Interview

Michael Kraske: „Offenen Rassismus zu lange verharmlost“

Natürlich weiß der Iserlohner Journalist Michael Kraske um die unterschiedlichen Betrachtungsweisen von „Heimat“. Und auch um die daraus resultierenden Chancen und Risiken.

Natürlich weiß der Iserlohner Journalist Michael Kraske um die unterschiedlichen Betrachtungsweisen von „Heimat“. Und auch um die daraus resultierenden Chancen und Risiken.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Iserlohn.  Rechtes Denken und Handeln ist nicht genetisch vorgegeben. Es kommt aus Erfahrungen und Sozialisationen, sagt „Ost-Auswanderer“ Michael Kraske.

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Man kennt ja hinlänglich diese smarten Journalisten-Kollegen, die einem am Sonntagabend bei Anne Will, montags zusammen mit SPD-Arzt Karl „Fliege“ Lauterbach bei Plasberg oder eben im Rest der Woche bei Lanz oder der anderen Damenriege die Welt, unsere Welt, erklären wollen. Manchmal ziemlich krawallig, manchmal analytisch herablassend und in sich selbst und dem Herrschaftswissen ruhend. So einer ist dieser Michael Kraske nun überhaupt nicht. Eher vielleicht sogar ein echter Sauerländer, Aszendent Iserlohn. Der kann sich ja auch nach innen fürchterlich erregen, nach außen aber doch eher gefasst, abgeklärt und lösungsorientiert denken und operieren. Oder zumindest wirken. Und wenn dieser Michael Kraske da so im Türrahmen des Büros im Wichelhovenhaus steht und seine Hand zum unvoreingenommenen Begrüßungshandschlag anbietet, kann man sich nur schwer vorstellen, dass gerade er auch eine beliebte Adresse für mehr oder weniger hinterhältige und (Kraft-)ausdrucksvolle Internet-Häme und -Beschimpfung ist. Aber Michael Kraske ist eben auch ein Journalist, der nach Jugend und Abitur und vor allem nach der historischen „Wende“ ganz bewusst in den Ost gegangen ist. Zunächst vielleicht aus einer gesellschaftlichen Neugier und um sich mit den Menschen dort in ihrer völlig neuen Lebenssituation mit all ihren Facetten auseinanderzusetzen. Um über Wissens- und Gefühlsvermittlung selbst zu verstehen, Verständnis zu erzeugen, erste Erfolge und vor allem auch Handlungsbedarf aufzuzeigen. Dass er dabei selbst zum Thema einer ihn porträtierenden oder nachfragenden Berichterstattung werden würde, hat er sich wahrscheinlich in den Zeiten, als er noch für das „Hemberg-Echo“ in die Tasten griff, nicht träumen lassen.

Herr Kraske, in dem Erklär-Text zu Ihrer Medienagentur, deren Mitbegründer Sie – glaube ich – sind . . .

Ich bin schon lange dabei. Mitbegründer bin ich nicht.

Gut, aber heißt es dort über Sie: Seine Geschichten erzählen von Mondsüchtigen, Ausgebrannten, Revolutionären, Profilern, Borderlinern, Escort-Damen, Hassobjekten, Depressiven, Lebensrettern, Flüchtlingen, Flüchtlingshelfern und Sterbebegleitern. Interessiert Sie der „normale“ Mensch eigentlich gar nicht so?

Das ist ja ein wenig wohl unsere Berufskrankheit, dass wir immer das Außergewöhnliche zu viel in den Blick nehmen. Um es mal auf den Osten zu münzen, glaube ich tatsächlich, dass es ein Grundproblem der Berichterstattung gewesen ist, dass die normalen Geschichten zu kurz gekommen sind. Ich habe andersherum über viele, viele Jahre diese Geschichten über normale Menschen aus dem Osten erzählt. Das waren vor zehn oder 15 Jahren auch viele Geschichten von Menschen, die Brüche erfahren hatten, die ganz neu anfangen mussten, die sich berappelt haben, die ihren Job verloren haben und dann zum Beispiel ehrenamtlich straffällige Jugendliche betreut haben. Und daraus resultierte für mich auch ein großer Irrtum. Weil ich das in meiner Nische in den Tageszeitungen erzählt habe, dachte ich, das Thema wäre einigermaßen durch. Dabei sind die Themen flächendeckend und bei den großen Meinungsmachern wie zum Beispiel „Zeit“ oder „Spiegel“ aus dem Blick geraten.

Staunen Sie manchmal über sich selbst, dass Sie in diesen Zeiten den Mut aufbringen, über Themen zu schreiben, die einem deutlich mehr Ärger einbringen können als Theaterkritiken oder selbst Reportagen aus der Unterwelt?

Das werde ich auch von Freunden und Familie immer mal wieder gefragt. Ich glaube, wir – also die Journalisten aber auch nicht nur die Journalisten – müssen dafür sorgen, dass wir so viele bleiben, die kritisch bleiben, die unverstellt und ohne Schere im Kopf berichten. Damit die Angriffsfläche nicht die paar übrig gebliebenen Mutigen sind. Die Lage ist im Moment auch tatsächlich zum ersten Mal so ernst, dass es dieses Bekenntnis und diese klare Haltung auch braucht. Wir konnten es uns lange erlauben, eher unpolitisch zu sein, uns rauszuhalten und Politik andere machen zu lassen, aber jetzt muss jeder an seiner Stelle (s)einen Job tun.

Glauben Sie noch an das Gute oder wenigstens etwas Gutes im Menschen?

Dafür mache ich tatsächlich bei all den kritischen und niederschmetternden Geschichten von Gewaltopfern, von Leuten, die massiven Hass erfahren, die in den Kleinstädten mit dem Rücken zur Wand stehen als Einzelkämpfer, auch die positiven Geschichten. Zum Beispiel von der Flüchtlingshelferin, die sich in Dresden engagiert hat, dort vor der Zeltstadt Anfeindungen erlebt hat und sich zurückversetzt gefühlt hat in die 90er Jahre, wo sie von den Rechten gejagt worden ist. Die Frau durfte ich begleiten zu einer Veranstaltung, wo sich ehrenamtliche Ärzte und Psychologen um traumatisierte Geflüchtete gekümmert haben.

Heißt also, in Dresden in einer Pegida-Hochburg, wo zu dem Zeitpunkt die Stimmung kochte, trafen sich die Vernünftigen und machen eine ganz praktische Arbeit?

Genau. Oder die Frau hat einen Filmabend gemacht mit jungen geflüchteten Männern, die erkennbar nicht feministisch sozialisiert waren. Und denen zeigt sie den Kinofilm „Das Mädchen Wadja“, von dem Mädchen, das in Saudi Arabien Fahrradfahren lernt. Danach waren die Männer natürlich nicht alle westlich bzw. feministisch umgedreht, aber da ist etwas ins Denken gekommen und angestoßen worden. Diese kleinen Dominoeffekte gibt es immer noch, und sie zu erzählen, ist auch wichtig.

Wie definieren Sie aus Ihrer heutigen Sicht das Wort „Hoffnung“?

Hoffnung ist etwas, was wir nicht verlieren sollten, zumal im Osten die ganze Bandbreite vertreten ist: die zerstörten Hoffnungen, die nicht erfüllten Hoffnungen, aber umgekehrt eben auch unglaubliche, ermutigende Lebenswege. Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns von dem lauten Geschrei, von den Fake News, von den Drohungen diese Hoffnung nehmen zu lassen. Da sind diese beiden Modelle, sie sich gegenüberstehen. Das autoritäre „Von-oben-Modell“ und nur die „Wir-Gruppe“ von ethnisch gleichen Menschen auf der einen Seite und auf der andere Seite das Freie, das sich ausprobieren können, frei etwas entwickeln zu können – da ist es doch keine Frage, dass es richtig ist, sich für die freie Gesellschaft einzusetzen.

Kann sich der Bürger, der weite Teile seines Lebens im eher skandalarmen Iserlohn verbracht hat, ein Alltags-Leben im politischen Osten überhaupt vorstellen?

Ich glaube, da gibt es mit Sicherheit noch Nachholbedarf. Das Geschichtenerzählen und das Zuhören sind einfach zu kurz gekommen. Ich staune ja selbst. Ich habe für mein neues Buch eine gute Freundin interviewt, die selbst von Ost nach West gewandert ist. Als ich 1992 rübergegangen bin, kam sie in den Westen ins Rheinland. Das ist heute eine gestandene Frau, sie hat mehrere Kinder, arbeitet in der Suchtberatung, bildet sich fort, hat ihr bescheidenes, aber glückliches Auskommen gefunden. Aber die hat mir auch noch erklärt, wie tief auch ihre Demütigungserfahrungen waren. Du brauchst uns hier nicht mit Deinen Ost-Ansichten- und Erfahrungen kommen, bekam sie zu hören. Oder als Ost-Frau die Kinder in die Kita schicken zu wollen, da kümmern sich Mama und Papa drum. Das hat sie geprägt und das sitzt auch ganz tief. Oder auch die Erkenntnisse über Lohnunterschiede. Aber trotzdem ist sie keine, die da drüber radikal geworden ist. Sie versucht, sich einzumischen. Aber der Westen muss sich auch mehr Mühe geben, Verständnis für diese Nachwendeerfahrungen aufzubringen. Umgekehrt kann der Westen auch so selbstbewusst sein zu sagen: Hey, wir haben hier ein gemeinsames Erfolgsmodell, das bei allen Mängeln funktioniert, und wir können auch ganz viel einbringen, von dem auch der Osten lernen kann.

Ausländerfeindlichen Taten gehen nach Ihrer Ansicht immer Stimmungen voraus. Welche Stimmungen sind das?

Man kann das handfest aufzeigen: Mit Aufkommen der Pegida-Bewegung ist offenem Rassismus der Weg bereitet worden und es ist sehr lange auch verharmlost und viel Verständnis gezeigt worden für diese Seite. Das hat aber leider nicht dazu geführt, dass diese Stimmungen abebben und dass dann irgendwann alles rausgelassen ist, sondern die Radikalisierung ist weitergegangen. Und wenn man sich wissenschaftliche Studien ansieht, dann kann man ja über Jahre sehen, dass der Anteil der Ostdeutschen und auch der Sachsen im Speziellen, die sagen, dass das Land in gefährlichem Maße überfremdet ist, schon seit 20 Jahren einen hohen Sockel hat und der jetzt in Ostdeutschland bei über der Hälfte liegt. Das war aber lange Zeit nicht so spürbar und hat sich auch keine konkrete politische Partei oder Bewegung gesucht. Diese diffusen Stimmungen sind lauter und aggressiver geworden. Rechtsextreme Straftäter nehmen das auch zum Anlass zu sagen: Wir sind diejenigen, die das umsetzen! Das zeigen auch die Statistiken: Die Gewalttaten sind angestiegen. Dieses Klima wieder zu verändern, ist schwierig.

Ist es menschlich nachvollziehbar, dass Ablehnung von Menschen und Ansichten direkt in Hass umschlägt?

Auch da gibt es genug Untersuchungen. Barack Obama hat es ja gesagt: Wir werden nicht als Rassisten geboren. Es passiert durch Sozialisation. Ich glaube schon, dass es Entwicklungen und Prozesse gibt, die zunächst einmal Angst machen können. Viele Ostdeutsche erklären, sie hätten sich jetzt ein bescheidenes Auskommen geschaffen und jetzt kommen die Neuen dazu und das führt zu einer Art Protektionismus in eigener Sache. Aber ich glaube ganz fest daran, dass man gegen diesen grassierenden Rassismus auch viel stärker vorgehen muss. Die Pädagogik zu Toleranz muss viel früher anfangen. Da gibt es gerade in Sachsen großen Nachholbedarf.

Wir erleben in diesen Tagen Gewaltexzesse über den ganzen Erdball. Ist Ausländerfeindlichkeit nicht auch nur ein Vorwand, um genetisch bedingten Hass auf etwas Zufälliges ausleben zu können? Es könnte auch genauso Linkshänder oder Frühaufsteher treffen?

Die Sozialpsychologen erklären den Mechanismus ja tatsächlich so, dass sie sagen, es gibt kaum eine wirkungsvollere Selbstregulation als sich eine Minderheit zu suchen und sich über die Abwertung des anderen selbst aufzuwerten. Für den, der den Hass rauslässt, hat es erst einmal etwas unglaublich Befreiendes und es kann sogar ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Aber der Preis ist natürlich unglaublich hoch. Man darf aber auch nicht vergessen, dass diesen diffusen Stimmungen, die über Jahrzehnte gemessen wurden, jetzt eine politische Partei zur Seite steht, die das massiv anfüttert. Und die Botschaften der AfD gerade in den ostdeutschen Landesverbänden – wenn man Herrn Höcke und Herrn Kalbitz nimmt – sind zutiefst rassistisch. Und finden heute eine Partei, die das zum Programm macht.

Als vermeintlich bürgerlicher Gegenanker?

Genau, wobei, wenn der AfD in Thüringen die Möglichkeit gegeben würde mitzuregieren, damit der demokratische Sündenfall da wäre. Dieses hoffähig Machen der AfD hätte auch für den Westen Konsequenzen.

Rechtsextremismus-Forscher Oliver Decker analysiert, fremdenfeindliche Straftäter handelten in dem Glauben, lediglich den „Volkswillen“ zu exekutieren. Ist das tatsächlich Glaube oder doch Vorwand?

Man muss es vielleicht umdrehen. Ich werde auch des Öfteren gefragt: Würden die nicht sowieso zuschlagen? Ich glaube schon, dass es dieses Klima braucht. Wenn wir uns die Ereignisse von Chemnitz noch einmal vor Augen halten vor einem Jahr beim sogenannten Trauermarsch der AfD: Erschreckend war, wie viele scheinbar ganz normale Bürger sich dem angeschlossen haben. Ich habe natürlich auch die anderen Grüppchen aus dem Hooligan-Milieu gesehen und organisierte Neonazis. Aber es war eben erstaunlich, wie viele Bürger da keine Berührungsängste hatten. Wie organisierte Rechtsextremisten eine Legitimation daraus zu schöpfen, wenn der Eindruck entsteht: Hier kocht die Volksseele! Das hat Chemnitz sehr eindrucksvoll gezeigt. Da sind Migranten, die eine schreckliche Straftat begehen, und es ist möglich, diesen Furor gegen die gesamte Gruppe von Ausländern und Migranten zu richten. Aus dieser Mobilisierung heraus sind Dutzende von Gewalttaten passiert und Vertreter der „Revolution Chemnitz“ wollten sogar daraus den Tag X herbeieskalieren.

Decker nannte Ausländerfeindlichkeit einmal die „Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus. Aber braucht es nicht dennoch eine besondere Veranlagung?

Ich würde es nie mit Veranlagung erklären, sondern immer mit Erfahrung und Sozialisation. Man darf nicht unterschätzen, mit welchem Menschen- und Weltbild man aufgewachsen ist, welche Erfahrungen man tatsächlich im Zusammenleben mit Ausländern gemacht hat. Oder eben auch nicht. Politische Einstellungen werden auch familiär weitergegeben. Wenn das dann politisch ganz massiv angefüttert wird und wenn es in der Sprache Entwicklungen von Verrohung gibt, wenn das nicht mehr geahndet wird und Menschen denken, sie könnten ungeahndet über die Grenze hinwegtreten, wenn man sich Vokabular wie „Entfremdung“, „Volkstod“ oder „der große Austausch“ aneignet, dann werden solche Denkmuster so gesetzt, dass man sie übernimmt und dass sie mehrheitsfähig werden.

Wir kennen den Begriff „Modedroge“. Wenn auch Ausländerfeindlichkeit eine Modedroge wäre, wäre sie am Ende doch auch leichter bekämpf- oder gar therapierbar. Kann man das so sehen oder ist das eher das Heroin unter den Suchtstoffen?

Es gibt in der Tat einige Missverständnisse derzeit. Das eine ist: Es handelt es sich um ein Zeit-Phänomen. Das zweite: Unser System ist so robust, das hält Angriffe in jedem Fall aus. Das dritte ist: Die Demokratie ist auch ein Selbstläufer. Das alles glaube ich nicht. Ich glaube schon, dass es Dominoeffekte gibt. Und die weltweite Sehnsucht nach Autorität verbunden mit ethnischer Homogenität wird von einer wachsenden Minderheit zunehmend wieder als Erfolgsmodell angesehen. Das macht es dem Demokratie-Verdrossenen leichter, sich dem anzuschließen. Die schlechte Nachricht ist meiner Meinung nach, dass es nicht den schnellen Weg dagegen gibt, dass auch Abwarten und Ruhebewahren der falsche Weg ist, sondern dass es nur über ein Gesamtpaket geht, das man schnüren muss mit politischer Bildung in den Schulen, mit gesellschaftlicher Solidarisierung mit den Opfern und dem Ansatz von Repression gegen Gewalt.

Welche Rollen spielen Elternhaus, Schulen und Arbeitsplätze?

Die ganz entscheidende. Dass die Elternhäuser prägend sind, ist ein wichtiger Faktor. Das was man über die DDR weiß, klafft zwischen anekdotischem Erzählen und dem, was man über die Diktatur weiß, extrem auseinander. Und das ist in den Schulen über Jahre auch nicht zusammengeführt worden. Auch weil eine ganze Lehrergeneration ja DDR-sozialisiert wurde. Dieses heiße Eisen wollte man gar nicht anfassen, die DDR in den Schulen zum Thema zu machen. Zweitens gibt es große Übereinstimmungen zwischen der rechtsextremen Einstellung der Eltern und der Kinder. Das ist keine Protest- oder Absetzbewegung wie bei den 68ern. Schule kann politische Bildung nicht allein leisten. Aber es gibt viele erprobte und validierte Jugend-Projekte, die das unterstützen.

Aggressionen richten sich demnach nicht gegen das System, weil dieses immerhin wirtschaftliche Stabilität produziert, sondern gegen Zugezogene und Flüchtlinge. Migranten werden allein daran gemessen, ob sie Deutschland einen monetären Nutzen bringen. Kann daraus tatsächlich so ein ins Kriminelle abgleitender Hass entstehen?

Das ist ja das klassische Sündenbock-Motiv. Und das ist auch für viele Übergriffe der letzten Jahre ein gutes Erklärungsmodell. Es sind Stellvertreter-Diskussionen geführt und Probleme nicht richtig adressiert worden. Renten- oder Lohnprobleme müssen also als solche gelöst werden und nicht auf jemanden abgeschoben werden.

Reden wir über Politik und Polizei? Wo muss das größere Umdenken stattfinden? Muss Politik den wirkungsvollen Handlungsrahmen für die Polizei erst noch schaffen, oder müssten unsere Gesetze nur umgesetzt werden?

Ich bin davon überzeugt, dass wir ein Vollzugsdefizit haben. Mir berichten Berater von Opfern rechter Gewalt, dass zum Beispiel bei Opfern von rassischer Gewalt in Thüringen sich Polizeibeamte in ländlichen Regionen weigern, überhaupt eine Anzeige aufzunehmen. Da führt offenbar häufig kein Weg zu vernünftiger Strafverfolgung. Ein erster Schritt wäre, dass die Politik zunächst einmal versucht, demokratiefeindliche Tendenzen in den Sicherheitsbehörden wissenschaftlich zu ermitteln. Es gibt ein Problem in den Sicherheitsbehörden und dass muss man sich ansehen. Und das sind durchaus keine Einzelfälle. Das ist auch kein Generalverdacht gegen die vielen korrekten Beamten. Demokratie heißt aber schließlich auch, wehrhaft zu sein auch nach innen.

Ist der Staat an sich im Umgang mit Rechts- und Linksaußen zu milde?

Zunächst einmal muss man die Größenordnungen richtig benennen. Ich halte es in einer Zeit, in der die eindeutige Bedrohung für die Demokratie von rechts kommt, zunächst für falsch, rechts und links ständig gleichzusetzen. Es war in Sachsen über Jahre ganz üblich, von Extremismus von links und von rechts zu sprechen. Ja, es gibt Straftaten von links, sie aber machen weniger als ein Drittel aus. Also muss ich das auch entsprechend behandeln. Der wirkliche Weckruf hätte nach dem NSU erfolgen müssen. Das wurde ja von der Kanzlerin auch versprochen: Wir haben verstanden! Wir ändern alles! Aber es hat nichts verändert, es ist business as usual geblieben. Man kann nur hoffen, dass mit dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag in Halle jetzt endlich ein Umdenken stattfindet.

Teilen Sie meine Erschütterung über das jüngste Künast-Urteil, über die Tatsache, dass sich eine Politikerin im Netz übelst beschimpfen lassen muss? Wird da Verantwortung für den Menschen nicht auf dem Altar einer vermeintlichen oder falsch verstandenen Liberalität geopfert?

Vollkommen! Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, habe auch mit Juristen darüber gesprochen, die das ebenfalls nicht nachvollziehen können, die sicher sind, dass das Urteil nicht halten wird. Es ist eine nachvollziehbare Kette, dass aus Hassworten Hasstaten folgen. Und gegen diese Tabubrüche und Grenzverletzungen, die wir zugelassen haben, muss verstärkt gegengehalten werden. Das ist natürlich schwierig, weil die reine Masse und Flut von Hassbotschaften und Bedrohungen das System überfordert. Dafür braucht es mehr Personal, aber es muss auch konsequenter verfolgt werden. Das sind eben keine Kavaliersdelikte und nur, weil es digital im Netz passiert, ist es nicht weniger dramatisch. Auch dem Mord an Herrn Lübcke ist genau so etwas vorausgegangen. Er wurde im Internet für seine Aussagen an den Pranger gestellt und diese Hetze ist tatsächlich auch aus dem mutmaßlichen Täterumfeld wahrgenommen worden. Und dann fühlt sich eben einer berufen zu handeln.

Der Mut, den Sie heute in Ihrem Journalistenleben an den Tag legen und legen müssen – ist Ihnen der in Leipzig gewachsen oder haben Sie ihn aus Ihrer Heimat Iserlohn mitgebracht?

In meinem neuen Buch findet der Leser durchaus Hinweise, was in Iserlohn gewachsen ist und mir fallen da auch Hinwiese ein, wo das offene Wort und in Teilen manchmal auch das unverschämte möglich waren und auch trainiert werden konnten. Es gibt die Szene, wie mein damaliger Pastor Walther mit mir einen Protestsong einstudiert hat und ich mich im Poncho vor die Gemeinde stelle. Das fanden sicherlich viele der damaligen Katholiken dort befremdlich und ich wundere mich heute auch über diesen Aufritt, aber es war ein Statement und die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Ich habe danach eine Abitur-Rede gehalten, in der ich das Fehlen von Freigeist am MGI angeprangert habe und es mit dem erzkonservativen Internat aus dem „Club der toten Dichter“ verglichen habe. Das war ein bisschen Rebellion und mir ist heute auch klar, wie groß meine Freiheit war, mich einzumischen.

Können Sie sich vorstellen, auch noch einmal ein einfaches und befriedigendes Leben in einer funktionierenden, friedvollen Gesellschaft zu führen?

Für mich funktioniert ja ganz viel. Meine Freundschaften, mein Umfeld, ich erlebe ganz große kreative Momente mit Einheimischen und Zugezogenen.

Wäre Ihr Leben ohne Sorgen und Ängste reicher?

Ich würde mir im Moment gern weniger Sorgen machen müssen. Aber ich glaube auch, dass Demokratie ohnehin nie wirklich fertig ist. Sie bleibt Baustelle und es geht immer nur darum, etwas weniger Baustelle zu schaffen und dafür mehr tragfähiges Fundament. Aber etwas weniger anstrengend könnte es schon sein.

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