Verwaltung

Nach Schocknachricht droht Iserlohner Rathaus Schließung

„Die Liste ist lang“ (v. li.): Baudezernent Thorsten Grote, Bürgermeister-Referent Thomas Pütter und der Erste Beigeordnete und Kämmerer Michael Wojtek haben schlechte Nachrichten zu verkünden.

„Die Liste ist lang“ (v. li.): Baudezernent Thorsten Grote, Bürgermeister-Referent Thomas Pütter und der Erste Beigeordnete und Kämmerer Michael Wojtek haben schlechte Nachrichten zu verkünden.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Wegen eklatanter Mängel beim Brandschutz werden große Teile der Verwaltung zum Bömberg umziehen müssen. Wie es weitergeht, ist unklar.

Schocknachricht für die Stadtverwaltung: Die Mängel in Sachen Brandschutz, wegen derer unter anderem bereits die 5. und 6. Etage des Rathauses I geräumt werden mussten, sind noch deutlich gravierender als angenommen. Dies ist das Ergebnis eines aktuellen Gutachtens. Unter anderem entsprechen Vergitterungen an der Außenfassade, Brüstungen und Treppenhäuser nicht den Vorschriften.

„Die Liste ist lang“, sagt Baudezernent Thorsten Grote am Dienstagvormittag im Gespräch mit der Heimatzeitung. Zwar habe man einige Sofortmaßnahmen eingeleitet – „um aber alle Mängel zu beseitigen, müssten wir das Gebäude in eine rohbauartigen Zustand zurückversetzen“.

Bis zu 290 Mitarbeiter im Rathaus

Aus diesem Grund soll ein Großteil der Verwaltungsmitarbeiter zeitnah in noch herzurichtende Büroräume der leerstehenden Realschule Bömberg umziehen – vermutlich bereits bis spätestens zur Jahresmitte 2020. In der Maximalbelegung arbeiten 290 Menschen im Rathaus.

Dass alle Mitarbeiter das Gebäude verlassen und es somit zumindest zeitweilig komplett leergezogen würde, ist noch nicht sicher. Vor allem im Erdgeschoss ließe sich die Sicherheit der Mitarbeiter und Besucher wohl auch mit deutlich geringerem Aufwand herstellen als in den Obergeschossen. Genaueres müssen nun die kommenden Wochen und Monate erbringen. „Zum Zeithorizont können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussagen machen“, so Grote weiter.

Sanierungsbedarf ist gewaltig

Fakt ist, der Sanierungsbedarf ist gewaltig, arbeits- und kostenaufwendig. So müssten die Brüstungswände unterhalb sämtlicher Fenster im Gebäude eigentlich aus Beton oder zumindest Ziegeln bestehen. Jedoch ist eine Art Kunststoff verbaut. Der Boden der Balustrade vor den Fenstern besteht aus Gittern. Auch hier sollte eigentlich massives Material verbaut sein, damit Flammen im Brandfall nicht ungehindert nach oben schlagen können. Dafür allerdings ist die Statik nicht ausgelegt.

Weitere Mängel: Die Pumpleistung der Schleusen in den Treppenhäusern, die eine Verrauchung im Brandfall verhindern sollen, liegt bei nur 600 statt der erforderlichen 3000 Kubikmeter pro Stunde. Außerdem verlaufen unzulässigerweise Kabel in dem Bereich.

Wie Michael Wojtek, Kämmerer und nach dem Abgang von Dr. Peter Paul Ahrens Behördenleiter, erklärt, müsse nun in Absprache unter anderem mit dem Denkmalschutz geklärt werden, ob und wenn ja wie eine Sanierung und Weiternutzung des Rathauses durch die Verwaltung überhaupt wirtschaftlich darstellbar sei.

Verbindliche Aussagen und Prognosen hierzu seien derzeit nicht möglich. „Es gibt keinen Präzedenzfall“, sagt Thorsten Grote. „Aber das nötige Maßnahmen-Paket ist so gravierend, dass man sehen muss, ob es Sinn macht, den Standort weiter zu betreiben“, sagt Wojtek, der in Bezug auf einen möglichen dauerhaften Auszug der Verwaltung und einen künftigen Leerstand von einem „Worst-Case-Szenario“ spricht.

Gutachten: Fehler bereits beim Bau

Doch wie konnten die Mängel derart lange unbemerkt bleiben? Laut dem Gutachten seien laut Grote und Wojtek die Fehler bereits beim Bau ab 1972 begangen worden. Für diesen verantwortlich war damals ein Generalunternehmer, auch eine bauamtliche Abnahme sei vorschriftsmäßig erfolgt. „Die Architekten trifft keine Schuld“, sagt Grote, der vermutet, man habe damals wegen der Gründungslage am Platz Gewicht sparen wollen.

2011 habe es dann wegen allgemein gestiegener Anforderungen seitens der Stadt ein Maßnahmenpaket in Sachen Brandschutz gegeben. „Unter anderem wurde eine Brandmeldeanlage installiert“, sagt Grote.

Wegen der zwischenzeitlich angedachten Komplettsanierung des Gebäudes seien aber umfassende Umbauten zurückgestellt worden. 2017 wurde dann das Rathaus unter Denkmalschutz gestellt – und alles noch viel komplizierter.

Paket mit Sofortmaßnahmen ist auf dem Weg

In einem ersten Gutachten, basierend auf den Anforderungen von 2011, sei beispielsweise von Veranstaltungen im Foyer mit 1700 Menschen ausgegangen worden – mit entsprechend erhöhtem Nachbesserungsbedarf beim Brandschutz. „Solche Veranstaltungen hat es hier aber nie gegeben“, erklärt Grote.

In der Folge wurde im Sommer ein neuer Gutachter beauftragt – der das seit dem Bau wenig veränderte Gebäude gemäß der Vorgaben der 70er Jahre betrachten sollte. Die Idee: „Man hätte Bestandsschutz erhalten können“, sagt Grote. Und somit Geld gespart, weil man weniger hätte am Gebäude machen müssen.

Die Anlagen etwa im Treppenhaus seien während all der Jahre zwar auf ihre Funktionalität überprüft und gewartet worden. Allerdings habe es laut Grote keinen Abgleich mit der rund 150 Aktenordnern umfassenden Bauakte des Rathauses gegeben – bis der zweite Gutachter beauftragt wurde, der schließlich die Hiobsbotschaft überbrachte.

In einer Sofortmaßnahme wurde jetzt die vierte Etage teilgeräumt, das Jugendamt wegen des anfallenden Publikumsverkehrs umgesiedelt. Mitarbeiter sollen Schulungen erhalten, die Feuerwehr wurde informiert. Weitere Maßnahmen sollen folgen. „Wir versuchen Beeinträchtigungen des Betriebs so weit möglich zu vermeiden“, sagt Michael Wojtek.

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