Werkstatt im Hinterhof

Mehr Besucher und 23 Nationen

Werkstatt-Leiter Achim Rabenschlag (3. v. r.) und seine Mitarbeiterin Cornelia Schmidt (r.) mit dem Fördervereinsvorstand mit (v. l.) Klaus Stinn, Richard Zimmermann, Annemarie Kreckel, Kristin Maßmeier und Ingeborg Löhr.

Foto: Tiemann

Werkstatt-Leiter Achim Rabenschlag (3. v. r.) und seine Mitarbeiterin Cornelia Schmidt (r.) mit dem Fördervereinsvorstand mit (v. l.) Klaus Stinn, Richard Zimmermann, Annemarie Kreckel, Kristin Maßmeier und Ingeborg Löhr.

Iserlohn.   Der Förderverein „Werkstatt im Hinterhof“ stellt eine zusätzliche Honorarkraft ein und sorgt neben dem Frühstück auch wieder für einen Mittagstisch.

Iserlohns Drogenszene hat viele Gesichter. Das mit den tiefsten Narben ist nach wie das der Heroinabhängigen. Fünf Tote verzeichnet Achim Rabenschlag bereits in diesem noch sehr kurzen Jahr unter seinen Besuchern – ein trauriger und sehr hoher Wert, wie der Leiter der „Werkstatt im Hinterhof“ sagt. Und leider wird die Szene nicht kleiner. Im Gegenteil: Die Zahlen steigen und steigen. Inzwischen kommen täglich mehr als 200 Abhängige in seine Einrichtung in der ehemaligen Fabrik Kissing & Möllmann an der Oberen Mühle, um im Rahmen des Substitutionsprogramms ihre tägliche Dosis Methadon zu bekommen.

Ein Grund dafür, so Rabenschlag, sei, dass immer weniger Ärzte Methadon ausgeben. Die kleine Praxis von der „Werkstatt-Ärztin“ Martina Harbrink-Schlegel ist eine der immer weniger werdenden Anlaufstellen für die Drogenkranken. Ein anderer Grund ist mit Sicherheit die hervorragende Arbeit, die in der AWO-Einrichtung geleistet wird.

Sichtbar wird diese Arbeit im öffentlichen Raum der Stadt, wo kaum Junkies zu sehen sind. Die zählen schließlich schon seit fast 30 Jahren zur „Werkstatt-Familie“, haben in der Fabrik einen geschützten Raum, werden eingebunden, wertgeschätzt und verbringen dort den Tag.

Die Iserlohner Drogenszene ist nach wie vor die Hauptzielgruppe von Achim Rabenschlag und Team. Und seine Haltung, ein familiäres Klima für sie zu schaffen, hält er auch aufrecht. Die stetig weiter steigenden Zahlen machen die Arbeit aber nicht leichter. Drogenkranke aus dem ganzen Märkischen Kreis kommen zur Substitution nach Iserlohn. Und auch der Anteil der Flüchtlinge steigt. Etwa ein Fünftel seiner Klientel habe inzwischen einen Fluchthintergrund, sagt Achim Rabenschlag. Eine Verdrängung, wie sie zuletzt etwa in der Essener Tafel für Schlagzeilen gesorgt hatte, gebe es zwar nicht. Mit inzwischen 23 Nationen unter seinen Besuchern steigen aber zweifellos die Schwierigkeiten – nicht nur für die Kommunikation.

Neue Honorarkraft ist für Entgiftungsfahrten zuständig

„So viele unterschiedliche Kulturen in einer psychosozialen Betreuung, das bringt Probleme mit sich“, sagt auch Klaus Stinn, Vorsitzender des Fördervereins der „Werkstatt im Hinterhof“. Die steigenden Besucherzahlen in der Einrichtung verstärken daher auch die Anstrengungen des Vereins, der am vergangenen Donnerstag seine Jahreshauptversammlung hatte. Besonders in der personellen Ausstattung der Werkstatt sieht der Verein ein großes Problem. Neben Achim Rabenschlag als Leiter und der Ärztin Dr. Martina Harbrink-Schlegel gehört nur noch die Ergotherapeutin Cornelia Schmidt zum Team der Hauptamtlichen.

Problematisch wird es immer, wenn einer zu einer Entgiftungsfahrt aufbricht. Besucher, denen Drogen im Blut nachgewiesen werden, fliegen umgehend aus dem Substitutionsprogramm, weswegen die Werkstatt nicht selten Entgiftungen in einer Klinik terminiert. Um dann auch sicher zu gehen, dass der Termin eingehalten wird, wird der entsprechende Besucher zur Entgiftung gefahren.

Um hier für Entlastung zu sorgen, finanziert der Förderverein ab April eine Honorarkraft, die vor allem diese Fahrten übernehmen soll. Zunächst für ein Jahr befristet – „dauerhaft werden wir eine solche Stelle nicht tragen können“, sagt die zweite Vorsitzende Annemarie Kreckel.

Daneben hat der Förderverein auch wieder zusätzlich zum Frühstück einen Mittagstisch eingerichtet. Viele seiner Besucher, so Achim Rabenschlag, hätten auch schlichtweg Hunger. Außerdem verbessert der Förderverein kontinuierlich die Ausstattung – zuletzt wurde ein Fernseher angeschafft. Und er sorgt dafür, dass die Besucher immer wieder durch besondere Aktionen aus ihrem Trott gerissen werden. „Das ist extrem wichtig“, sagt Achim Rabenschlag. Denn aus dem Alltagstrott zwischen dem eigenen Bett und dem Besuch der Werkstatt könne schnell Lethargie werden.

Bei den Vorstandswahlen wurden Klaus Stinn (1. Vorsitzender), und Martina Harbrink-Schlegel als Beisitzerin für zwei Jahre wieder gewählt. Eva-Maria Schulze wurde als Kassenwartin neu gewählt. Die 2. Vorsitzende Annemarie Kreckel, Schriftführer Richard Zimmermann und die Beisitzerinnen Ingeborg Löhr und Kristin Maßmeier standen nicht zur Wahl. Klaus Stinn kündigte an, in zwei Jahren nicht mehr zur Wahl zu stehen. Er ist seit der Gründung des Fördervereins vor 16 Jahren 1. Vorsitzender. Er lobte den großen Rückhalt, den der Verein in Politik und Gesellschaft genieße. Das drücke sich immer wieder auch in einer hohen Spendenbereitschaft aus.

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