Konzert

Schwergewichte kinderleicht

Laetitia Hahn spielte die Französische Suite Nr. 5 von Bach auf der Orgel.

Laetitia Hahn spielte die Französische Suite Nr. 5 von Bach auf der Orgel.

Foto: Max Winkler

Iserlohn.   Die jungen Virtuosen Laetitia und Philip Hahn laufen in der Johanneskirche zur Höchstform auf und lösen ungläubiges Staunen aus.

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Sie werden nicht gerne Wunderkinder genannt, auch ihre Eltern mögen das eigentlich nicht. Laetitia und Philip Hahn waren am Sonntag zu Gast in der Johanneskirche. Man kann nur mutmaßen, ob die überaus zahlreichen Besucher des Konzerts mehrheitlich gekommen waren, um Klaviermusik von Bach, Beethoven oder Mendelssohn-Bartholdy zu hören, oder, wie es in einer Ankündigung hieß, die Wunderkinder Laetitia und Philip Hahn zu bestaunen.

Schon in ihrer jüngsten Kindheit wurde sehr schnell deutlich, dass beide Geschwister auf vielen Gebieten eine außergewöhnliche Begabung aufweisen, nicht nur eine musikalische.

Beide Kinder konzertieren am Flügel und an der Orgel

Dass Kinder von Eltern mit hohem IQ-Wert mit einiger Wahrscheinlichkeit auch derartig ausgestattet sein werden – das lässt sich, wie in diesem Fall auch, noch erklären. Aber wo die bewundernswerte Musikalität herrührt, fragen sich nicht nur die Eltern, sondern dies ist eine der weiteren vielen Fragen, die jedem Zuhörer während des Ausnahmekonzerts durch den Kopf gegangen sein müssen: „Wie sieht der Alltag für derartig Hochbegabte aus, und gibt es auch genügend Schutzräume und ausreichend soziale Kontakte für sie?“ oder „Muss da nicht auch eine gehörige Portion Drill dabei sein?“ Während die erste Frage sicherlich in die Verantwortung der Eltern fällt und von diesen in Interviews durchaus auch reflektiert wird (Vater Christian: „Die Frage ‚Was tut unseren Kindern gut?’, steht bei uns immer im Mittelpunkt“), kann man die letzte Frage eindeutig verneinen. Die Unbeschwertheit und das Selbstbewusstsein, mit der die fünfzehnjährige Laetitia und ihr neunjähriger Bruder musikalisch ans Werk gehen, sind einfach verblüffend und lassen jeden Zweifel daran schwinden, dass eine derartige musikalische Hochleistung mit Drill zu erklären ist.

Sehr rasch und immer vorwärtsstrebend eröffnete Philip Hahn auf dem Flügel mit dem Italienischen Konzert von Johann Sebastian Bach das Programm, um gleich darauf mit einer Orgelversion des 1. Satzes aus der Sonate Wq 55, Nr.4 des Bach-Sohnes Carl Philip Emanuel seine Vielfältigkeit unter Beweis zu stellen – natürlich, wie auch die weiteren Vortragsstücke und die seiner Schwester, alles auswendig! Dass sich die romantische Epoche durchaus zu einer Stärke und damit zu einem der zukünftigen Schwerpunkte entwickeln könnte, deutete Philip daraufhin durch eine bemerkenswerte Interpretation der Balakirev-Adaption der „Lerche“ von Michail Glinka an.

Für das Multitalent Laetitia, die zusätzlich noch Geige spielt, schien es ebenso unproblematisch und anscheinend auch kinderleicht, die Französische Suite Nr. 5 von Bach auf die mechanische Traktur der Ott-Orgel zu übertragen. Die beiden nicht nur technisch, sondern auch interpretatorisch äußerst anspruchsvollen Schwergewichte des Programms, die Waldstein-Sonate von Ludwig van Beethoven und die Chaconne D-Moll von Johann Sebastian Bach in der Busoni-Bearbeitung, beschlossen das Programm und zeigten, zu welcher Hochform Laetitia Hahn schon jetzt im jugendlichen Alter in der Lage ist aufzulaufen – wunderbar im wahrsten Sinne des Wortes.

Ungläubiges Staunen, bewundernde Blicke und zunehmende Begeisterung entluden sich am Ende in euphorischem Beifall und führten natürlich zur Zugabe, der vierhändigen Version des 5. Ungarischen Tanzes von Johannes Brahms.

Der tiefe Seufzer eines älteren Herrn beim Verlassen des Konzertraums „Ich kann gar nicht glauben, dass so etwas möglich ist!“ drückt am ehesten aus, was sicherlich viele Zuhörer an diesem Abend empfunden haben. Vielleicht gibt es ja doch noch Wunder zwischen Himmel und Erde.

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