Abitur

Ohne Ablenkung lernt es sich besser

Merle Kolander (li.) und Jule Hessling wissen nicht nur die Atmosphäre der Stadtbücherei zu schätzen, sondern auch das kostenlose Lernmaterial.

Merle Kolander (li.) und Jule Hessling wissen nicht nur die Atmosphäre der Stadtbücherei zu schätzen, sondern auch das kostenlose Lernmaterial.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Die „Lange Nacht des Lernens“ in der Stadtbücherei ist bei zahlreichen angehenden Abiturienten gut angekommen.

Arbeitsplätze in der Bibliothek sind bei Studenten heiß begehrt, vor allem in der Prüfungsphase. Warum sollten nicht auch Schüler beim Lernen fürs Abitur von einem solchen Lernumfeld profitieren? Die Probe aufs Exempel hat mit der „Langen Nacht des Lernens“ die Stadtbücherei Iserlohn gemacht – mit Erfolg, berichtete Gerd Müller-Aßhauer, Vorsitzender des Fördervereins, schon vom ersten Tag der Aktion, dem Mittwoch vor Ostern: 42 Schüler hatten sich eingefunden, ließen sich bis 22 Uhr vom Büchereiteam mit Snacks und Getränken versorgen und bekamen außerdem von der Sportlehrerin Patrizia Wagner Tipps zur Entspannung.

Am Donnerstag ist der Andrang geringer, die strahlende Sonne am Himmel mag so manchen doch lieber ins Freie gelockt haben. Zu denen, die eisern pauken, gehören Merle Kolander (17) und Jule Hessling (18) vom MGI. Beide wohnen in Sümmern und wollen das Lernen in der Gruppe vor allem für Biologie nutzen, das nach ihrem Empfinden schwierigste Fach im Abitur. Ob sie lieber noch ein Jahr zur Schule gehen würden, können beide nicht so genau sagen. „Wir kennen es ja nicht anders. Bei meinem Bruder war das noch neu, der hat den Umstieg zu spüren bekommen. Ich denke, bei uns hat G8 funktioniert“, erklärt Jule. Merle ergänzt: „Ein Jahr früher in Studium oder Beruf einsteigen kann man gebrauchen.“

Beide haben aber auch gemerkt, wie schwer es ist, dabei neben der Schule noch Aktivitäten wie den Sport unterzubringen. Pünktlich zum Training zu kommen – Jule spielt Feldhockey, Merle Volleyball – sei manchmal schlicht unmöglich. Davon lassen sie sich aber nicht unterkriegen. „Ich könnte nie für die Schule auf Sport verzichten“, sagt Jule entschieden. Beruflich interessiert sie sich für nachhaltigen Tourismus, ein Gebiet, das Fachhochschulen inzwischen als Studium anbieten.

Merle zieht es auch an die Uni, dabei ist eins für sie klar: „Lehrerin möchte ich auf keinen Fall werden.“ Ins Ausland möchte sie zunächst nicht, das könne man später nachholen. Auch für Jule kommt trotz der Neigung für Tourismus ein längerer Auslandsaufenthalt vorerst nicht in Frage. „Ganz ehrlich: Ich fühle mich noch nicht bereit für sowas“, sagt sie offen.

Nach dem Abi in die weite Welt, aber nicht für immer

Die jungen Frauen können sich vorstellen, zum Studium in eine größere Stadt zu gehen, möchten danach aber wieder in heimische Gefilde zurückkehren. Wirklich planen können man das aber nicht, glaubt Jule: „Vielleicht gefällt es einem dann doch so sehr am Studienort, dass man da bleibt.“ Die beiden nehmen sich ohne allzu schlechtes Gewissen einige Minuten für das Gespräch, da sie heute die ersten aus ihrer Lerngruppe sind. Mitschüler Lorenz Haas (18) aus Hennen ist der nächste, der seine Sachen auspackt. Er hat schon einen Ausbildungsplatz als Industriekaufmann: „Erst mal Praxis kriegen und Geld verdienen. Später kann ich immer noch studieren“, lautet seine Devise.

Weiter hinten sitzt eine andere Gruppe, darunter Nikola Lemke aus Hennen und Vivianne Lohölter aus Kalthof, beide 18 Jahre alt und ebenfalls vom Märkischen Gymnasium. Sie bringen auf den Punkt, was sie heute hergeführt hat: „Hier ist man viel weniger abgelenkt“ sagt Vivianne. Nikola betont den Vorteil, sich jederzeit mit ihren Mitschülern beraten zu können. Sie wäre lieber neun Jahre zur Schule gegangen: „Ich musste mit Gitarrespielen aufhören und beim Tanzen betteln, dass später trainiert wird“, kritisiert sie die langen Unterrichtszeiten.

Gerd Müller-Aßhauer hält den Versuch für zukunftsweisend: „Die Stadtbücherei im neuen Gebäude muss ein Vielzweckraum werden.“

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