Historisches

„Rote Clementine“ in Erinnerung gerufen

Den Lebensweg von Clementine Varnhagen will Dr. Walter Wehner auch in einem Buch nachzeichnen.

Den Lebensweg von Clementine Varnhagen will Dr. Walter Wehner auch in einem Buch nachzeichnen.

Foto: May

Iserlohn.   Dr. Walter Wehner hat den Weg der Sozialdemokratin Varnhagen verfolgt.

Eine bedeutende Sozialdemokratin, die nahezu in Vergessenheit geraten ist, hat Dr. Walter Wehner im Rahmen der stadtgeschichtlichen Vortragsreihe von Volkshochschule und Stadtarchiv jetzt vorgestellt. Die wenigen Informationen, die über Clementine Varnhagen greifbar gewesen seien, seien dem ehemaligen Stadtarchivar Götz Bettge zu verdanken. Für das Lexikon „Markante Köpfe aus dem Märkischen Kreis“ hatte er eine Kurzbiografie von ihr beigesteuert, die auch im „Iserlohn-Lexikon“ und gekürzt im „SPD-Stadtkalender für Iserlohn“ erschienen ist.

Geboren wurde Clementine Varnhagen als wohl einziges Kind des Schneiders Friedrich Löber und seiner Frau Sophie Henriette Wilhelmine aus Schieder am 16. Juni 1857 in Lemgo. Der Vater starb 1863 an „Lungenschwindsucht“, die Mutter zog zu Verwandten in ihren Geburtsort. Das Detmolder Waisenhaus spielte danach eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle im Leben von Clementine. Sie trat am 2. Dezember 1882 in die von-Bodelschwinghschen-Anstalten ein, absolvierte dort eine zweijährige Ausbildung im Bereich der Krankenpflege und Kleinkinderschulen, begleitet von einer diakonisch-theologischen Unterrichtung. Zwischenzeitlich arbeitete sie auch in der Privatpflege in Detmold. Allerdings kam es nie zu einer Einsegnung, Clementine war „Hilfsschwester“, auch wenn sie äußerlich nicht von einer Diakonisse zu unterscheiden war. Über ihre spätere berufliche Verwendung durfte sie nicht selbst entscheiden, ihre „Einsatzorte“ bestimmte das Mutterhaus.

Laut Einträgen auf ihrem „Zeiten“-Karteiblatt arbeitete sie jeweils für einige Monate in Krankenhäusern in Uflen, Werdohl und dann in Iserlohn. Das heimische Armen- und Krankenhaus, heute Seniorenzentrum Waldstadt Iserlohn, wurde 1855 eingeweiht. Neben der medizinischen Versorgung von Kranken diente es auch als „Anstalt für nicht völlig erwerbsfähige oder sonst der Pflege und der Aufsicht bedürftige erwachsene Arme“ und zugleich als „Pflege- und Erziehungsanstalt für verwahrloste und verlassene Kinder, die in das kirchliche Waisenhaus nicht aufgenommen werden konnten“.

Aus ländlicher Idylle in denungezügelten Kapitalismus

Den Grund für Clementines Versetzung nach Iserlohn liefert ein Artikel der Heimatzeitung: Er berichtet von der Überfahrt von sieben Krankenschwestern nach New York, als Ersatz für sie „trafen eine Oberin und zwei Schwestern vom Diakonissenhause in Bethel ein“. Clementine war aus der ländlichen Idylle und dem behüteten Leben in der von-Bodelschwinghschen Anstalt nun im realen, ungezügelten Kapitalismus angekommen. Sein Wirtschaftsmodell basierte auf Ausbeutung, christliche Sozialpolitik oder radikale kirchliche Auslegungen der Bergpredigt widersprachen den Vorstellungen der Fabrikbesitzer.

„Wie wird ,Fräulein Löber’ zur ,Roten Clementine’?“ Diese Frage beantwortete Wehner wie folgt: „Indem sie ihre Umwelt wahrnimmt, mit offenen Augen und unvoreingenommen. Sie wird in Iserlohn schnell gemerkt haben, dass der fürsorgliche Umgang mit Menschen in Bethel nicht den sozialen Verhältnissen in Iserlohn entsprach, nicht bei der Fabrikarbeit, nicht in den Familien der Werktätigen, nicht, was Ernährung, Gesundheit und Bildungschancen betraf. Und dass weder Staat noch Kirche Abhilfe schufen. Frauen waren von Wahlen und politischen Mandaten ausgeschlossen. Nach einer mündlichen Überlieferung soll Clementine an Arbeiteraufständen in ihrer Diakonissentracht teilgenommen haben. Dazu, so Wehner, gehörte Mut – den sie augenscheinlich besaß und ihr den Ehrennamen „Rote Clementine“ eintrug. Aber auch die Erfahrung, dass ihr Engagement missbilligt und versucht wurde, sie auf den „rechten Weg“ zurück zu führen. Das Mutterhaus in Bethel entschied 1886, sie zunächst nach Lippstadt zu schicken und sie nach Bremen zu versetzen. Sie bildete sich während dieser Zeit weiter.

Am 1. Dezember 1888, etwa einen Monat nach ihrem Austritt aus dem Mutterhaus, heiratete Clementine den Iserlohner Fabrikarbeiter und Firnisser Johannes Ludwig Copalle, einen Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Er gehörte 1865 zusammen mit dem „Rechtsgelehrten“ Carl Wilhelm Tölcke und dem „Fabrikmeister“ Carl Brändgen zu den Gründungsmitgliedern des Iserlohner Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Im November 1867 und August 1868 wurde er in den Vorstand gewählt, der deutsch-französische Krieg unterbrach seine politische Tätigkeit, aber bereits 1873 wurde unter seinem Vorsitz wieder ein „Wahl-Comité der Arbeiter und Bürger“ gebildet.Trotz staatlicher Unterdrückung engagierte sich Copalle in verschiedenen Funktionen. Clementine hatte also nicht ein einfaches Parteimitglied, sondern einen der Spitzenfunktionäre geheiratet. Er starb mit 51 Jahren.

Zweiter Ehemannwar SPD-Mitbegründer

Im April 1895 heiratete Clementine zum zweiten Mal: Gustav Eduard Varnhagen, ein Freund ihres ersten Mannes. Er war Metallarbeiter und Gewerkschafter, zuletzt arbeitete er als Stadtbote. 1882 soll er, laut einem Zeitungsinterview seines Sohnes, an der Gründung der Iserlohner SPD mitgewirkt haben, 1902 gelang es ihm, eine Stichwahl zu erzwingen, in der er unterlag, später jedoch wurde er Ratsherr.

Die Einführung des Acht-Stunden-Tages am 23. November 1918 bei vollem Lohnausgleich für alle Arbeiter, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts, veränderte nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das familiäre Leben vieler Iserlohner Werktätiger. 1919 hatte Marie Juchacz, Mitglied der deutschen Nationalversammlung, zusammen mit drei weiteren Frauen die AWO als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD gegründet. Die AWO war damit im Gegensatz zur Mutterpartei von Anfang an keine reine Männerangelegenheit. Schon 1918 hatte sich in Iserlohn eine Art Vorläuferorganisation, der auch Clementine Varnhagen angehörte, gegründet. Sie ergriff die Chance, sich politisch zu engagieren. Das Stadtverordnetenprotokoll vom 12. Dezember 1918 teilt ihre Wahl als „Armen- und Waisenpflegerin für den 8. Bezirk“ mit. Sie wurde damit noch vier Wochen vor ihrem Ehemann Eduard im Amt bestätigt. Einige Monate später beantragte die SPD-Fraktion die „Erhöhung der laufenden Armenunterstützung“.

Obwohl Clementine bei der Hochzeit bereits 39 Jahre alt war, bekam sie noch vier Söhne. Drei von ihnen fielen im Ersten Weltkrieg. Ihr zweiter Mann starb am 3. Oktober 1921 mit 67 Jahren an einer Lungenentzündung. „Die rote Fahne im Leichenzug“ wird von der nationalkonservativen Presse empört kritisiert.

Zwischenzeitlich dieeinzige Stadtverordnete

Am 4. Mai 1924 erhielt Clementine ein Mandat für die Stadtverordnetenversammlung, wurde 1929 wiedergewählt. Clementine wurde als einzige Frau in die „Schuldeputation“ entsandt, außerdem gehörte sie der „Wohlfahrtskommission“ an. Mit der Kommunalwahl von 1929 zogen drei weitere Frauen in die Stadtverordnetenversammlung ein. Wiederum einzige Frau dort war Clementine nach den Wahlen 1933. Sie wohnte damals in der Hagener Straße 19, ihre Nachbarn waren der Journalist und Verfasser parapsychologischer Schriften Bruno Gra­binski und der Polizei-Unter-Wachtmeister Theodor Leukel. Clementine befand sich also, ganz abgesehen von „ihrem“ zuständigen Blockleiter, direkt unter staatlicher Beobachtung. Am 11. April nahm sie zum letzten Mal an der Stadtverordnetenversammlung teil, am 15. Mai teilte sie dem Vorsitzenden Dr. Fritz Katz (NSDAP) schriftlich grußlos mit, dass sie ihr Amt niederlege.

Von 1935 bis ‘36 lebte sie bei ihrem Sohn Otto in Leverkusen, kehrte aber nach Iserlohn zurück. Im ehemaligen Armen- und Krankenhaus verbrachte sie ihre letzten Jahre – ihr erster Arbeitsort in der Waldstadt wurde so auch zum letzten Wohnort, ein bemerkenswerter Lebenskreis schloss sich nach vielen Umbrüchen und Zeitenwechseln. Am 8. November 1947 starb sie an einer Gehirnblutung. Ihre Urne wurde zwischen den Grabstätten ihrer Ehemänner beigesetzt: Links von ihr ruhte Ludwig Copalle, rechts Eduard Varnhagen. Wehner schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Besitz und Reichtümer hat Clementine nicht hinterlassen. Nicht einmal einen Grabstein. Nur einen Traum. Den Traum von einer gerechteren Welt, nach ein bisschen Glück auch für sie. Die Schatten sind immer noch da, sie tragen nur andere Namen.“

Im Anschluss erfuhren die Zuhörer, dass Walter Wehner ein Buch über die „Rote Clementine“ plant.

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