Interview

Mehr digital? Aber nicht ohne die Menschen!

Bethanien-Geschäftsführer Gerhard Glock (li.) und Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender Agaplesion, im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Foto: Michael May

Bethanien-Geschäftsführer Gerhard Glock (li.) und Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender Agaplesion, im Gespräch mit der Heimatzeitung. Foto: Michael May

Iserlohn.  Agaplesion-Vorstand Dr. Horneber über verknüpfte Patientendaten und christliche Geschäftsideen

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Die Entwicklung und somit die Zukunft des Iserlohner Krankenhauses Bethanien gibt bei den Verantwortlichen des Betreiber-Konzerns Agaplesion durchaus Grund zur Hoffnung und Anlass, kräftig Pläne zu schmieden. Das hat Agaplesion-Vorstandsvorsitzender Dr. Markus Horneber kurz vor Weihnachten im Gespräch mit der Heimatzeitung bereits deutlich gemacht. Doch neben der unmittelbaren Situation aus Iserlohner Sicht gab Horneber auch Einblicke in absehbare Entwicklungen und Gedankenspiele rund um die Krankenhauslandschaft. Auch hier bestimmen Digitalisierung, aber auch veränderte Lebensbedingungen nachhaltig den Zukunftskurs.

Herr Dr. Horneber: Wird Iserlohn auch an Ihren Zukunftsprojekten rund um die Demenzforschung und -betreuung partizipieren?

Unbedingt. Zumal wir im Märkischen Kreis damit ein Alleinstellungsmerkmal haben. Wir haben Konzernweit einige Projekte bereits abgeschlossen. Thema ist das „demenz-sensible Krankenhaus“. Da gibt es fertige Konzepte, die bei der Anamnese mit kleinen Tests beginnen, ob jemand kognitiv orientiert ist. Weiter geht es über eine vorsichtige Kennzeichnung in der Patientenakte, mit deren Hilfe man auf einen Patienten besonders Rücksicht nehmen kann, wenn er zum Beispiel durchs Krankenhaus oder zu Untersuchungen geführt wird.

Digitalisierung ist nicht nur in der Industrie derzeit das Zauberwort. Auch Sie haben das Thema zur Chefsache erklärt, sagen, es sei das effektivste Werkzeug, um Behandlungs- und Pflegequalität zu verbessern. Was heißt das zunächst einmal für die Patienten?

Für die Patienten heißt das, dass wir den Informationsfluss, der notwendig ist, um den Behandlungsprozess und die Kommunikation vernünftig zu gestalten, optimieren. Oft scheitert es zum Beispiel bei der Entlassung daran, dass der Hausarzt nicht ausreichend Bescheid weiß. Oder auch der Pflegedienst. Oder die Angehörigen. Dadurch geht oft die gute Qualität, die im Krankenhaus erzeugt wird, verloren.

Das ist nach meiner Ansicht der größte Hebel der Digitalisierung. Wir haben da ein interessantes Forschungsprojekt. Der Fall: Ein demenzkranker Patient ist gestürzt, wird im Krankenhaus behandelt. Da sind insgesamt 17 Parteien beteiligt. Und alle werden über eine Informationsplattform mit einander verknüpft, so dass jeder immer weiß, wie gerade die Situation des Patienten ist.

Und die Auswirkungen für das Personal? Es ist ja nicht zwingend eine Vereinfachung der Arbeitsprozesse.

Wir führen jetzt endlich flächendeckend die digitale Patientenakte ein.

Kriegen Sie das bis Jahresende hin?

Fast sieben oder acht Häuser sind bereits am System. In Hagen und Iserlohn mussten wir natürlich erst einmal Basisarbeit schaffen.

Was sind die größten Veränderungen?

Die gibt es zum Beispiel bei der Visite. Sie dauert zwar jetzt länger, danach ist aber alles fertig. Alle Informationen zu Medikationen und Behandlung sind sofort in der Akte enthalten. Man fährt mit dem Computerwagen ins Zimmer, muss aber natürlich auch die Arbeitsabläufe neu organisieren. Vielleicht muss noch jemand mehr mitkommen, um die Dinge sofort erfassen zu können. Das Arzt-Patienten-Gespräch soll ja nicht belastet werden. Aber die ganze Nacharbeit auf der Station, die zum Teil erst Stunden später erfolgt und auch mögliche Fehlerquellen hat, fällt weg. Allerdings müssen wir hier auch noch etwas mehr Überzeugungsarbeit bei den Ärzten leisten.

Nochmal Stichwort „Digitalisierung“: Glauben Sie kurz- bis mittelfristig wirklich daran, dass wir zum Beispiel ein Diagnosesystem bekommen werden, dass seine Grundinformationen über den Patienten bei Google bezieht?

Über den Patienten direkt wohl nicht, weil diese Information im Krankenhaus erhoben werden muss. Aber man kann nach erfolgter Analyse über große Datenbanken schauen, welche Patienten es noch in der Welt gibt, die eine ähnliche genetische Disposition haben und wie diese unter Umständen erfolgreich behandelt worden sind. Das kann der Arzt bei seiner individuellen Behandlungsstrategie berücksichtigen. Aber der Computer wird niemals entscheiden, das wird immer nur der Arzt sein, der das abschließend beurteilt. In der Onkologie und Pathologie gibt es das ja schon, da setzen wir es auch in Teilen schon ein. Mit zwei Effekten: Erstens weniger Leiden beim Patienten. Und es spart auch wahnsinnig viel Geld, wenn ich mehr in die Diagnose investiere.

Wie weit sind wir noch von Robotik, Online-Check-Ins, Online-Sprechstunden und Behandlungsprozessen per Apps entfernt?

Online-Sprechstunden wollen wir Agaplesion-weit einsetzen, wir entscheiden uns im nächsten Jahr für einen Anbieter. Zwar muss in Deutschland der Arzt den Patienten zunächst real gesehen haben, aber zum Beispiel bei dann möglichen Nachsorgeuntersuchungen spart der Patient viel Zeit und so manchen mühsamen Weg.

Eigentlich ist das ja nichts anderes als eine kleine Video-Konferenz mit Zugriff auf die geschützten Akten. ‚Online Check-In‘ ist eine tolle Idee, da scheitern wir aber im Moment noch an den Kosten für Krankenhausschnittstellen. Aber es ist für mich in der Tat unbegreiflich, warum wir das nicht längst haben.

Und Robotik?

Da haben wir interessante Forschungen am Start, aber man muss differenzieren. Man sieht ja immer diese humanoiden Roboter, aber das wird noch lange dauern, das sehe ich noch nicht. Was Sinn macht sind Transport-Roboter, die dabei helfen, ein Bett zu schieben oder einen Patienten zu lagern. Ich nennen das eher Handling-Geräte. Denkbar ist natürlich auch, dass Ihnen von so einem Gerät die Tageszeitung gebracht wird. So etwas erproben wir gerade. Aber solange es uns noch gelingt, Arbeitskräfte für das Bethanien zu begeistern . . .

Und zu bezahlen . . .

. . . und zu bezahlen, würde ich diese Entwicklung nicht im Vordergrund sehen.

Sie sagen: Aus all den Informationen, die heute verfügbar sind, können wir enorm viel über die Patienten lernen und so eine bessere Behandlung erreichen. Die allerbeste Qualität hätten wir allerdings, wenn eine Versorgung gar nicht mehr erforderlich wäre. Das würde dann funktionieren, wenn wir über die potenziellen Patienten Informationen hätten, die uns erlauben würden, präventiv etwas zu tun. Wird sich das Krankenhaus immer mehr vom Reparaturbetrieb zum Vorsorgebetrieb wandeln?

Da bin ich ganz fest davon überzeugt, dass Krankenhäuser in zehn Jahren ganz anders aussehen als heute. Das ist auch die Schwierigkeit, das richtige Investiv zu machen, weil alle Fortschritte in die Richtung gehen, dass man früher eingreifen kann, dass Krankheiten idealerweise gar nicht erst entstehen. Auch wenn wir uns selbst damit in Teilen abschaffen, bin ich davon überzeugt, dass das passiert, weil es dem Patienten weiterhilft. Und genau das ist ja unser Ziel als christliches Unternehmen.

Sie haben in der Vergangenheit bereits unterschiedliche Megatrends identifiziert. Können Sie diese für ein überlebensfähiges Krankenhaus beschreiben?

Damit meinen wir Entwicklungen im Gesundheitswesen, die dauerhaft anstehen. Digitalisierung, Robotik, Erlebnisqualität im Krankenhaus, Arbeitsgestaltung und Ausbildung der Mitarbeiter, Individualisierung und Werte.

Sie glauben an die innovative Gestaltungskraft christlicher Krankenhäuser. Lassen sich christliche Positionen im deutschen Gesundheitswesen überhaupt noch darstellen?

Ich bin ein großer Fan der Träger-Pluralität. Es ist schön, dass es kommunale Krankenhäuser gibt, in denen sich Politiker profilieren können. Es ist schön, dass es private gibt. Da freuen sich die Aktionäre. Und es ist schön, dass es christliche Häuser, bei denen die Menschen aus einer anderen Grundhaltung heraus im Mittelpunkt stehen. Unser Ansatz ist: Wir kümmern uns um Menschen! Wir sehen auch einen Wertewandel, eine Sehnsucht nach Spiritualität, als Mensch als Ganzes angenommen zu sein.

In einer anderen Stadt ist Ihnen zum Vorwurf gemacht worden, dass die hehren Grundsätze der Christlichkeit wertlos sind, wenn es um den Profit und die Unternehmenspolitik geht. Trifft Sie so etwas?

Ja, das trifft mich sehr. Weil ich dann nicht vermitteln konnte, für was ich wirklich stehe. Für eine gute und sehr menschliche Arbeit. Natürlich auch für die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, damit wir investitionsfähig bleiben.

Wie steht es inzwischen mit Ihrer Hoffnung, dass die Bundesländer und somit natürlich auch NRW ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Finanzierung der betriebsnotwendigen Investitionskosten endlich vollständig nachkommen?

Wir arbeiten zwar noch dran, aber die Hoffnung schwindet, je mehr Bundesländer die Baupauschalen einführen. Auf der anderen Seite habe ich auch etwas Verständnis, weil wir in Deutschland – und gerade auch in NRW – noch immer zu viele Krankenhäuser haben, die auch immer wieder instandgehalten werden müssen. Die vielleicht zu klein sind für gute Qualität, weil ihnen auch die Routine fehlt.

Ist für Agaplesion die Übernahme nicht-evangelischer oder kommunaler Kliniken denkbar?

Es ist grundsätzlich denkbar, aber kommunale Krankenhäuser gehen ja immer über ein Bieterverfahren. Da sind wir bei den Kaufpreissummen oder bei den Schulden, die man übernehmen kann, nicht so potent wie ein privater Mitbewerber, der sich deutlich höher verschulden kann. Im katholischen Bereich ist es mit den Bischöfen auch oft ein kompliziertes Geschäft.

Wenn wir uns in fünf oder auch besser in zehn Jahren wieder hier treffen – auf welche zwischenzeitlichen Veränderungen am lokalen Markt in Iserlohn blicken wir dann zurück?

Das ist jetzt ganz schwierig. Die dann noch existierenden Häuser werden sich in noch weiter gewachsenen Verbünden wiederfinden. Vielleicht werden die Häuser noch spezialisierter sein.

Aber mein Blinddarm als Grundversorgungsleistung wird mir noch in Iserlohn rausgenommen?

Davon gehe ich Moment mal ganz fest aus.

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