Justiz

Rätselraten um Alter und Geisteszustand

Ein junger Marokkaner (Mitte, daneben Übersezuer und Verteidiger) muss sich derzeit vor dem Amtsgericht in Iserlohn wegen mehrerer Vergehen verantworten.

Foto: Tim Gelewski

Ein junger Marokkaner (Mitte, daneben Übersezuer und Verteidiger) muss sich derzeit vor dem Amtsgericht in Iserlohn wegen mehrerer Vergehen verantworten. Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Vor dem Amtsgericht hat der Prozess gegen einen jungen Marokkaner begonnen, dem unter anderem der Angriff auf eine 14-Jährige sowie einen Mitbewohner in einer Flüchtlingsunterkunft vorgeworfen wird.

Ein Video, aufgenommen in einer Hamburger U-Bahn, zeigt den jungen Mann, wie er einem Schlafenden die Brieftasche stielt. Er könne sich nicht erinnern, gibt er zu Protokoll, gleichwohl Verteidiger Martin Düerkop empfiehlt, Leugnen sei zwecklos. Mit der Herausgabe der Ergebnisse einer psychologischen Begutachtung in der Hemeraner Prinzhorn-Klinik hat er „kein Problem“, ansonsten sagt der junge Mann, der hier auf der Anklagebank sitzt, während des gesamten ersten Verhandlungstags vor dem Amtsgericht Iserlohn nichts Sachdienliches zu den Tatvorwürfen.

Sein Blick geht ins Leere, er wirkt teilnahmslos, gähnt. Seine Haare sind verklebt, von ihm geht ein beißender Geruch aus. Der Vorladung ist er zunächst nicht gefolgt, die Polizei bringt den Marokkaner schließlich zur Verhandlung. Er habe noch duschen wollen, gibt er später an.

Opfer mit abgebrochener Flasche attackiert

Dem jungen Mann werden an diesem Donnerstag gleich mehrere Vergehen vorgeworfen. So soll er im August 2016 eine damals 14-Jährige im Bereich der Treppe am Fritz-Kühn-Platz grundlos attackiert und zu Boden geschlagen haben.

Im Dezember des selben Jahres soll er in einer Iserlohner Flüchtlingsunterkunft einem Mitbewohner eine Flasche auf dem Kopf geschlagen haben. Nachdem diese zerbarst, soll er sein Opfer mit dem abgeschlagenen Flaschenhals schwer verletzt haben. Bei dem Mann wurden 7,4 Gramm Hasch sichergestellt. Er wohnt noch immer in der Unterkunft, in der sich der Vorfall ereignet haben soll.

Weitere Tatvorwürfe: der erwähnte Diebstahl in einer Hamburger U-Bahn im Oktober 2016 sowie im Juli 2017 ein Angriff auf zwei Polizeibeamte im Münsteraner Bahnhof, die ihn zuvor wegen aggressiven Verhaltens des Platzes verwiesen hatten,

Über die Tatvorwürfe hinaus wirft der Fall ein Schlaglicht auf die europäische Asylproblematik. Von dem jungen Mann sind vier Geburtsdaten aktenkundig. Er selbst gibt vor Gericht den 1. Januar 1997 an. In der Akte zur Verhandlung ist der 1. Januar 1996 notiert. Im Zusammenhang mit vorherigen Delikten gibt es zwei weitere Geburtsdaten dokumentiert, diesmal im Jahr 1999. Der Mann ist nach Aktenlage 2014 über Frankreich nach Deutschland gekommen. Laut eigenen Angaben habe er zuvor drei Jahre in Spanien gelebt. Ob das stimmt, weiß niemand.

Zu den Tatvorwürfen werden neun Zeugen gehört, unter anderem das inzwischen 16-jährige, mutmaßliche Opfer. Der Täter habe sie „oberhalb der Treppe“ ohne Anlass gegen eine Wand gestoßen und zwei Mal ins Gesicht geschlagen. Zuvor habe sie beobachtet, wie er mit einem anderen Mann aneinander geraten sei. Sie und ihre Freude hätten dies weiter aus der Entfernung verfolgt, weil sie es „ein bisschen lustig“ fanden. Nach dem Angriff habe sie den Überblick verloren.

Sowohl sie als auch ein weiterer Zeuge, ein 57-Jähriger, der dem Mädchen als erster zur Hilfe kam, gaben an, der Angriff sei letztlich von einer Gruppe von „Rockern“ beendet worden, die ihrerseits den Angreifer verprügelten. Der Marokkaner soll laut übereinstimmenden Zeugenaussagen augenscheinlich unter Drogen gestanden haben. „Er schien keine Schmerzen zu spüren und ist gelaufen wie ein Zombie“, erklärte ein 18-jähriger Zeuge. Das Mädchen erlitt keine bleibenden Verletzungen.

Im Falle des Angriffs in einer Flüchtlingsunterkunft gab ein Iserlohner Polizist, der als Zeuge befragt wurde, an, der Marokkaner habe Blut von seinem Opfer an der Kleidung gehabt, offenbar aber nicht verstanden, warum man ihn festsetzte. Genaueres – etwa zu seinem geistigem Zustand und Aufenthaltsstatus – soll Teil des zweiten Verhandlungstags sein. Der Marokkaner soll an einer drogenbedingten Psychose leiden. Der Prozess wird am 18. Januar fortgesetzt.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik