Mehr Geld für frühe Förderung der Familien ist gute Investition Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes lobte Arbeit des Iserlohner Jugendamtes

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Iserlohn. (cofi) "Das Dormagener Modell mit einem Netzwerk aus Fachleuten und Ehrenamtlichen kann begeistern", so fasste Wolfgang Ewald (Vorsitzender der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik Märkischer Kreis) den charismatischen Vortrag d

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes und Bürgermeister von Dormagen stellte Prävention in der Familienförderung in den Mittelpunkt seines Vortrages über "Soziale Frühwarnsysteme in der kommunalen Praxis". Dabei machte er deutlich, dass so ein Fall wie der Tod des kleinen André, dessen Familie durch das Iserlohner Jugendamt betreut wurde, auch in Dormagen passieren könne.

Grundsätzlich sei Iserlohn schon relativ weit, gab er ein "Kompliment an die Kollegen" für die präventiven Maßnahmen gegen Vernachlässigung von Kindern ab. Dabei nannte er beispielsweise das Projekt "Starke Eltern - starke Kinder". Es gebe aber sicherlich noch vieles zu verbessern.

Heinz Hilgers, der selbst lange Jahre Jugendamtsleiter war, stellte das Dormagener Präventionsprogramm der frühen Förderung und Vermeidung von Kinderarmut vor. Dazu sei es unerlässlich, die Kräfte aus der Gesundheitshilfe, der Jugend- und Familienhilfe, der Schulen und der Ehrenamtlichen netzwerkartig zu bündeln und wirkungsvoller einzusetzen. Im Dialogverfahren sollen die Mitstreiter begeistert werden. "Frühe Hilfen wirken und vermeiden spätere Kosten für die Gesellschaft", so sein Credo.

Baby-Begrüßungspakete In Dormagen seien alle Schulen Ganztagsschulen. In allen Kindertagesstätten gebe es Ganztagsangebote, auch bei den freien Trägern. Die Jugendhilfe arbeite zudem mit Kinder- und Frauenärzten zusammen. Jeder Schwangeren werde geholfen und in speziellen Broschüren Hilfen aufgezeigt. Auch ehrenamtliche "Ersatzomas" werden eingebunden.

Jede Familie erhalte nach der Geburt eines Kindes Besuch seiner Mitarbeiter mit einem Baby-Begrüßungspaket und einem Elternbegleitbuch. In dem Geschenkpaket befinden sich auch Rauchmelder, die auf das Handy aufschaltbar sind, Kinderzahnbürsten und Gutscheine für das Babyschwimmen.

Als Bürgermeister hält er es für ebenso wichtig, nicht nur Altersjubilaren persönlich zu gratulieren, sondern auch Eltern neuer Erdenbürger. Den Boden dafür habe er durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit bereitet: "98 Prozent der Familien freuen sich über den Besuch, bei dem die Jugendamtsmitarbeiter ihre Hilfe anbieten." In diesem Zusammenhang lobte Hilgers auch die Iserlohner Praxis, nach der die Familien angeschrieben werden, deren Kinder mit drei Jahren noch keinen Kindergarten besuchen. Die Antworten der Eltern werden ausgewertet, nicht versorgte Eltern nach Möglichkeit vermittelt.

Er verwies auf soziologische Untersuchungen, die belegen, dass Entwicklungsverzögerungen der Kinder viel mit der Schulbildung und dem Sozialstatus der Eltern zu tun haben. Eltern, die Vorsorgeuntersuchungen ihrer Kleinen vernachlässigen, seien häufig in Depression und Armut gefangen. Mit Sanktionen sei es in diesen Fällen nicht getan. Hilgers ist ein Verfechter der aufsuchenden und wertschätzenden Sozialarbeit durch die zuständigen Bezirkssozialarbeiter: "Wir brauchen Menschen, die helfen und hingehen, die Menschen stärken, ihre Selbstheilungskräfte zu stärken. Der Fachverantwortliche muss wissen, was hat die Familienhilfe für Möglichkeiten."

Hausbesuche bei allen Schulanfängern seien ein weiterer Schritt. In Dormagen habe man auch die Grundschullehrer einbezogen und 160 hätten sich spontan zur Mithilfe verpflichtet. "Wir müssen die Arbeitskultur des Dialogs zurückgewinnen, auch in Schulen", betonte Hilgers.

Zum Thema Kinderarmut wünscht er sich generell Korrekturen vom Gesetzgeber. Er kritisierte die Abschaffung der einmaligen Bekleidungsbeihilfen und der Schulpauschalen.

Neue Anregungen einerseits, andererseits auch Bestätigung der Arbeit vor Ort erfuhr Friedhelm Kowalksi, Ressortleiter für Jugend, Soziales, Schule und Sport, durch den Vortrag von Hilgers. "Das Wichtigste ist die Begeisterung für den Kinderschutz im Rathaus, in der Politik und in der Öffentlichkeit." Damit könne man viel erreichen, wie das Beispiel aus Dormagen gezeigt habe. Das zentrale Moment seien die Hausbesuche nach der Geburt jedes Kindes. Er habe allerdings die Befürchtung, dass man in Iserlohn vielfach verschlossene Türen finde. In Dormagen gebe es ein anderes Klima. Dort habe die Mehrheit der besuchten Eltern die Angebote dankend angenommen. Kowalski sprach von einer Traumatisierung der betroffenen Mitarbeiter durch den Fall André. "Damit müssen wir erst mal fertig werden."

Kowalski dankte der SPD für die Veranstaltung, die Perspektiven aufzeige. Vier von fünf Iserlohner Parteien hätten sich nach Bekanntwerden des Falles André hinter die Verwaltung gestellt. Auch dafür dankte er den Beteiligten. Kowalski bat darum, diese konstruktive Herangehensweise beizubehalten. Der Ressortleiter verwies auf die "ungeheure Zahl von Problemfällen mit extremen Vernachlässigungen in der Stadt". Goldene Wege seien ihm noch nicht eingefallen. Aber ihm sei klar: Es koste viel Geld.

Hier knüpfte Hilgers an. Der Vorsitzende des Kinderschutzbundes gab den Iserlohner Kommunalpolitikern mit auf den Weg: "Investition in die Prävention ist sehr effektiv. Der Rat der Stadt täte gut daran, Hilfen für Prävention zu schaffen und die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen bei dem Potenzial, dass hier beschrieben wurde. Mehr Geld für die Familienfrühförderung, für Bildung und Gesundheit hilft später ausufernde SozialhilfeKosten zu vermeiden." Er war sich klar, Iserlohn sei in einer schwierigen Situation, aber möglicherweise sei das genau die Chance, um neue Prioritäten in der Jugend- und Sozialpolitik zu setzen.

Joachim Peters von der Caritas-Erziehungs- und Familienberatung und Peter Bochynek und Klaus Stinn von der Kinderlobby Iserlohn teilten die Faszination für dieses Modell, das aufgrund des Netzwerkes zwischen Jugendhilfe, Schule, Ärzten und anderer Institutionen so erfolgreich sei. Durch frühe Hilfe könne man vieles verhindern und für alle Beteiligten Gutes tun. In Dormagen gab es in diesem Jahr nur vier oder fünf Inobhutnahmen von Kindern aus Problemfamilien, sagte Hilgers. Als Vergleich dazu verwies er auf Dresden, wo bereits 500 Inobhutnahmen erfolgten. In Iserlohn waren es im selben Zeitraum 16.

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