Soziales

Problemzone Altstadt gerät wieder in Blickpunkt

Die Mündung von Ostengraben, Mühlentor, Knallenbrink

Foto: Tim Gelewski

Die Mündung von Ostengraben, Mühlentor, Knallenbrink Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Eine Anwohnerbeschwerde zu Trinkgelagen mündet im Ausschuss für Bürgeranregungen in eine Grundsatzdiskussion über Sicherheit, Drogen und Integration. Am Ende bleibt ein Stück Ratlosigkeit

Eine Anwohnerbeschwerde entpuppt sich am Donnerstag im Ausschuss für Bürgeranregungen als Stein des Anstoßes, der eine alte Diskussion wieder ins Rollen bringen könnte. Am Ende bestürzte Minen allenthalben. Was war passiert?

Eigentlich hatte es im dritten Tagesordnungspunkt um „Trinkgelage in der Altstadt“, vornehmlich im Bereich Ostengraben/Knallenbrink/Mühlentor gehen sollen. Schnell aber mündet die Diskussion in eine allgemeine Bestandsaufnahme in Sachen Sicherheit und gefühlter Sicherheit in der Altstadt, in der Frage, wie man den für Millionen Euro sanierten Fritz-Kühn-Platz zu einem Ort für alle Bürger machen, Drogen-, Alkohol- und auch Inte­grationsproblematik Herr werden kann.

Alkoholverbot wie in Duisburg als Option für die Altstadt?

Doch der Reihe nach: Ein Anwohner hatte gegenüber der Stadt angeregt, im Bereich, wo Ostengraben, Knallenbrink und Mühlentor ineinander münden, ein Alkoholverbot zu erlassen – ähnlich wie es Anfang Mai die Stadt Duisburg für eine große Einkaufszone getan hat. Der Bereich in der Altstadt wird seit Jahren auch aufgrund eines nahen Kiosks als Treffpunkt und auch für Trinkgelage genutzt.

Vor Ort bestätigt eine Anwohnerin am Freitag diese Darstellung. „Je später es wird, je mehr Alkohol konsumiert wird, desto lauter werden die Leute hier“, sagt sie. Unter den Trinkern gebe es zwar durchaus verständnisvolle Leute, mit denen sich reden lasse. Ein Großteil jedoch neige zu Pöbeleien. Auch werde ständig an Hauswände uriniert.

„Es gibt keine generelle Handhabe gegen Alkoholkonsum im öffentlichen Raum“, nimmt Ordnungsamtsleiterin Angela Schunke im Ausschuss den Befürwortern eines Verbots gleich allen Wind aus den Segeln. „Wir hatten in der Sache schon Kontakt mit der Stadt Duisburg“, so Schunke weiter. „Was da installiert wurde, ist sicher ein Signal. Wir glauben aber nicht, dass das Bestand haben wird, sobald jemand rechtlich gegen das Verbot vorgeht.“

Platzverweise gegen Trinker seien ebenso kein probates Mittel. „Wir können nur einwirken, wenn sich Leute ungebührlich verhalten.“ Konkret: Das Ordnungsamt kann bei „Trinkgelagen“ einschreiten. Allerdings ist der Begriff juristisch nicht klar definiert. „In der Praxis werden Treffen aufgelöst, wenn Menschen aggressiv auftreten und harter Alkohol im Spiel ist.“

Aktuell läuft das Bewerbungsverfahren für zwei neue Stellen beim Ordnungsamt. Das zusätzliche Personal soll laut einhelliger Empfehlung des Ausschusses verstärkt am Fritz-Kühn-Platz, Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene, kontrollieren. Weitere Maßnahmen sollen im Sozialausschuss beraten werden. Im Gespräch sind ebenfalls Webcams, die anders als Überwachungskameras juristisch weniger heikel sind, aber in Bezug auf Kriminalität eine abschreckende Wirkung entfalten könnten.

Kurz zuvor hatte Streetworker Uwe Browatzki dem Ausschuss von der Gesamtentwicklung der „Szene“ in der Altstadt berichtet – und weitere Problemfelder skizziert. „Im Moment begegnen uns ständig neue Gesichter“, sagt er. Die Vermutung: Aktuell scheine es eine Form von Armutsmigration von Dortmund nach Iserlohn zu geben – so zumindest die Auskunft einer Streetworkerin aus der nahen Westfalenmetropole.

Ein Grund ist wohl: In der Waldstadt gibt es eine breite Palette von Hilfsangeboten. Die zweite mögliche Ursache lässt aufhorchen: Die Dortmunder Nordstadt, Mittelpunkt der städtischen Drogenszene, ist bekanntermaßen in der Hand krimineller Clans. „Wer da, um Geld für Drogen zu beschaffen, den Falschen bestiehlt, bekommt Probleme“, vermutet Browatzki, der auch Einblicke ins Innenleben der türkischen Gemeinde Iserlohns gibt.

Die nämlich sei seit dem Putschversuch in der Türkei vor einem Jahr gespalten in Anhänger von Erdogan und Gülen, aus Sicht des Präsidenten Drahtzieher der Ereignisse. Hinzu kämen kurdische PKK-Anhänger. „Sämtliche Teestuben haben zugemacht, da gibt es keine Kontakte mehr.“ Im Zusammenhang mit einem Videodreh mit einem Team des Bistums Paderborn in der Altstadt sagt er über das Viertel: „Wir sind da nur geduldet. Das muss man klar so sagen.“

Browatzki berichtet auch von zunehmender Gewalt an der Treppe am Fritz-Kühn-Platz, davon, dass selten die Polizei gerufen werde. Es seien aber nur einige Wenige, die für den fatalen Gesamteindruck sorgten. Bei den Ausschussmitgliedern bleibt am Ende ein Stück Ratlosigkeit. „Wir müssen auch andere Menschen zum Fritz-Kühn-Platz bekommen. Sonst war die Sanierung umsonst“, sagt Elmar Mohr (SPD).

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