Menschen

Mit ihrem ganzen Sein autistisch

In ein kleines Notizbuch schreibt Stephanie Meer-Walter immer, wenn ihr ein Gedanke kommt oder ihr etwas in ihrer Umgebung auffällt – Material für ihr neues Buch, eine „Bedienungsanleitung“ für Asperger-Autisten.

In ein kleines Notizbuch schreibt Stephanie Meer-Walter immer, wenn ihr ein Gedanke kommt oder ihr etwas in ihrer Umgebung auffällt – Material für ihr neues Buch, eine „Bedienungsanleitung“ für Asperger-Autisten.

Foto: Vanessa Wittenburg

Iserlohn.  Stephanie Meer-Walter erhielt mit 47 Jahren die Diagnose Asperger-Autismus. Über ihren Weg zur Diagnose hat sie jetzt ein Buch veröffentlicht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Wenn Frau mit 47 Jahren erfährt, Asperger-Autistin zu sein und ein Jahr später mit der Diagnose in die Öffentlichkeit geht – ist das mutig? Oder eher letzte Verzweiflung?“, fragt sich Stephanie Meer-Walter auf ihrem Blog „Mit meinem ganzen Sein autistisch“. Tief in sich drin hatte sie immer geahnt, dass sie „anders“ ist, ihr der soziale Autopilot fehlt. Jetzt setzt sie sich intensiv mit der Diagnose Asperger-Autismus auseinander und nimmt Andere mit auf ihre Reise. „Ich möchte sensibilisieren, was genau das heißt und aufklären. Denn das Bild, das in den Medien von einem Autisten vermittelt wird, ist doch oft sehr einseitig.“

Jetzt hat sie ein Buch veröffentlicht, das sie auf ihrem Weg zu dieser Diagnose geschrieben hat. Auf der Suche nach ihrem Selbst versucht sie, sich mit Fotos und Texten ihrem innersten Ich anzunähern. Viele Texte sind vor ihrer Diagnose entstanden, in anderen versucht sie der klinischen Beschreibung des Asperger-Autismus ein Gesicht zu geben, Gemeinsamkeiten in sich zu finden – retrospektiv.

Soziale Kontakte sorgen für eine innerliche Zerreißprobe

„Die Beschreibung ist sehr abstrakt. Dabei steht vor allem zentral, dass man zu viele Gefühle wahrnimmt und damit nicht umgehen kann“, erklärt Meer-Walter. Die sozialen Kontakte, das Zusammensein in Gruppen mit anderen – es soll eigentlich Kraft geben, ist aber eine innerliche Zerreißprobe. „Ich überlege permanent, ob und was ich sage. Analysiere die Interaktionen mit anderen Menschen. Ich würde mir wünschen, dass ich daraus Energie tanken könnte.“

Wenn man ihren Lebenslauf liest, weckt das nicht den Eindruck, dass sie wenig Erfolg in ihrem Leben hatte: nach ihrem Abitur 1990 studiert sie Französisch und Geschichte auf Lehramt, tritt 2002 in den Schuldienst des Landes NRW ein. Von 2010 bis 2019 ist sie in Schulleitungen tätig, zuletzt als stellvertretende Schulleiterin an der Gesamtschule Seilersee. „In erster Linie stellt er ein angepasstes Leben dar, angepasst an familiäre und gesellschaftliche Anforderungen“, bewertet sie heute ihren Werdegang. Auch wenn sie im Unterrichten und der Didaktik ihre Leidenschaft gefunden hat, so ist der Schulalltag doch wenig mit ihren Bedürfnissen kombinierbar.

Die ständigen sozialen Kontakte, die Lautstärke, der Trubel – all das habe bei ihr unter anderem zu chronischer Migräne und schweren Depressionen geführt. Nur so wird schlussendlich, mit Mitte 40 überhaupt erst das Asperger-Syndrom entdeckt. „Endlich wusste ich, wieso ich mich so anders fühle, warum ich oft Freiräume brauche und meine Bedürfnisse sich so oft von denen Anderer unterscheiden.“ Deshalb ist die Endvierzigerin jetzt in den Ruhestand eingetreten und widmet sich in der neugewonnen freien Zeit dem Schreiben eines neuen Buches.

Die Reaktionen auf ihr „Outing“ waren durchweg positiv

Die Reaktionen, als Stefanie Meer-Walter ihrem Umfeld berichtete, Asperger-Autistin zu sein, waren zum Großteil positiv. „Die meisten waren sehr offen, viele waren auch dankbar, für sie hat sich endlich alles zusammengefügt. Jetzt verstehen wir endlich, wieso du so bist wie du bist, habe ich oft gehört“, beschreibt sie. Negative Kommentare habe es aber nicht gegeben, denn die, die vorher schon skeptisch waren oder nicht mit ihrer Art umgehen konnten, haben gar nicht erst von dieser Diagnose erfahren. „Danach ist auch niemand anders mit mir umgegangen, vor allem weil sie ja jetzt endlich verstanden haben, was da mit mir los ist.“ Nur bei Teilen der älteren Generation, unter anderem auch ihren Eltern, sei die Akzeptanz schwierig. „Die kennen Autismus gar nicht, sowas gab es damals einfach noch nicht. Der Umgang mit dem Thema der psychischen Erkrankungen ist heute ganz anders. Die Generation ist gut in der Verdrängung“, erzählt Meer-Walter und hat augenscheinlich akzeptiert, dass ihre Eltern ihr Anderssein nicht gut verstehen können.

Vor allem für die Schüler sei die Diagnose allerdings das Selbstverständlichste gewesen. „Gerade meine autistischen Schüler waren sehr dankbar, denn die hatten endlich eine Identifikationsfigur. Die konnten plötzlich sehen, was trotz oder gerade wegen dieses Syndroms möglich ist.“ Es ginge grundsätzlich viel Potenzial verloren, da die Gesellschaft gewisse Normen an Verhalten und Lebensläufen erwarte. Und da passen vor allem Autisten oft nicht rein. „Vor allem Kinder und Jugendliche müssen um Anerkennung und Akzeptanz ihrer Besonderheiten kämpfen. Und wenn sie volljährig sind, verschwindet der Autismus ja nicht einfach so“, erklärt Meer-Walter die Schwierigkeiten, mit denen junge Autisten häufig in ihrem Leben konfrontiert sind. Deshalb will sie als eines ihrer nächsten Projekte einen Ratgeber verfassen, der vor allem eine Handreichung für den Umgang in Schulen sein soll, auch alternative Verhaltensweisen zu akzeptieren und nicht alles zwanghaft in gesellschaftliche Normen zu pressen.

Um sich gegenseitig zu unterstützen, auszutauschen und vor allem für die Bedürfnisse und Rechte autistischer Kinder zu kämpfen, will Stephanie Meer-Walter jetzt eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen. „Ich richte mich dabei sowohl an Eltern autistischer Kinder, als auch an erwachsene Autisten. Ich möchte meine Erfahrungen, auch aus meiner 20-Jährigen Lehrertätigkeit, teilen und ich denke, wenn wir die unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenlegen, können wir viel erreichen!“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben