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„Mit Latein verschwenden Schüler nur Zeit“

Trotz frühzeitigem Schul-Abflug - Investor Frank Thelen

Foto: MG RTL D/Bernd-Michael Maurer

Trotz frühzeitigem Schul-Abflug - Investor Frank Thelen Foto: MG RTL D/Bernd-Michael Maurer

Iserlohn/Bonn.   Investor und Start-up-Fan Frank Thelen fordert Reformen der schulischen Bildung. Zum Wohle von Schülern und Wirtschaft

Für einen kurzen Moment muss man sich an das vertraute „Du“ erst einmal gewöhnen. Aber in der Szene der Menschen, die mit ihren Ideen, Plänen und Aktionen ganz weit vorne sind, ist das so üblich. Also ist Frank Thelen (41), Idol einer ganzen Gründerszene, viel beachteter Visionär, Aszendent: Realist, kerniger, gelegentlicher Daumenheber – und vor allem aber häufiger -senker in der „Höhle der Löwen“ (VOX, wieder ab 5. September, 20.15 Uhr) beim Gespräch heute einfach „der Frank“, der von „dem Thomas“ befragt wird. Unser Thema zum Schulstart: Wie und was sollten nach seiner Meinung die Kinder heute in unseren Schulen lernen, um sich selbst und dieses Land in erfolgreiche Positionen zu bringen? Frank Thelen lässt dabei keinen Zweifel daran, dass er mit seinen Überlegungen und Forderungen den Erfolg des Einzelnen ebenso anstrebt wie den Erfolg von Deutschland. Sein Credo: Lasst uns für dieses Land kämpfen!

Frank, hast Du von Deinen Eltern auch den Satz gehört: Du lernst nicht für uns, Du lernst für Dein Leben?

Nee, den habe ich nicht gehört. Für meine Eltern war es das Wichtigste, dass ich einfach glücklich und zufrieden aufwachsen konnte.

Würdest Du das heute, vor allem mit dem Wissen von heute, dennoch so unterschreiben?

Natürlich ist der Satz völlig korrekt, denn für die Eltern sollte man nicht lernen, sondern für das Leben. Aber die Frage ist ja, was man denn fürs Leben lernen sollte. Ist der Inhalt, den wir heute in den Schulen lernen, der richtige oder ist es der falsche Inhalt?

Du sagst: Wir ziehen der derzeit eine Generation digitaler Analphabeten groß? Bezieht sich das abseits der Daddel-Virtuosen insbesondere auf sinnhafte Anwendungen?

Das bezieht sich natürlich in der Tat in erster Linie auf die sinnvollen Sachen, aber ehrlich gesagt auch auf die Spiele -- und auf die Welt der Social Media. Es gibt ja in der Schule zum Beispiel den Bereich „Drogen-Kunde“. Die Schüler bekommen Informationen, was sie damit nicht machen sollten, wie man damit umgeht. Also muss man den Schülern genauso auch beibringen: Was sind Computerspiele? Wen, wie und wann machen sich süchtig? Was ist Social Media, welche Gefahren hat das. Das sind aber natürlich nicht die großen Inhaltsbausteine. Die längeren sind: Wie funktioniert ein Computer? Wie programmiert man einen Computer? Was ist künstliche Intelligenz? Informatik also so ernst nehmen wie Mathematik oder Chemie. Und bitte kein Latein mehr, weil die Schüler damit Zeit verschwenden und andere sehr wichtige Dinge wie Informatik und Wirtschaft in der Schule heute de facto nicht vorkommen. Das ist schon richtig böse und katastrophal.

In Deutschland und somit auch in NRW fehlen Tausende von Lehrern? Sind Maschinen und somit auch künstliche Intelligenz als Lehrer für Dich vorstellbar?

Absolut. Es muss natürlich eine Mischung sein. Wir sind Menschen – und Menschen müssen auch den Unterricht machen, aber sie können unterstützt werden. Man bietet Nachmittagskurse an, wo das Kind durch moderne Software an die Hand genommen wird, um zum Beispiel Programmieren zu lernen. Oder andere Themen wie den „Körper“. Da müsste der Lehrer nur noch unterstützend dabei sein, wenn bestimmte Dinge nicht funktionieren oder einzelne Kinder Motivationsprobleme haben. Die künstliche Intelligenz, wie wir sie heute in unserem Auto oder in den Banken kennen, nicht in der Bildung einzusetzen, wo sie ja auch noch einmal einen viel höheren Hebel hat, als in anderen Industrien, um die Zukunft zu gestalten – das ist grob fahrlässig und dumm.

Und wie steht es mit Lern-Software?

Bei Lern-Software sind wir ja schon ziemlich weit, wenn sich zum Beispiel „swift playground“ von Apple zum Programmieren anschaut. Wir haben hervorragend interagierende Software, um den menschlichen Körper zu verstehen, man kann sogar von den besten Schauspielern online lernen, wie man schauspielert. Die Sachen gibt es, und sie werden von innovativen start-ups nach vorne gebracht. Das Problem ist, dass sie heute in den deutschen Schulen keine Anwendung finden.

Es fehlt auch das Geld für eine umfassende technische Ausrüstung. Nun geistert „Bring your own device“ durch die Köpfe. Also das Mitbringen des eigenen technischen Equipments. Ist das nicht Augenwischerei und dient letztendlich nur der Haushaltsentlastung der öffentlichen Hand?

Ja! Ich glaube, „Bring your own device“ ist auch in Unternehmen schwierig, weil man dann einfach eine fragmentierte Landschaft vorfindet. Der eine bringt sein veraltetes Android-Telefon mit, der andere bringt das neueste i-Pad-Pro mit. Wie sollen dann total unterschiedliche Hard- und Software zu einem einheitlichen Unterricht führen. Davon bin ich kein Freund. Ich glaube, man muss sich dann wirklich für zumindest eine Klasse auf eine gemeinsame Hardware- und Software-Plattform verständigen.

Was hältst Du denn von einer staatlichen Bildungs-Cloud, das heißt: Man greift auf multimediale Unterrichtsinhalte, auf Lern- und Übungsprogramme, Stundenplansoftware und Ähnliches mehr zu. Keiner muss mehr Schulbücher herumschleppen.

Auch das ist im Ansatz genau richtig. Wir dürfen einfach keine Schulbücher mehr haben. Schulbücher sind aus ganz vielen Gründen das falsche Modul. Wir müssen das Lesen und Verarbeiten auf das Pad verlagern, das es heute schon sehr, sehr hoch auflösend und augenschonend gibt. Ob das öffentliche Angebot da das richtige ist, weiß ich nicht. Ich glaube eher, dass es sinnvoll ist, Ausschreibungen zu machen, damit es eine freie Marktwirtschaft für diese Bildungs-Cloud gibt und man jeweils den besten Anwender nimmt. Ich bin einfach kein Freund davon, dass staatliche Behörden Paketen versenden oder Telekommunikation betreiben. Das gehört in die Wirtschaft und muss von der Politik kontrolliert werden, wer den Zuschlag bekommt.

Es gibt Stimmen, die sagen: Das Leben und die moderne Arbeitswelt bestehen heute aus Projekten, nicht aus Ja-Nein-Antworten. Unterrichten wir heute mit unserem Abfragen von Wissen eigentlich völlig falsch?

Völlig falsch. Der Frontal-Unterricht in den Schulen, wo die Kinder nicht lernen, frei zu sprechen, frei und kreativ zu denken, ist falsch. Wir sagen immer noch: Lern deine Vokabeln, mach dein Buch auf Seite 7 auf! Es gibt natürlich auch heute hervorragende Lehrer, aber es gibt eben auch demotivierte Lehrer, die den Kindern das erzählen, was sie ihnen seit dreißig Jahren erzählen. Und die die Kinder nur berieseln. Das hat übrigens auch meine Kindheit und meine Ausbildung negativ beeinflusst. Ich bin mit Sicherheit nicht der Klügste, aber ich bin auch nicht der Dümmste. Bin aber von der Schule geflogen, weil einfach dieses Konzept, also morgens um acht ein Buch aufzuschlagen, nichts zu machen und immer nur zuhören zu müssen - dafür waren mein Gehirn und ich nicht gemacht. Deshalb bin ich in der Schule gescheitert, kann aber trotzdem sagen, dass ich das eine oder andere ganz okay hinbekommen habe. Ich komme klar im Leben. In der Schule kam ich eben nicht klar.

Schule kann und soll ja nicht nur Gründer produzieren. Auch das Angestellten- und Arbeiterverhältnis der Zukunft will – zunächst einmal noch – gepflegt sein. Wie soll das gehen?

Auch die Unternehmen ändern sich. Die Unternehmen wollen keine Leute, die nur noch ein 100-Seiten-Prozessbuch dumm abarbeiten. Auch die großen Unternehmen, wie die Telekom oder die Deutsche Bank, die Lufthansa – sie brauchen Leute, die anders, die kreativ denken, die verstehen, wie Computer funktionieren, die verstehen, wie sie auch mal einer kleineren Gruppe von vielleicht zehn Leuten einen Vortrag halten, die verstehen, wie sie Impulse setzen. Die Firmen suchen Macher, nicht die Wiederholungs-Menschen. Aber auch der Mittelstand oder die heutigen start-ups in zehn Jahren werden immer bedeutendere Arbeitgeber. Auch die brauchen die Menschen, die gelernt haben, selbstständig zu arbeiten, Widerworte zu geben.

Ich habe den Satz gelesen, bei Bildung interessiert „nicht mehr die Welt von gestern, sondern nur noch die Welt von morgen“. Würdest Du das so unterschreiben?

Nein? Bildung ist auch Geschichte, und es wichtig zu verstehen: wo kommen wir her? Um zu wissen: wo gehen wir hin? Die Gründe für das Entstehen eines Weltkriegs oder für das Erfinden eines Computers zu erkennen oder warum man einen Softwarefehler „bug“, also Käfer, nennt – das führt zu einem stabilen Fundament der Allgemeinbildung und ist damit ein sehr wertvoller Baustein. In einem kompletten Fach eine Sprache wie Latein zu lernen, das ist Zeitverschwendung.

Pädagogen halten inzwischen so gegen zu viel Technik: Technologiebedingtes Multitasking im Klassenraum habe negative Wirkungen auf die schulische Leistung. Die Forschung zeigten, dass exzessives Multitasking beim Lernen die Zeit verlängert, die man zur Bewältigung des Stoffes braucht, und auch den Stress erhöht, den der Lernende verspürt. Überfordert man Kinder und Jugendliche nicht einfach, wenn man sie nur auf die technische und wirtschaftliche Zukunft trimmt?

Ich rede ja nicht nur von der wirtschaftlichen und technischen Zukunft. Natürlich kommt man nicht umhin zu sagen: Du sitzt jetzt mal eine Stunde hier und hörst mir zu, was ich Dir erklären will. Aber dann muss eben auch wieder der kreative Mitdenk- und Mitmachteil kommen.

Du sagst: Jeder Hartz-4-Empfänger hat heute schon theoretisch Zugriff auf unendliches Wissen: Müssen wir erst einmal die Bereitschaft zum Lernen lernen? Oder erst einmal wecken?

Das ist in der Tat das Wichtigste, das wir heute vermitteln müssen, die „Sehnsucht nach dem Mehr“. Also „Wie bekomme ich Wissen?“ Und dann „Wie filtere ich Wissen?“ Wie kann ich als Mensch damit umgehen, dass ich in jeder Sekunde jede Information dieser Welt abrufen kann. Wie werde ich ein Mensch, der frei denkt, der nicht nur noch an Facebook hängt oder an anderen Dingen, der ein lebenswertes Individuum ist, der aber auch alle Möglichkeiten nutzt. Das ist sehr, sehr schwierig. Aber das muss auch Teil des Unterrichts sein. Die Medienkompetenz, die es mir ermöglicht, die Balance zu halten. Und mir eines Tages die Beantwortung der Frage zu ermöglicht: Wie bin ich eigentlich ein glücklicher Mensch? Ein hoher Anspruch, den wie heute in der Schule gar nicht erfüllen, den ich aber wenigstens ein bisschen erfüllt sehen möchte.

Stichwort „Migration“ oder positiver ausgedrückt „Internationalisierung“: Liegt darin für die deutsche Weiterentwicklung eher Chance oder Hemmnis?

Beides. Ich glaube, es ist eine Chance, weil wir von anderen Kulturen lernen können und dieses Wissen integrieren können. Das ist wichtig, weil wir uns weiterentwickeln müssen, weil wir sonst als Deutschland sterben. Auf der anderen Seite – werden es aber zu viele Menschen auf einmal mit einem zu unterschiedlichen Bildungsniveau, die nicht unsere Sprache sprechen, dann wird es gerade für unterfinanzierte Schulen schwierig, die Menschen so zu integrieren, dass sie wachsen können und die Wissbegierigen auch noch genug Geschwindigkeit und Herausforderung vorfinden. Das ist allerdings eine unfassbar große Aufgabe, für die ich auch noch kein Konzept habe.

Alle Welt redet von Entschleunigung, Sie sagen, wir müssen viel, viel schneller werden. Schneller sein, offen sein. Wer hat Recht?

Beide. Wir müssen viel schneller werden bei der Aufnahme, was da auf uns zukommen wird. Müssen schneller und effektiver lernen, schneller und effektiver arbeiten. Wir müssen entschleunigen, wenn wir dann Freizeit haben. Müssen lernen abzuschalten, wieder Sport zu machen. Das ist ein Ying und Yang. Sonst werden wir einfach von den USA oder von China überrollt, weil wir nicht das Innovationstempo haben, das wir benötigen.

Letzte Frage an den Digital-Freak: Mit welchen smarten Anwendungen bekämpft man eigentlich Hassrede und Populismus?

Am Ende betrifft das ja die großen Social Media-Kanäle, die leider allesamt auch nicht aus Deutschland kommen. Da kann ich einfach nur sagen: Reagiert besonnen auf Hass, reagiert nicht mit Gegen-Hass, aber blendet es auch nicht aus. Sagt nicht: Dem folge ich jetzt nicht mehr! Bringt Euch ein, sagt: Hey, das finde ich nicht gut, dass du das schreibst! Hier sind meine drei Argumente. Öffnet den Dialog, nutzt die sozialen Medien um Eure Meinung kundzutun. Jeder ist Teil der Gesellschaft, jeder soll seine Meinung sagen.

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