einem dieser Seminare - es ging um den Eros in der deutschen Literatur - hat Felicitas Leitner ihren späteren Mann vor 20 Jahren kennengelernt. Mit Lyrik hatte sie bis dahin nur wenig am Hut, wurde aber nachhaltig angesteckt, und ist heute mit ihrem Buch „Die Venus streikt - Gesund durch die Kraft der Poesie” ebenfalls unter die Autoren gegangen. Allerdings geht ihre lyrische Arbeit in eine ganz andere Richtung. Felicitas Leitner steht als Allgemeinmedizinerin seit fast 25 Jahren im Beruf, und hat dabei auch sehr viel mit psychosomatischen Leiden zu tun - vor allem durch die Arbeit bedingte Erkrankungen wie Burn Out oder Angststörungen haben nach ihrer Beobachtung zugenommen.

Um dabei den Wurzeln auf die Spur zu kommen, hat sie irgendwann Poesie eingesetzt - nicht als Schreib-Therapie, bei der der Patient selbst schreibt, sondern als Gesprächsgrundlage, um sich über Emotionen auszutauschen. „Dabei ist es nicht wichtig, dass jemand viele Erfahrungen mit Lyrik hat”, sagt sie. Ganz im Gegenteil könne jemand, der eher unbedarft an die Sache herangeht, sehr größere Wirkungen erzielen. Wobei Felicitas Leitner als „normale” Medizinerin hier nicht den Anspruch hat, psychische Krankheiten zu heilen. Das überlässt sie den Fachleuten. Aber den ersten Schritt, das Erkennen, dass etwas nicht stimmt, bekommt sie mithilfe der Poesie inzwischen sehr gut zustande.

Neu ist die Idee der Poesie-Therapie im Übrigen nicht. „Schon im 19. Jahrhundert”, erklärt die Ärztin, „sind in englischen Krankenhäusern Bibliothekare mit auf Visite gegangen, um das passende und heilsamste Buch für den Patienten auszusuchen.” Aber diese Methode ist irgendwann wohl doch eingeschlafen.

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