Medizin

Schon bald steht ein Bachelor am Krankenbett

Philipp Tessin ist neuer Pflegedienstleiter im Bethanien

Philipp Tessin ist neuer Pflegedienstleiter im Bethanien

Foto: IKZ

Iserlohn.   Philipp Tessin ist neuer Pflegedienstleiter im Bethanien-Krankenhaus. Wir haben ihn an seiner neuen Wirkungsstätte getroffen.

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Ein Spätnachmittag vor ein paar Tagen im September. Die Dame an der Pforte des Bethanien-Krankenhauses hat gesagt, das Büro des Philipp Tessin sei vielleicht etwas schwer zu finden, aber er käme dem Besucher bestimmt ein Stück entgegen. In der Tat steht eine Fahrstuhlfahrt, gefühlten siebzehn Mauerecken und einige Treppe später ein stattlich-kerniger Mann auf dem Flur, der in diesem Moment mit gezirkeltem Bart und oben ohne Haare stark an den Sänger, der „Graf“ erinnert. Auch wenn er in den nächsten Minuten nicht singen wird „Geboren, um zu pflegen“, merkt der Besucher aber doch schon nach wenigen Minuten, dass der neue Pflegedienstleiter des Krankenhauses an der Hugo-Fuchs-Allee mit seinen gerade noch 39 Jahren das alte Wortspiel von „Beruf“ und „Berufung“ mit Leben füllen und sich offenbar der Herausforderung stellen will, die Krankenhauspflege in ihrem Spagat zwischen medizinisch-technokratischen Anforderungen und Kostenrahmen auf der einen Seite und Ansprüchen an die Menschlichkeit und das Ambiente auf der anderen mit neuen Impulsen zu versehen.

Patient löst beim Eintreffen eine Kettenreaktion aus

Philipp Tessin ist in Iserlohn geboren, wohnt in Sümmern und ist verheiratet mit einer Diplom-Sozial-Pädagogin und Vater zweier Kinder. Er ist examinierter Krankenpfleger, hat seine Ausbildung am Elisabeth-Hospital in Iserlohn gemacht, hat später u.a. in der Zentralen Aufnahme des Marienkrankenhauses in Schwerte gearbeitet. Später im Gespräch wird er zustimmen, dass sich insbesondere in der Aufnahme bereits entscheiden kann, ob der Patient ein wirklich positives Verhältnis zu dem Krankenhaus aufbauen kann oder nicht. „Wenn es bei den ersten Kontakten bereits daneben geht, ist das in aller Regel nur schwer zu reparieren.“ Dass alle von der Pflege zu verantwortenden Bereiche möglichst reibungs- und nahtlos ineinandergreifen müssten, ist eine der Hauptanforderungen, der sich Tessin in den nächsten Monaten und Jahren stellen will. „Der Patient löst ja mit seinem Eintreffen im Krankenhaus tatsächlich eine abteilungsübergreifende Kettenreaktion aus, die nicht unnötig unterbrochen werden sollte.“

Zurück aber noch einmal zur Ausbildung des Pflegedienstleiters. Bethanien-Geschäftsführer Gerhard Glock berichtet dazu: „In seiner mittlerweile 15-jährigen Berufslaufbahn sammelte Tessin vielfältige Erfahrungen in unterschiedlichen Fachbereichen und profilierte sich darüber hinaus als Datenschutz- und Qualitätsmanagementbeauftragter. Seit 2013 ist der Pflegewirt zusätzlich als Lehrbeauftragter im Studienzentrum Münster der Hamburger Fernhochschule tätig.“

Kurze Nachfrage: Eine Akademisierung in der Pflege? Philipp Tessin: „Das ist in der Tat zu beobachten. Inzwischen haben wir in unserer Branche die ersten Bachelor, die auf den Stationen und am Bett arbeiten.“ Das hänge einfach auch mit dem veränderten Selbstverständnis der Pflege zusammen und auch mit den neuen Ansprüchen der Mitarbeiter an Aus- und Weiterbildung. Mit „evidence based nursing“, also einer ein wissenschaftlichen Fundierung und Hinterfragung der Arbeit mit und an den Patienten kennen die Fachleute dafür heute auch schon das richtige Profil der Zukunft.

Und die Menschlichkeit in der Pflege, das nette Wort zur rechten Zeit, das vielleicht mehr bewirken kann als jede Pille? Das sei natürlich nach wie ein zentrales Anliegen aller Beteiligten, allerdings müsse sich das auch mit den tatsächlichen Kapazitätsmöglichkeiten in Einklang bringen lassen. „Wir packen intensiv Strukturen und Prozesse an, um möglichst straffe Organisationen hinzubekommen, die am Ende auch zeitliche Freiräume schaffen können“, sagt Tessin, weist aber dabei auch immer wieder auf die faktischen Grenzen der Personalschlüssel hin. Rund 177 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind übrigens derzeit im Bethanien-Krankehaus in drei Schichten und an 365 Tagen im Jahr für die Patienten im Einsatz. Von Leiharbeit-Modellen, die an anderen Stellen im Land bereits angewendet werden, hält Tessin übrigens nichts: „Diese Leute mögen qualifiziert sein, kennen sich in den Häusern und mit den Abläufen nicht aus, das gibt unter Umständen nur Probleme.“ Zum Ausgleich bei akuten und massiven Personalausfällen sei es manchmal allerdings das „letzte Mittel“.

Nächstes Thema und mit Sicherheit auch ein Schwerpunkt-Aufgabenbereich: Keime und Krankenhaus-Hygiene. Tessin: Auch hier ist es wichtig, die Arbeitsabläufe klug zu strukturieren. Wir wissen aus unabhängigen Studien inzwischen ziemlich genau, dass die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und die Infektionsraten in den Häusern eindeutig zusammenhängen.“ Eine hohe Fachlichkeit, umfassende Hygienemaßnahmen und gutes, risikoabhängiges Screening könnten zudem die Infektionsgefährdung deutlich und nachhaltig absenken.

Ein Berufsbild mit eigenen Entscheidungsmöglichkeiten

Die letzte berufliche Station des Philipp Tessin vor Iserlohn war die Pflegedienstleitung im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dortmund, einer Schwerpunktklinik für Geria­trie. Und auch im Iserlohner Haus, das ebenfalls über eine solche Station verfügt, sieht Tessin da nun einen weiteren Arbeitsschwerpunkt. „Allein aus den Zahlen und Prognosen der Demografie wissen wir um die zunehmende Bedeutung. Die Patienten in den Krankenhäusern werden generell älter und ihre Zahl steigt zudem stetig an. Hinzu kommen fortschreitende Therapiemöglichkeiten und die Tatsache, dass mit verbesserter medizinischer Technik die Krankheit auch besser und länger behandelt werden kann.“ Da kämen allein auf die Bereiche der Mobilisierung im pflegerischen Bereich ganz neue Anforderung zu.

Und der Nachwuchs? „Unser Fachgebiet klagt zunächst einmal über einen tatsächlichen Fachkräftemangel, der einfach darauf zurückzuführen ist, dass weniger junge Menschen in die Ausbildung gehen.“ Dabei handle es sich allerdings doch um ein Berufsbild, dass geprägt sei von einem hohen Maß an Verantwortung, an eigenen Entscheidungsmöglichkeiten und vor allem auch zahlreichen Aufstiegsmöglichkeiten.“

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