Kantorei

Mit 66 ist mit Singen nicht Schluss

Zum 66. Geburtstag kamen einige prominente Gäste. Hier bringt Elvis ein Ständchen.

Zum 66. Geburtstag kamen einige prominente Gäste. Hier bringt Elvis ein Ständchen.

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.  Die evangelische Kantorei blickt in einer bunten Revue auf ihre Geschichte zurück.

Es war 1964, die Kantorei war gerade zehn Jahre alt und Heinrich Lübke frisch als Bundespräsident wiedergewählt, als die Sängerinnen und Sänger kurz entschlossen ins sauerländische Enkhausen fuhren, um das Staatsoberhaupt mit Musik zu erfreuen. Der Hausherr war tatsächlich da und so erfreut von dem kleinen Privatkonzert, dass er 500 Mark in die Kantorei-Kasse spendete.

Eine herrliche, fast schon legendäre Anekdote und vor allem wie gemacht, für die bunte Revue, mit der die Kantorei am Donnerstag im Varnhagenhaus auf 66 Jahre bewegte Jahre seit der Gründung im Jahr 1954 zurückblickte. Denn da ging es genau darum: Die verschiedenen Kantorei-Etappen mit dem Zeitgeist der vergangenen Jahrzehnte zu verquicken und zeigen, dass es in der Kantorei nicht nur um anspruchsvolle Sakralwerke, sondern auch um Geselligkeit, um Spaß und einfach um Freude an der Musik ging, geht und auch zukünftig gehen wird – frei nach Udo Jürgens: „Mit 66 ist mit Singen nicht Schluss“

Bildlich, klanglich und emotional zu den Anfängen

Und dazu hatten sich die Sängerinnen und Sänger der Kantorei als auch des Chores „Riseup“, der in diesem Jahr zehn wird, unter der Leitung von Kantor Hanns-Peter Springer Einiges einfallen lassen und auch ordentlich aufgefahren. Bilderbögen und Filmeinspieler auf der Leinwand, Sketche auf und vor der Bühne, prominenter Besuch von Elvis und Heino und viele instrumentale Einwürfe von Ute Springer (Klavier) und Lia Springer (Schlagzeug): Der Chor zog alle Register, um das Publikum im sehr gut gefüllten Saal bildlich, klanglich und emotional in die Anfänge der Kantorei und vergangene Zeiten zu versetzen. Unterstützt wurden sie dabei von Jugendlichen aus den Familien Springer und Schöttler (Clara, Lia, Ruben und Bastian), die alte TV-Werbungen vom Dr.-Oetker-Pudding bis zum Drei-Wetter-Taft ausgegraben und teils als Film teils live auf der Bühne nachspielten. Nichts weckt mehr Erinnerungen als diese alten Spots – einfach zum Schießen.

Ruben Schöttler war es auch, der die Chöre als Elvis Presley besuchte. Und Kantorei-Sänger Holger Otto führte nicht nur als eloquenter Moderator durch die Revue und zettelte eine kleine Hula-Hoop-Einlage mit dem Publikum an, sondern hatte auch einige gesangliche Solo-Auftritte, unter anderem bei Heinos „Komm in meinen Wigwam“.

Rasante Entwicklung der evangelischen Kantorei

Eine Sonderrolle hatte auch Christof Wiedermann, der bei all den weltpolitischen Ereignissen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die da die Geschichte der Kantorei flankierten, immer wieder Meilensteine der Iserlohner Stadtgeschichte einwarf, um auch von dieser Seite eine zeitliche Einordnung vorzunehmen.

Interessant war aber tatsächlich die Entwicklung des Chores selbst und welche Dynamik sie mit den Jahren annahm. Die Anfänge ab 1954 unter Gerhard Emde, die ersten großen Werke von Bach in dem kurzen Intermezzo von Franz Krampen 1959 bis 1971, dann die enorme künstlerische Entwicklung in den 30 Jahren unter Gotthard Gerber, der nicht nur die große musikalische Tradition der Kirchenmusik pflegte, sondern auch die Neue Musik und Welturaufführungen nach Iserlohn holte. Und schließlich ab 2001 das Wirken von Ute und Hanns-Peter Springer, die sich wieder ganz neuen Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch stellen mussten und müssen: Gründung der Kinderkantorei (2002), Gründung der Seniorenkantorei (2008), ersten ökumenisches Jahresprogramm (2009), Gründung „RiseUp!“ (2010), Gründung Kantorei-Stiftung (2011), zahllose Kooperationen und große Crossover-Projekte zuletzt beim Kirchentag 2019 in Dortmund – es ging Schlag auf Schlag und wird vermutlich auch so bleiben. Gotthard Gerber war übrigens am Donnerstag anwesend und durfte sich für sein langes und nachhaltiges Wirken in Iserlohn genau so bejubeln lassen wie das Ehepaar Springer.

Starke Kontraste in der Musikauswahl

Letztendlich ging es bei der Revue aber auch darum, die Musik aus 66 Jahren wieder lebendig werden zu lassen. Und hatte der vor allem starke Kontraste Abend bereit. Denn zwischen kleinen Einwürfen von den Stones bis Nena gab es da großartige Choräle von Bach oder Mausberger, die ebenso berührend und hörenswert waren wie die gefühlvollen Pop-Balladen von „RiseUp!“, etwa „Für alle“ von „Wind“. Angst vor Berührung, vor zu hohen Hürden oder den Abgründen des Schlagers gab es da nicht, es ging kunterbunt zu, alles hatte den stimmungsvollen Charakter einer richtigen Geburtstagsparty und zwischendurch trafen sich beide Chöre immer wieder zu klangvollen gemeinsamen Stücken. Nur gut, dass sich auch beide Chöre bei Udo Jürgens` großem Hit einig sind: „Mit 66 ist mit Singen nicht Schluss“.

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