Interview

René Heinersdorff: „Lasst die Geimpften wieder ins Theater“

Lesedauer: 14 Minuten
René Heinersdorff – hier ein Archivbild – ist zugleich Schauspieler, Regisseur, Autor und Theaterbesitzer.

René Heinersdorff – hier ein Archivbild – ist zugleich Schauspieler, Regisseur, Autor und Theaterbesitzer.

Foto: Kai Kitschenberg / FFS

Iserlohn/Düsseldorf.  René Heinersdorff glaubt an ein Theater-Leben auch nach Corona, sieht aber auch mögliche Pleiten, vermeidbares Pech und üble Pannen.

Schauspielerinnen und Schauspieler, vor allem die am Theater unterwegs sind, schauen in diesen Tagen, Wochen und Monaten ziemlich in die Röhre. Wo keine Zuschauer hindürfen, gibt es auch nichts zu schauspielern. Hat man aber wie Schauspieler, Regisseur und Autor René Heinersdorff (58) auch noch gleich drei eigene Theater hat, wird diese Röhre immer länger und es fällt von der anderen Seite auch deutlich weniger Licht rein. Und vorn leuchtet dann schon eher die Frustations-Lampe und gibt ihr kaltes, unwirtliches Weiß ab. Grund genug also für ein Stimmungs-Kontroll-Gespräch mit dem Düsseldorfer Allrounder, der in der Vergangenheit in vielen Interviews mit der Heimatzeitung und dem Autor seine unkaputtbare Fröhlichkeit unter Beweis gestellt hat. Aber wie man in diesen Tagen immer wieder hört, kann auch so etwas endlich sein.

treu trifft - René Heinersdorff
treu trifft - René Heinersdorff

Lieber René, die Welt ächzt nach wie vor unter der Pandemie-Last. Nun bist Du als Mime und auch Autor für das unterhaltend Positive bekannt. Und für das gelungene Happy End. Ich frage Dich jetzt nicht, ob Du Corona was Unterhaltendes abgewinnen kannst, aber ich frage: Gibt es eine besondere Form von Optimismus für ein Leben nach oder mit Corona?

Ich war ja immer Optimist und finde auch, dass eine literarische Vorlage dadurch nicht schlechter wird, dass sie ein Happy End hat. Wir Deutsche glauben ja gerne, dass es erst dann literarisch wertvoll ist, wenn es kein Happy End gibt. Und wenn es ein Happy End hat, ist es Unterhaltung. Also ich persönlich bin immer positiv und hoffe auch auf ein Happy End, auch wenn viele Dinge und Fragen einem natürlich die Sorgenfalten ins Gesicht treiben.

Hast Du mit solchen Corona-Ausmaßen beziehungsweise Auswirkungen gerechnet?

Nein. Es ist natürlich dadurch auch Sorge um die Politik in unserem Lande. Es hat mich alles schon sehr bedenklich gestimmt. Bei aller Schelte – mal auf die Grünen, mal auf die FDP, mal auf die CDU oder die SPD – aber dass das letzten Endes so daneben geht, dass das Management so dermaßen versagt, das erweckt natürlich in mir den Eindruck, dass wir in einem führerlosen Schiff übers Meer treiben.

Es gibt Kollegen von Dir, die beschreiben die aktuelle Lage als „künstlerisches Koma“. Nun hat ein Koma oft immer noch die Hoffnung des Wieder-Erwachens in sich. Aus eigener Kraft oder mit ärztlicher Hilfe. Die eigene Kraft der Branche wird man wohl vergessen können, oder?

Ehrliche Antwort? Ich bin ja jetzt viel zuhause und es gefällt mir hier. Ich habe schon gedacht, ich könnte hier gerne einziehen. Ich habe ja hier noch nie gewohnt, weil ich ja immer unterwegs war. Daraus kann man natürlich auch eine Kreativität entwickeln, weil man auf ganz fundamentale Dinge wieder zurückgeworfen wird. Aber mir gehen auch die Leute auf den Nerv, die sagen: Mensch, jetzt seid doch mal kreativ, jetzt habt Ihr doch Zeit. Aus Krisen könnt Ihr Künstler doch was entwickeln. Das sagen meistens die Leute, die ihre 14 Monatsgehälter in irgendwelchen soziologischen Institutionen weiter erhalten. Ich hatte gerade vier Wochen Proben in München und man kam sich vor wie das letzte Orchester der „Titanic“. Wir spielen jetzt noch mal drauf los, obwohl wir wissen, dass wir wahrscheinlich gar nicht zum Spielen kommen. Und so war es dann auch. Acht Tage vor der Premiere war wieder Schluss. Die Politik macht das natürlich auch immer sehr schön kurzfristig.

Corona treibt die Menschen zunehmend in die digitale Welt: Wird man Euch, wenn Ihr wieder öffnen dürft, die Bude einrennen oder werden die Menschen warten, bis Du endlich auch den Livestream anbietest?

Den Tod des Theaters gibt es als Prognose schon seit Aristoteles. Und solange ich am Theater bin, wird mir schon gesagt: Das Boulevard wird nicht überleben, das Theater ist ein Auslaufmodell. Das halte ich für Quatsch. Ich glaube, dass in einer immer stärker digitalisierten Welt die Sehnsucht nach analogen Erlebnissen immer größer wird. Theater ist eine der wenigen Sachen, zu der man noch hin muss. Dieter Nuhr hat mal gesagt: „Mami, was ist das denn, dieses ‚draußen‘?“ Und die Mutter hat gesagt: „,Draußen‘, mein Junge, das ist da, wo der der Pizzabote herkommt.“ Deswegen bin ich auch kein Freund von der Leichtnehmerei. Wenn wir das jetzt etablieren und man guckt jetzt zuhause, dann ist das ja nicht die Atmosphäre des Theaters. Ich will ja das Haarspray der Frau vor mir riechen. Ich möchte, dass die Reihe wackelt, wenn die Leute lachen. Das Drumherum spielt eine große Rolle, das Sich-schön-Machen, das Hinterher-essen-Gehen. Dieses Großstädtische, was Theater immer vermittelt, auch in der Kleinstadt, das ist schwer zu digitalisieren.

Kann man jetzt schon absehen, wie sich Besucherverhalten durch Corona verändern wird? Kann die Ansteckungsangst auch weiterhin abschreckend sein?

Davon bin ich überzeugt. Das hat die Politik ja auch versäumt, die Kulturinstitutionen als geschützte, kontrollierbare Räume zu nutzen. In denen man die sozialen Kontakte leben könnte, die man in der Pandemie vermisst. Und zwar kontrolliert leben könnte. Wir unterliegen ja mit den Theatern, die über 200 Plätze haben, der Versammlungsstätten-Verordnung und somit dem TÜV. Der fordert einen Frischluftumsatz, der Ansteckungsgefahren komplett ausschließt. Das wird zweimal im Jahr geprüft – und die sind da auch knallhart. Das war auch vor Corona schon so, weil man ja vermeiden wollte, dass jemand mit einer Grippe ins Theater geht, einmal niest und plötzlich sind 400 Leute krank. Das ist aber alles nicht kommuniziert worden. Stattdessen wurde gesagt: „Neiiin, das ist ein Innenraum, da treffen sich Leute, die gehen alle gemeinsam rein und gehen alle gemeinsam wieder raus.“ Was ja so auch nicht stimmt. Und deshalb ist das also gefährlich. Das hat das Publikum nach meinem Dafürhalten verinnerlicht. Und bevor wir nicht eine gewisse Herdenimmunität haben, sind die Leute sehr vorsichtig. Wir kennen ja die Zahlen von September und Oktober, wo wir auch nur begrenzt besetzen durften, aber selbst diese Kapazitäten haben wir nicht vollbekommen, weil die Leute skeptisch waren.

Und wenn die Leute geimpft wären?

Ich bin ein großer Befürworter, jetzt die Geimpften ins Theater zu lassen. Ich bin ein Gegner dieser Neiddiskussion. Das ist absurd. Es ist ja ein Irrtum zu glauben, dass es im September einen Knall gibt und dann können wir alle wieder . . . Ich würde das sogar fördern, dass alle Geimpften die Rechte, die ihnen zustehen, auch wieder ausleben können.

Schauspielerinnen und Schauspieler – mal abgesehen von den Cracks der Branche – sind ohnehin nicht auf Rosen gebettet. Das wird vom Zuschauer oft überschätzt. Wird es ein Existenzen-Vernichten geben?

Ich fürchte ‚ja‘. Ich bin ja Vorsitzende der Privattheater-Gruppe im Deutschen Bühnenverein. Die Privattheater waren ein Jahr lang erstaunlich still. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Abonnenten sich teilweise sehr kulant verhalten haben, dass Vermieter entgegengekommen sind, das die eine oder andere Förderung geflossen ist, auch dass Kurzarbeitergeld in Teilen geflossen ist. Das hat das dazu geführt, dass man die Krise im geschlossenen Zustand ganz gut übersteht. Trotzdem sind diese Ressourcen natürlich endlich. Wenn das jetzt über den Herbst hinausgeht, dann wird es ein großes Theatersterben geben und auch für viele Künstler wird eine große existenzielle Not entstehen.

Die Schauspielerin Julischka Eichel hat einen bemerkenswerten Brief an die Politik geschickt. Darin heißt es zu den finanziellen Unterstützungen: „Wir sind nirgendwo einzuordnen. Wir sind freischaffend, aber nicht selbstständig, weil wir nach sehr alten Definitionen weisungsgebunden sind und keine Rechnungen schreiben dürfen. Man nennt unsere Art von Beschäftigung ‚unständige Beschäftigung‘ und sie ist niemals eine ‚Nebenbeschäftigung. Das ‚Un‘, es bedeutet Unheil und Unbill.“ Und Julischka Eichel schreibt weiter: „Die Novemberhilfen, die Dezemberhilfen, die Ersthilfen, die Neustarthilfen, alle gehen an uns vorbei, weil wir nicht selbstständig im klassischen Sinne sind, weil wir keine oder wenige Einnahmen an selbstständiger Arbeit haben, eben weil wir keine Rechnungen schreiben.“ Ist das nicht zum Verzweifeln?

Die Julischka beschreibt das schon sehr genau. Das ist auch das Problem, dass wir ständig mit den Finanzämtern zu kämpfen haben, die uns verbieten, dass die Leute uns Rechnungen stellen dürfen. Wir müssen sie fest anstellen, womit sie alle Verpflichtungen eines nichtselbständigen Angestellten haben, aber längst nicht die Rechte, weil sie eben nicht kontinuierlich angestellt sind. Das ist ein Riesenproblem. Allerdings muss man der Julischka auch entgegenrufen: Das ist ja nicht so, dass das ein Geheimnis ist. Das weiß man ja, bevor man den Beruf ergreift. Und das ist auch ein wenig das, was mich bei der Diskussion, bei dem Schrei nach Steuergeldern stört. Viele Kulturschaffende tun so, als hätten sie einen Auftrag erhalten vom Staat. Und jetzt läuft es nicht und jetzt muss der Staat das ersetzen. Das ist nicht der Fall. Wir haben uns alle freiwillig entschieden, Künstler zu werden. Mit allen Aufs und Abs. Trotzdem gibt es da natürlich massive Ungerechtigkeiten und Abläufe, die man so nicht stehen lassen kann.

Aber wird sich Corona auch auf das künftige Gagen-Niveau auswirken?

Das hat es ja schon gegeben. Gerade in der Anfangsphase wird man merken, dass alles wieder neu startet. Es geht ja dabei auch nicht um einen Erhalt der Gage, sondern zunächst einmal um einen Erhalt der Häuser.

Konnten die Privattheater bis dato überhaupt von dem Hilfsangebot des Staates profitieren? Oder seid Ihr außen vor geblieben?

Nein, das kann man nicht sagen. Das wäre ungerecht. Es gab Förderprogramme auf kommunaler Ebene, vom Land und vom Bund. Die Politik hat da schon was getan. Entscheidend wird natürlich sein, inwieweit sich die einzelnen Förderungen, die wir alle überall beantragt haben, sich irgendwann sogar widersprechen. Also dass der Minister sagt: „Wenn Ihr die Kulturförderung bekommen habt, dann müsst Ihr die Wirtschaftsförderung aber wieder zurückzahlen.“ Wir haben natürlich immer versucht, das transparent zu begründen, wo das Geld hinfließt. Im Moment ist es so, dass die Konten gedeckt sind. Viel schlimmer wird es aber, wenn wieder gestartet wird. Ich kann das mal an meinem Fall sagen: Das geschlossene Theater kostet im Moment etwa 25.000 Euro mit allen Nebenkosten. Wenn wir wieder hochfahren, dann brauchen wir im Monat etwa 150.000 Euro. Und diese 125.000 Euro Differenz sind natürlich im Moment nicht zu erwirtschaften.

Die Politik hat ja immer alle Häuser über einen Kamm geschert, hat von einem Tag auf den anderen – egal, ob es Hygiene- und Gesundheitskonzepte gibt und egal, ob sie funktionieren – für alle Häuser dasselbe entschieden. Ist das am Ende doch nachvollziehbar?

Ich hätte mir das sehr gewünscht, aber ich weiß natürlich nicht, wie dann in Deutschland der Verwaltungsaufwand ausgesehen hätte. Aber ich rede auch gar nicht von meinem Haus. Nehmen wir mal das Parktheater in Iserlohn. Wenn man da 300 Leute reingesetzt hätte, im Schachbrett mit Maske und Abstand sowie kontrolliertem Ein- und Ausgang. Wer soll sich denn da anstecken?

Ich habe den Satz von einem Kollegen von Dir gelesen: „Es gilt nicht länger, in Stillstand zu investieren, sondern in Maßnahmen, die ein gesellschaftliches Miteinander wieder ermöglichen.“ Was wären Deine Vorschläge für solche Maßnahmen?

Ich würde für Geimpfte öffnen und eine Quote erfinden mit eben den genannten Möglichkeiten. Wenn jetzt noch über Testung geredet wird, was ich gar nicht für nötig halten würde, dann würde ich es unbedingt versuchen. Klar, wir diskutieren hier nur, weil das mit den Impfungen versemmelt worden ist. Der viel gescholtene Bill Gates hat im Mai vor einem Jahr gesagt: Baut Produktionsstätten, auch wenn Ihr den Impfstoff noch gar nicht habt, bevor das mit den Mutationen losgeht. Bei uns ist der letzte Sommer komplett verschlafen worden.

Zurück auf Anfang: Sag doch bitte noch was Hoffnungsvolles . . .

Die Hoffnung ist, dass die Impfungen auch wirklich Fahrt aufnehmen, dass die Mutanten auch wirklich abgedeckt sind. Dass wir wieder irgendwo sitzen können und Spaß haben. Diese halbleeren Theatersäle machen ja auch nicht wirklich Freude.

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