Abschied

Menschen, Projekte und neue Gottesdienste

Pfarrer Paul-Gerhard Zywitz musste bei seinem Abschied am Sonntag an der Jakubuskirche eine Menge Hände schütteln.

Foto: Michael May

Pfarrer Paul-Gerhard Zywitz musste bei seinem Abschied am Sonntag an der Jakubuskirche eine Menge Hände schütteln. Foto: Michael May

Kalthof.   31 Jahre lang war Pfarrer Paul-Gerhard Zywitz in Iserlohn tätig – ein Abschied voller Wehmut.

Paul Gerhardt war ein lutherischer Theologe, der schon fast 350 Jahre tot ist, der aber auch heute noch im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde ist. Denn Gerhardt hat die Kirche mit seinen Liedern geprägt wie kaum ein anderer. „Ich steh an der Krippe hier“, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ oder „Befiehl du deine Wege“ sind nur drei von vielen Super-Hits, die vermutlich bis in alle Ewigkeit zu den passenden Anlässen erklingen werden. Wenn nun ein Ehepaar daher geht und seinen Sohn nach einem so berühmten Kirchenmann benennt, so wie es im Falle von Paul-Gerhard Zywitz vor 62 Jahren geschehen ist, dann scheint der weitere Weg doch glasklar vorgezeichnet zu sein: Der Junge wird mal Pfarrer.

Paul-Gerhard Zywitz muss schmunzeln, wenn er diesen Gedanken hört. Der scheidende Pfarrer der Kirchengemeinde Hennen mit Sitz an der Kalthofer Jakobuskirche sitzt entspannt auf der Bank in seinem Esszimmer, streichelt den Familienhund Bella und muss gestehen, dass dieser große Paul Gerhardt eigentlich nie so wegweisend für ihn gewesen sei, wie man meinen könnte. Er selbst habe sich erst vor wenigen Jahren eingehender mit ihm beschäftigt. Und so klar, wie die Namensgebung es vorzuzeichnen scheint, sei es bei ihm mit dem Pfarrerwerden nie gewesen.

Er sei zwar in Unna und später in Dortmund-Asseln in einer gläubigen Familie aufgewachsen und habe eine christliche Vorprägung mitbekommen, eine wirklich enge Bindung zur Kirche habe er aber erst als Jugendlicher aufgebaut, als er mit 16 Jahren anfing, in den internationalen Workcamps des Christlichen Friedensdienstes mitzumachen.Tolle Erfahrungen seien das gewesen: Reisen in alle Ecken Europas, richtig mit anpacken, sich engagieren, vor allem aber Menschen kennen lernen, begleiten und helfen – das alles hat ihn geprägt und schon vorgezeichnet, was ihn später einmal als Pfarrer ausmachen sollte.

Das Berufsziel Pfarrer hatte er aber auch beim Start des Theologiestudiums noch nicht, das ihn nach Münster, Berlin, Zürich und Bonn geführt hat. Im Gegenteil: Mit der Vorstellung, als Pfarrer von der Kanzel zu predigen, hatte er größte Schwierigkeiten, was sogar zu einer Unterbrechung des Studiums geführt hatte. So ganz hat er sich mit dieser Rolle wohl auch später nicht angefreundet – die andere Seite des Pfarrer-Daseins, die seelsorgerliche Arbeit nah am Menschen, war ihm jedenfalls immer deutlich näher.

Nach dem Studium und dem Vikariat in Bottrop kam er 1986 als Hilfsprediger ein erstes Mal in den Iserlohner Norden. In der Hennener Johanneskirche ist er ordiniert worden, zusammen mit seiner Frau Brigitte, die er während des Vikariats in einem Prediger-Seminar in Soest kennen gelernt hatte und mit der er drei Kinder im Pfarrhaus groß gezogen hat. Kurz darauf, im Jahr 1988, hat er dann die Pfarrstelle am Martin-Luther-King-Haus in der Iserlohnerheide übernommen.

Drei Felder seiner Arbeit waren ihm über die Jahre besonders wichtig. Über allem stehen die vielfältigen Begegnungen mit den Menschen. Über alle Generationen hinweg ist er Menschen in allen erdenklichen Situationen nahe gekommen und hat sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet. „Ich habe Glück und Schmerz, Trauer und Freude geteilt. Das war faszinierend und bereichernd.“

Daneben hat er versucht, neue Wege auch im Gottesdienst zu gehen. In den 80er Jahren sahen die Kirchen noch anders und deutlich traditioneller aus als heute. Gottesdienste mit kontroversen Inhalten, ohne Predigt dafür aber mit „Quasselgruppen“, mit Gitarre und modernen Liedern, mit einem Vorbereitungs-Team und einem Pfarrer ohne Talar: Vieles von dem, was Zywitz in der Heide gemacht hat, war neu, und nicht allen konnte er es damit recht machen – das ist ihm durchaus bewusst.

Das dritte Feld waren die vielen Projekte, mit denen er auch gesellschaftlich und politisch aktiv war und zu etwas bewegt hatte. Zu der Müllverbrennungsanlage in der Heide habe er etwa in den 90er Jahren einen runden Tisch eröffnet, ebenso wie zur Niederlassung des muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde, in deren Zuge es starke rechtspopulistische Tendenzen in der Iserlohnerheide gegeben habe. Er habe versucht Begegnungen und Dialoge zu initiieren und vor der eigenen Haustür einen Friedensdienst zu leisten. Aktuell gehe diese Arbeit in der Heide in der Flüchtlingsarbeit weiter.

Anders als der starke ökumenische Aufbruch, den Zywitz Anfang der 2000er Jahre in der Heide mit der katholischen St.-Josefs-Kirchengemeinde angestoßen hatte, der in der ersten festen Gemeinde-Partnerschaft in Iserlohn mit gemeinsamen Gottesdiensten, gemeinsamer Gremienarbeit und gemeinsamer Raumnutzung mündete. Diese Partnerschaft besteht in dieser Form nicht mehr. Denn Anfang der 2000er Jahre setzte auch eine Entwicklung ein, die die Kirche seitdem in Atem hält und tiefgreifende Umwälzungen nach sich zieht: sinkende Mitgliederzahlen, knapper werdende Finanzmittel, Schrumpfen und Zusammenrücken.

Ein Dilemma sei das, sagt Zywitz. Denn er ist sich schmerzhaft bewusst, wie wichtig es ist, dass die Kirche vor Ort in der Nachbarschaft lebendig bleibt. Das Ende des ökumenischen Projektes in der Heide sei auch ein Ergebnis von Gemeindefusionen und Zentralisierungen, die es in beiden Konfessionen gebe. Gleichzeitig sei es aber angesichts der Zahlen nun mal ein Ding der Unmöglichkeit, in allen Stadtteilen und Dörfern – so wie früher – das Komplettangebot für alle Generationen und Zielgruppen aufrecht zu erhalten.

2008 kam derWechsel nach Kalthof

Im Iserlohner Norden sah das konkret so aus, dass sowohl die Maria-Magdalena-Kirchengemeinde als auch die Kirchengemeinde Hennen von zwei auf anderthalb Pfarrstellen reduziert wurden. Beide Gemeinden einigten sich darauf, einen eigenen Pfarrer zu beschäftigen und sich darüber hinaus einen Pfarrer zu teilen. Diese Rolle kam Paul-Gerhard Zywitz zu, der 2008 in der Nachfolge von Pfarrer Büchting mit seiner Familie ins Pfarrhaus an der Jakobuskirche zog.

Und dieses Pfarrhaus wird er vermutlich in naher Zukunft wieder räumen müssen – aus gesundheitlichen Gründen und zweieinhalb Jahre vor der eigentlichen Pensionierung. Das ungeplante und plötzliche Ende seiner Tätigkeit macht den Abschied für ihn doppelt wehmütig, was auch am Sonntag in Kalthof bei seinem Verabschiedungs-Gottesdienst spürbar wurde, in dem er entpflichtet wurde. In dem anschließenden Empfang musste er so viele Hände von so vielen Menschen zum Abschied schütteln, was ihm nicht leicht gefallen ist.

Seine Nachfolge in Kalthof ist derzeit eben so offen, wie die Frage, wo sein persönlicher Weg hinführt. Der vorgezogene Ruhestand habe ihn ja ziemlich unvorbereitet getroffen, weswegen er erst einmal ein Viertel-Sabbat-Jahr einlegen und sich ganz rausziehen möchte. Und dann? „Ich kann mir nicht vorstellen, mich überhaupt nicht mehr in der Kirche zu engagieren“, sagt Paul-Gerhard Zywitz. Wo und wie, sei vollkommen offen. Aber es gehe ja weiter – mit ihm und mit der Kirche, in der ja bei weitem nicht alles verstaubt sei, die in einem spannenden Umbruch stecke, in der viel passiere, die immer noch eine hohe Bedeutung habe und in der es für ihn auch zukünftig wichtige Begegnungen mit anderen Menschen gebe.

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