Politik

„Politik ist eigentlich ganz einfach“

Plakate aufhängen, Kontakt zum Bürger suchen: Konrad Maier in Iserlohn.

Foto: Tim Gelewski

Plakate aufhängen, Kontakt zum Bürger suchen: Konrad Maier in Iserlohn. Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Bundestagskandidaten im Wahlkampf (Folge 6): Der parteilose Konrad Maier hofft auf 10 Prozent Stimmen

Er ist wohl der Exot unter den Bundestagskandidaten im Wahlkreis Märkischer Kreis II, und sicher der Einzige, der seine Wahlplakate selbst aufhängt: Konrad Maier aus Menden ist „Bürgerkandidat“, parteilos, Ingenieur, verheiratet, zwei Kinder, und: sauer.

Sauer auf die Politik, weil er sich von der nicht mehr repräsentiert fühlt, sauer auf die Politik, weil er glaubt, dass die über die Köpfe der Menschen hinweg entscheidet, sauer auf Angela Merkel, sauer auf Martin Schulz.

Konrad Maier ist ein freundlicher Mann, eigentlich, der Politik machen will, weil er auf die Politik nicht gut zu sprechen ist. Er kann sich dann sehr aufregen, ohne wirklich böse zu sein, oder gar respektlos. Er wirkt eher resignierend, genervt, verdrossen, kritisiert aber auch sehr pauschal. Er sagt: „Politik ist eigentlich ganz einfach.“

Im Prinzip sei das alles wie in einem Haushalt. Mit einem Fach für Geld, für Ressourcen. „Ich muss mir überlegen, wie ich dieses Fach füllen kann.“ Maier spricht gern in Bildern, meistens sind es einfache Bilder. Eines geht so: „Ich habe ein Haus und freie Zimmer. Ich lasse einen Asylanten rein. Dann noch einen, dann noch einen. Irgendwann ist das Haus voll, ich lasse niemanden mehr rein. Bin ich dann ein schlechter Mensch? Ich habe das Geld doch nur einmal zur Verfügung.“ Die Menschen in Deutschland seien doch nie gefragt worden, wie viele Asylbewerber man aufnehmen wolle. Maier will, dass die Menschen künftig gefragt werden. Er will über Themen wie die Asylfrage abstimmen lassen. Zahlen sollen dann die, die meinen, es sei noch Platz für weitere Asylbewerber.

Maier aber auf das Thema Asyl allein zu reduzieren, wäre unfair. Sein Ärger sitzt tiefer, die Ursachen sind vielschichtiger. Wahrscheinlich ist er damit nicht allein.

Der Mendener ist an einem Nachmittag nach der Arbeit in Iserlohn unterwegs. Er steuert ein Auto mit Öko-Antrieb. 100 Plakate hat er auf eigene Kosten herstellen lassen. Nach der Arbeit verteilt er sie eigenhändig im Märkischen Kreis, Slogan: „Für saubere Politik.“ Einkaufszentren, Fußgängerzone – „ich hänge sie dort auf, wo die Menschen Zeit haben, hinzusehen.“ Die meisten Menschen nehmen wenig Notiz, zu jenen, die es doch tun, ist er ausnehmend freundlich.

Es ist das erste Mal, dass er sich politisch engagiert. Er ist jetzt 50 Jahre alt. „Ich habe festgestellt, dass viel am Bürger vorbei geht, ohne dass gefragt wird“, erklärt er seine Motivation. Die Freihandelsabkommen CETA und TTIP und deren mögliche Folgen für Deutschland seien weitere Auslöser gewesen. Zum Beispiel, weil dann die Wasserversorgung in Deutschland privatisiert würde, sagt Maier. Er fürchtet Kostentreiberei.

„Freihandel ja, aber die landeseigenen Gesetze müssen Vorrang haben“, sagt er. Ähnliche Aussagen macht er beim Thema EU: „Frankreich, Italien Griechenland – jedes Land hat seine eigene Mentalität. Es geht nicht, dass einer für alle entscheidet.“ Apropos alle: „Jeder Mensch ist gleich, sagt Herr Schulz. Warum bekommt dann nicht jeder das Gleiche?“ Maier spricht vom Thema Rente. „Es interessiert doch keinen mehr, wer wann arbeitslos wird.“ Dies sei ebenso ein Thema, das man mit der Bevölkerung diskutieren – und worüber man abstimmen lassen könne.

Doch würden da nicht die meisten etwas verlieren und folglich gegen eine Einheitsrente stimmen? Maier meint: nein. „Ich glaube, dass der Mittelstand mehr und mehr verschwindet“, sagt er. Leiharbeit, Zeitarbeit und Co.: „Wo bleibt da die soziale Einstellung der Regierung?“

Abstimmen über Rente, Freihandel und Flüchtlinge

Kritisch sieht er auch das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei: „Na toll, ein Despot wie Erdogan, der keinen rein lässt? Das wären sieben Milliarden Euro, mit denen hätten wir Vollbeschäftigung.“ Die Regierung habe keine Vorstellung, wie es jetzt mit der Problematik weitergehen solle.

Rente, Freihandelsabkommen, Flüchtlingspolitik – es sind dies Themen, bei denen Konrad Maier glaubt, Volksabstimmungen wären richtig und notwendig.

Viel Ahnungslosigkeit gebe es in der Politik beim Thema Digitalisierung. Merkels Satz vom Internet als „Neuland“ ärgert ihn immer noch, weil er ihn für symptomatisch hält: „Es wurde vergessen, das Thema Digitalisierung auf vernünftige Füße zu stellen.“

Vertragsabschlüsse ohne Unterschrift über das Internet will er gesetzlich verbieten lassen. Auch in Sachen Schutz der Bürger vor betrügerischen Internet-Shops („Fake-Shops“) könne die Regierung mehr leisten, obwohl doch die Anbieter im Ausland meist nicht im Zugriffsbereich des Bundes liegen.

Blickt man auf die Homepage Konrad Maiers, so findet man eine bunte Mischung von politischen Positionen. Grüne („Wenn es um die Industrie geht, machen die mittlerweile doch einen Kniefall“), AfD, FDP, CDU und SPD – wer aufmerksam sucht, findet hier vieles an inhaltlicher Übereinstimmung.

Maier weiß das. „Das ist doch das Gute. Ich kann mir von jedem etwas raussuchen, bin unabhängig vom Fraktionszwang.“ Auch würde er kein Geld von Lobbyisten annehmen – ein weiterer seiner Kritikpunkte an der etablierten Politik.

32 unabhängige Bürgerkandidaten wie ihn gebe es in Deutschland, sagt Maier. „Ich bin nur meinem Gewissen verpflichtet, verstecke nichts. Ich erkläre den Leuten, was die Entscheidungen wirklich für Auswirkungen haben.“

Maier will eine Flüchtlingsobergrenze, „zumindest, bis das Chaos beseitigt ist“. Um die Umwelt zu entlasten, müsse der ÖPNV umsonst oder zumindest drastisch vergünstigt werden. Man müsse die Kinder erziehen, nicht jede Fahrt mit dem Auto zu machen. Dann seien bald auch die Städte wieder voll, sagt er. Die Landesbeteiligung Niedersachsens an VW müsse aus seiner Sicht wegen zu enger Verbindungen zur Politik beendet werden.

Zu seinen eigenen Chancen beim Kampf um ein Direktmandat für den Bundestag sagt Maier: „Ich bin Realist.“ Zehn Prozent der Stimmen – das wäre ein gutes Ergebnis, meint er.

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