Obere Mühle

Schicksal in die eigene Hand nehmen

Auf dem „Platz der Kulturen“ zeigten auch die Fabrikbewohner Flagge.

Foto: Michael May

Auf dem „Platz der Kulturen“ zeigten auch die Fabrikbewohner Flagge. Foto: Michael May

Iserlohn.   Fabrik-Bewohner wollen Brandschutzmaßnahem in Teilen selbst umsetzen.

Stillstand ist der Tod – nirgendwo bewahrheitet sich dieser Satz derzeit so sehr wie an der Oberen Mühle, wo nun schon seit geraumer Zeit Stillstand herrscht, der das seit rund 30 Jahren bestehende alternative Wohnprojekt in der Tat sterben zu lassen droht. Die Bewohner wollen das nicht länger mit ansehen und werden – nachdem der Besitzer Jörg Rodegra angekündigt hat, nicht weiter zu investieren – selbst aktiv. Es geht um die Umsetzung von Brandschutzmaßnahmen, die – so die Hoffnung der Bewohner – eine kurzfristige Wiederinbetriebnahme einzelner Gebäudeteile ermöglichen könnte. Ein Brandschutzsachverständiger hatte den Maßnahmenkatalog noch im Auftrag von Jörg Rodegra aufgestellt, die Stadt hatte diese Pläne für ausreichend befunden, um die Wohnnutzung für den Übergang zu genehmigen.

Der Leidensdruck bei den Bewohnern ist groß – nicht nur, weil sie ihren Wohnkomfort verloren haben. Zum einen klagen sie in der Mehrzahl über den Zustand der Notunterkünfte, die teilweise wegen starken Schimmelbefalls auch in gesundheitlicher Hinsicht fragwürdig seien. Zum anderen haben sie mit ihren Wohnungen auch ihre Gemeinschaft und ihren Lebensinhalt verloren. Viele haben in den ehemaligen Hallen mit Werkzeug, Maschinen und ihrer täglichen Arbeit gelebt. „Ich weiß einfach nicht, was ich den ganzen Tag machen soll“, sagt ein Bewohner – den Verlust der Tagesstruktur nennt man das wohl in der Sozialarbeit.

Brandschutzmaßnahmennach und nach umsetzen

Also zurück in die Fabrik und tun, was zu tun ist, lautet die Devise. Die Bewohner, die sich inzwischen organisiert, Sprecher gewählt und eine interne Kommunikation aufgebaut haben, sind im Besitz des Maßnahmenkatalogs, der anhand von Lageplänen zeigt, was wo zu tun ist. Demnach ist das von Toni di Lorenzo besprühte Gebäude direkt am Radweg das mit dem niedrigsten Sanierungsbedarf. Einige Wände müssen überprüft werden, und der Fahrstuhlschaft muss auf allen Ebenen verkleidet werden, um Brandbrücken zu vermeiden. Der Plan der Bewohner sieht vor, dieses Gebäude zu sanieren und von der Bauaufsicht abnehmen zu lassen, um dann allesamt dort einzuziehen und sukzessive weitere Teile des Objekts anzugehen. Drei der insgesamt fünf Gebäude möchten die Bewohner auf diese Weise selbst brandschutztechnisch aufwerten, das Hauptgebäude zur Oberen Mühle hin zählt nicht dazu. Hier seien der Sanierungsbedarf und auch die Auflagen wegen der einstmals geplanten Veranstaltungsflächen zu hoch.

Dass die Hürden ebenfalls sehr hoch sind, ist den Bewohnern bewusst. Alles muss ordnungsgemäß umgesetzt werden, und von vorn herein gehört auch eine zentrale Brandmeldeanlage zu den Maßnahmen. Dennoch sind sie guter Hoffnung. Auf dem Spendenkonto sind schon einige Überweisungen eingegangen, Handwerker und andere Unterstützer, die Materialien liefern, sind mit im Boot. Und auch die Stadt sende nach Aussagen der Bewohner positive Signale, um die Eigeninitiative wohlwollend zu begleiten. So werden die versiegelten Hallen geöffnet, wenn gearbeitet wird. Auch die ersten Maßnahmen zur Sicherung der Fabrik seien nicht untersagt worden. So haben sie zum Schutz ihrer Habe weitere Zugänge zum Gelände mit Gitterzäunen verschlossen und zusätzlich zum offiziellen Sicherheitsdienst auch eigene Leute abgestellt, die nachts Wache halten.

Auf der Suche nach langfristigen Lösungen

Dass den Bewohnern dieser Weg zum schnellen Wiedereinzug über Teilfreigaben einzelner Gebäude eröffnet wird, wird von der Stadt derzeit offiziell nicht bestätigt. Grundsätzlich sei aber auch die Verwaltung sehr unzufrieden mit dem derzeitigen Stillstand, wie Pressesprecherin Christine Schulte-Hofmann sagt, und arbeite fieberhaft an Lösungen, um die Wohnnutzung in der Fabrik auch langfristig im Sinne der jetzigen Bewohner zu legalisieren. Nachdem Jörg Rodegra seine Kaufabsichten erneuert und präzisiert hat, steht nun vor allem die Neuordnung der Besitzverhältnisse im Raum. Wie Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens am Rande der Eröffnung des Platzes der Kulturen erklärte, wolle die Stadt die Fabrik selbst nicht kaufen. Dennoch sei sie aber auf der Suche nach möglichen Investoren und denke auch über andere Möglichkeiten nach, etwa über die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft (siehe Bericht unten).

Jörg Rodegra spricht von Kaufinteressenten

Ähnliche Überlegungen laufen auch bei den Bewohnern, die in ihren Bemühungen nach wie vor sehr intensiv von der Wählergemeinschaft „Die Iserlohner“ und dem Vorsitzenden des Fördervereins der „Werkstatt im Hinterhof“, Klaus Stinn, unterstützt werden. Denn nach den Sofortmaßnahmen – das hat die Stadt immer deutlich gemacht – muss zur langfristigen Legalisierung ein Bauantrag her, und dazu ist ein neuer Besitzer oder Investor nötig. Eine Stiftung? Ein gemeinnütziger Verein? Es gibt derzeit viele Überlegungen.

Jörg Rodegra, der unserer Zeitung gegenüber angegeben hat, der Eigeninitiative der Bewohner keine Steine in den Weg zu legen, spricht mittlerweile von drei potenziellen Käufern, die auch die derzeitige Wohnnutzung aufrecht erhalten wollen. Das sei grundsätzlich Bedingung bei einem Verkauf. „Es geht mir ja um meine Mieter“, sagt Rodegra, der sich auch zurück zieht, weil er eingesehen habe, Teil des Problems und der verfahrenen Situation zu sein. 700 000 Euro ruft er auf. Deutlich mehr habe er investiert, einen Teil des Erlöses wolle er den Bewohnern für bereits geleistete Investitionen geben.

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