Grünen-Kandidat John Haberle

„Politik ist mein Hobby, aber auch Arbeit“

Überzeugungsarbeit: Grünen-Bundestagskandidat John Haberle sucht das Gespräch mit Bürgern.

Überzeugungsarbeit: Grünen-Bundestagskandidat John Haberle sucht das Gespräch mit Bürgern.

Foto: Stefan Janke

Iserlohn.   Der Iserlohner John Haberle tritt für die Grünen als Direktkandidat für den Bundestag an. Die Redaktion hat ihn im Wahlkampf begleitet

Von Haus aus ist John Haberle berufsbedingt Frühaufsteher. Doch halb vier am Morgen ist selbst für ihn richtig früh. Aber es ging nicht anders, weil der 47-jährige Grünen-Bundestagskandidat noch die Kisten mit 400 Brötchen und dazu Gebäck für eine besondere Aktion beim Bäcker abholen musste.

„Wenn’s keinen Spaß machen würde, würd’ ich’s nicht tun. Und außerdem: Im Wahlkampf gehört das dazu“, sagt John Haberle, den wir an einem viel zu kühlen, verregneten Morgen zwischen Bus- und Bahnsteig am Iserlohner Stadtbahnhof treffen. Hier verteilt er gerade Körner- und Käsebrötchen, oder – für den, der es lieber süß mag – auch Zimtteilchen an die Reisenden, Berufspendler und Schüler. Verpackt ist die kleine, gern angenommene Aufmerksamkeit vom Bio-Bäcker in Recycling-Papiertüten, in die auch das Info-Faltblatt zur Wahl noch hinein passt.

Es ist der Start in einen langen Tag. Für den verheirateten Vater zweier Kinder, der hauptberuflich Sozialwissenschaftler ist und als Referent bei einem Krankenhausträger in Bochum arbeitet, heißt es heute „Wahlkampf – Job – Wahlkampf“. Deshalb auch die recht frühe Brötchen-Aktion am Bahnhof.

„Ich muss spätestens um 8.30 Uhr los nach Bochum“, sagt Haberle, der immer wieder betont, dass er seine politische Arbeit als ehrenamtliche Tätigkeit sieht. „Politik ist mein Hobby, aber irgendwie auch Arbeit“, sagt der Grüne, der sich in seinen 20 Jahren politischer Aktivität vor allem in den Bereichen Umwelt- und Klimaschutz sowie Verkehrs- und Gesundheitspolitik eingebracht hat.

Zum ersten Mal kam der junge John – warum er einen englischen Vornamen hat, erklärt er gleich – durch seinen Großvater in Berührung mit der Politik. „Mein Opa war ein alter Sozi in Bochum-Dahlhausen“, erinnert sich Haberle. Und der habe ganz schön geschimpft, als er mitbekam, dass sein Enkel zu den Grünen geht. Was für den Iserlohner eigentlich auf der Hand lag. Denn seine Eltern waren echte 68er. Mit allem, was dazu gehört. „Ich war als Kind schon Vegetarier“, sagt Haberle, der seinen Vornamen wegen John Lennon trägt. Sein Vater habe ja auch noch John F. Kennedy verehrt. „Und er spielte sogar mit dem Gedanken, mir Fitzgerald als zweiten Vornamen zu geben.“

Die Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung dieser Zeit gingen an John Haberle nicht spurlos vorbei. „Das kann so nicht weitergehen“, sagte er damals und heute, wenn es um den Umwelt- und Klimaschutz geht. „In den aktuellen Podiumsdiskussionen hier in Iserlohn im Vorfeld der Bundestagswahl habe ich manchmal das Gefühl, dass die wirklichen Probleme die Politiker gar nicht interessieren und sie zu viel über Belangloses reden“, sagt der Grünen-Kandidat, der noch am Abend zuvor in einer Runde Platz genommen hatte.

Da liegt ihm der Termin jetzt, nur wenige Stunden Schlaf später, doch näher. Hier am Bahnhof kann er direkt mit den Menschen sprechen, ihnen zuhören. Denn das Brötchen, angeboten in der Umwelt-Tüte, ist ja auch der kleine Eisbrecher, um ins Gespräch zu kommen. Nicht immer klappt’s – manche in müde Gedanken versunkene Pendler reagieren zwar überrascht und erfreut, aber eher wortkarg. Andere bleiben doch kurz stehen.

Wahlkampf muss mit dem Beruf vereinbart werden

So wie der Reisende, der früher selbst im Umweltschutz aktiv war und den Grünen jetzt vorwirft, nicht mehr bissig genug zu sein. „Um diesen Leuten zu antworten, darum stehe ich hier“, erklärt John Haberle, dem ein kurzer Blick auf die Uhr sagt, dass es nun wohl Zeit wird, langsam Richtung Arbeitsstelle in Bochum aufzubrechen – er ist nun mal kein Vollzeit-Politiker.

Am Morgen hatte er die Bus- und Bahnnutzer mit frischen Brötchen überrascht, jetzt wechselt Grünen-Kandidat John Haberle die Perspektive, sitzt selbst im Bus – allerdings auf einem besonderen Stuhl, einem Rollstuhl. Es ist der zweite Termin an diesem Tag. Er hat sich den Mitgliedern des Beirates für Menschen mit Behinderung angeschlossen, die in Letmathe erkunden wollen, wie barrierefrei die Stadt tatsächlich ist.

Der WDR hat ein TV-Team rausgeschickt, um die Gruppe am Start vor dem Seniorenzentrum Waldstadt und später an der Lenne für das „Lokalzeit Südwestfalen“ zu filmen. Und davor soll der Wahlkämpfer Harberle auch noch schnell ein Interview für die Heimatzeitung geben, während seine Rolli-Gruppe zum Bahnhof aufbricht. Haberle bringt das alles nicht aus der Ruhe. Gelassen sitzt er ein paar Minuten im Rollstuhl und wird als Erster gefilmt, als der Bus in Letmathe sein Ziel erreicht hat. Und selbst wenn Haberle im Beitrag fälschlicherweise als Ratsmitglied bezeichnet wird, ist der Grünen-Sprecher am nächsten Abend über eine Minute lang im WDR-Fernsehen präsent.

Trotz Strapazen mit Eifer bei der Sache

Ja, Wahlkampf mache ihm Spaß, sonst hätte er sich nicht bewusst für die Aufgabe als Direktkandidat beworben, sagt der 47-Jährige. Das Ganze sei – gerade in Verbindung mit Berufstätigkeit – schon stressig, aber seine Familie unterstütze ihn, wenn auch zähneknirschend. „Ich habe Ehrgeiz, bin aber auch Realist“, sagt John Haberle mit Blick auf die Konkurrenz und freut sich auf die nächsten Termine – denn Wahlkampf findet er „super“.

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