Austausch

Mutluluk means Happiness

„JazZination“ kurz vor ihrem letzten Auftritt in einem Raum des Theaters Tekirdak mit Fensterfront zum Meer.

„JazZination“ kurz vor ihrem letzten Auftritt in einem Raum des Theaters Tekirdak mit Fensterfront zum Meer.

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn/Istanbul.   Ein Blick hinter die augenscheinlichen Unterschiede – das hat bei der Istanbulreise bestens funktioniert

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Unterschiede gibt es reichlich. Sie sind ja auch augenfällig genug und fallen jedem sofort auf. Das fängt beim Großen an: Moschee statt Kirche, ein Straßenverkehr, der jeder Beschreibung spottet, und ein Kommunalwahlkampf, der alles, was wir aus Iserlohn gewohnt sind, sehr bescheiden aber auch sehr fair erscheinen lässt: Kaum ein Hochhaus, von dem einem nicht ein überdimensionaler Erdogan-Riese entgegenblickt – man fragt sich, wer das finanziert hat.

Und es endet natürlich in Kleinigkeiten. Es gibt zum Beispiel kaum Hunde in Istanbul. Außer den Straßenhunden, die in der Sonne am Wegesrand ein Nickerchen halten, ist kaum ein Vierbeiner zu sehen, schon gar nicht an der Leine. Die Stadt gehört den Katzen. Und den Kindern, von denen es auch viel mehr gibt als bei uns. Die haben allerdings kaum Parks und Grünflächen, um mal in Ruhe im Kinderwagen eine Runde zu drehen. Überhaupt hat man das Gefühl, dass es allein im Buchenwäldchen mehr Bäume gibt als in ganz Istanbul. Und so weiter und sofort: Essen, Kleidung, Muezzin – die Liste der Unterschiede ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist halt eine andere Mentalität, eine andere Kultur.

Das Austauschprojekt „Jazz meets Anatolia“, das die Big Band der Gesamtschule Iserlohn „JazZination“ für eine Woche nach Istanbul geführt hat, zielt zunächst einmal genau darauf ab. Okzident trifft Orient. Weiter entfernt könnten die beiden gewählten Pole tatsächlich kaum sein. Hier amerikanischer Big-Band-Jazz dort anatolische Folklore mit traditionellem Tanz und Trachten.

Dass beides am Ende auf der Bühne zusammen passt und sich beide Klangwelten durchaus ergänzen und ineinander verwoben werden können, das haben beide Seiten nach gemeinsamen Proben sehr eindrucksvoll bei insgesamt drei Konzerten gezeigt – unter anderem auch im deutschen Generalkonsulat in Istanbul als eine der hochoffiziellsten Repräsentationsauftritte, die eine Iserlohner Gruppe bisher wohl abgeliefert hat.

Ganz normale Jugendliche mit den selben Interessen

Das Projekt, das im Oktober mit dem Besuch der türkischen Jugendlichen in Iserlohn fortgesetzt wird, ist aber auch und vor allem darauf angelegt, tiefer zu gehen und hinter die augenfälligen Unterschiede zu blicken. Und genau das ist wohl das allerwichtigste Ergebnis dieses ersten Besuchs. Denn die Iserlohner Jugendlichen, die natürlich auch mit ihren eigenen, von Erdogan, Pressezensur und Drohgebärden geprägten Türkei-Bild angereist sind, haben sehr schnell gemerkt, dass diese Tanzgruppe aus Individuen wie Du und Ich besteht, und dass hinter den zunächst befremdlich wirkenden Trachten ganz normale Jugendliche stecken, die genau dieselben Interessen, Nöte und Sorgen wie ein deutscher Teenager haben. Die Erkenntnis, dass die jungen Türken letztlich denselben Musikgeschmack haben wie sie selbst, dass sie ganz ähnlich ticken, dass man sich in ihren Familien pudelwohl fühlen und Humor sogar über die Sprachbarriere auf Englisch funktionieren kann. Es ist auch Sinn und Zweck eines solchen Austauschs, dass ausländische Menschen nicht mehr als anonyme, bei der gegenwärtigen Stimmung im Land womöglich sogar als bedrohliche Masse erscheinen, sondern dass sie Gesichter bekommen. Das hat auf jeden Fall funktioniert. Die Jugendlichen haben bei dieser Fahrt durchaus ein eigenes, gemeinsames Lebensgefühl entwickelt. „Mutluluk“, was so viel heißt wie Glück (also Happiness, um es in der offiziellen Sprache des Austauschs zu sagen) hieß es da in einem selbstgedichteten Danke-Schön-Lied, das Lütfi Salman getextet hatte, und das zu einem Ohrwurm, zum Motto und zur Erkennungsmelodie der Fahrt wurde, trifft das wohl am ehesten.

Und – auch das werden die Iserlohner gemerkt haben – mit der Tradition ist es bei den türkischen Jugendlichen auch nicht ganz so weit her, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Die privaten AKA-Schulen, an denen die Folklore sehr gepflegt wird, ist da vermutlich nicht sonderlich repräsentativ. Tamer Acer, Lehrer an der Schule und der dortige Koordinator des Austauschs (siehe Bericht links) schätzt, dass nur noch 20 Prozent der Jugendlichen etwas damit anfangen können. Die überwiegende Mehrheit übernimmt – genau wie bei uns – den Lebensstil des Westens.

Nur das mit dem Tanzen, die Hände hoch und mit den Fingern schnippen, gerne im Kreis und die kleinen Finger mit dem Nachbarn verschränkt, das machen sie nach traditioneller Art, auch wenn moderne Musik aus den Charts erklingt. „Das wird nie aufhören“, sagt Tamer Acer, „der Tanz liegt uns im Blut“. Und auch das hatte durchaus eine ansteckende Wirkung. Getanzt wurde viel bei diesem Austausch – nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Pausen, im Bus oder auf dem Ausflugsboot. Und den deutschen Jugendlichen hat das durchaus Spaß gemacht. Ein bisschen eigene Kultur hat eben auch etwas für sich.

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