Traditionscafé

Schalke, Bier und Sauerbraten

Willy Nachtegaal (2.v.re.) geht nach 46 Jahren als Wirt im Café Hilbrand Jahren 75-jährig in den Ruhestand

Willy Nachtegaal (2.v.re.) geht nach 46 Jahren als Wirt im Café Hilbrand Jahren 75-jährig in den Ruhestand

Foto: Michael May

Iserlohn.   Willi Nachtegaal gibt 75-jährig das Traditionscafé Hilbrand am Nußberg in jüngere Hände. 46 Jahre war er der gute Wirt in der Bremke.

Willi Nachtegaal lacht herzhaft und lässt sich seine Roulade schmecken. Schmeckt wie bei Muttern, wobei das im Fall des fröhlichen Wirtes den Tatsachen entspricht, denn die guten alten Rezepte für die Deutsche Küche hat er von seiner Mutter Elisabeth. Sie hat das Handwerk gelernt, in den Niederlanden sogar mal für einen Baron gekocht und die Hausmannskost mitgebracht, als sie in den ersten Jahren ihrem Sohn half. Das war 1972, als Willi Nachtegaal das Traditionshaus „Hilbrand“ übernahm. „Am 28. April“, wie der Chef sagt, der mit 75 Jahren nun den Herd abstellt und den Zapfhahn übergibt. Nicht, ohne die Schalke-Deko aus dem Spiegelregal hinter der Theke auszuräumen und das Rezept für den Rheinischen Sauerbraten dazulassen.

Der stand all die Jahre auf der Karte. Immer wieder sonn- und feiertags, wenn Willi Nachtegaal für die treuen Gäste des Traditionscafés in seiner kleinen Küche gekocht hat. Mit viel Liebe und der Erfahrung, die er im Laufe seines bewegten Lebens und der soliden Ausbildung im einst legendären „Parkhaus Kaiserau“ gesammelt hat. Dort hat auch Starkoch Frank Rosin gelernt, allerdings ein paar Jahrzehnte nach Willi Nachtegaal, der in den 60er Jahren nach Iserlohn kam und sich bald als Gastronom einen Namen machte.

Zeitweise führte er beide Traditionsgaststätten auf dem Nußberg – das Hilbrand und Sommer in der Bremke. „Das wurde eines Tages zu viel“, erinnert er sich. Das Café Hilbrand blieb. Es ist seit 87 Jahren an Ort und Stelle und jetzt gibt Nachtegaal, der das Rentenalter seit zehn Jahren eigentlich erreicht hat, an den 26-jährigen Darko Janev ab, der das Haus künftig im Sinne des langjährigen Vorbesitzers führen will. „Mit leichten Veränderungen, einigen anderen Gerichten auf der Karte, aber natürlich als gut geführtes Stammlokal“, wie er gemeinsam mit seiner Mutter Gabriela erklärt. Die Familie, der Vater stammt aus Mazedonien, hat Erfahrung in der Gastronomie.

Willi Nachtegaal, der das Café viele Jahre gemeinsam mit seinem Partner Victor geführt hat, geht auch ein wenig erleichtert in den Ruhestand und kommt ins Schwärmen, wenn er an die turbulenten Zeiten denkt, als man in Iserlohn in der Ratsklause feierte oder in der Raketenbar, als er selbst im Café Hilbrand, wo meistens einer seiner Schäferhunde wachte, nach dem offiziellen Teil mit den treuen Gästen die Jukebox spielen ließ und alle, die noch Ausdauer hatten, dabei auf Tischen und Bänken und auch auf der Theke tanzten.

Eheleute, weiß Willi Nachtegaal noch, kamen und gingen. Manche kamen irgendwann mit dem oder der Neuen zurück. Man behielt für sich, was man so erzählt bekam. „Ein guter Wirt ist Geheimnisträger, und manches, was ich wusste, das wussten die Ehepartner nicht“, lacht Nachtegaal und erinnert sich daran, als die Busse Richtung Ruhrgebiet noch am Café Hilbrand vorbeifuhren und auch hielten, wie die Schalke-Fans auf dem Weg nach Gelsenkirchen hier Station machten und die große Fahne ausbreiteten, um ein Gebet für den Heimsieg Richtung Schalke zu sprechen.

Als die Puppen tanzten,waren die Nächte lang

Nicht immer wurde die Bitte ganz oben gehört, aber ein „Pilsken“ zur Vorbereitung aufs Spiel der Königsblauen gehörte natürlich dazu. „Inzwischen“, sagt Willi Nachtegaal augenzwinkernd, „kommen auch Dortmunder und Kölner oder Stuttgarter, sogar Bayern“. Der neue Wirt Darko Janev ist trotz der Leidenschaft für die Münchner selbstverständlich tolerant, was die Anhänger anderer Vereine angeht, die bei ihm einkehren werden.

An der Wand hängt eine Urkunde aus dem Jahr 2011, der damalige Direktor der Privatbrauerei Iserlohn bedankt sich auf dem gerahmten Papier bei Willi Nachtegaal für die Jahrzehnte der Treue. Die Brauerei ist Geschichte, Willi Nachtegaals Geschichten klingen wie viele aus der Zeit, als in den Lokalen und Kneipen der Stadt noch die Puppen tanzten und die Nächte lang waren.

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