Deutsche und Türken

Schwieriger Tanz der Kulturen

"Zusammenleben zwischen Deutschen und Türkeistämmigen" Torsten Tullius mit zwei seiner Gäste, Kazim Erdogan und Erbil Eren.

"Zusammenleben zwischen Deutschen und Türkeistämmigen" Torsten Tullius mit zwei seiner Gäste, Kazim Erdogan und Erbil Eren.

Foto: Privat

Iserlohn.   Ein zur Zeit schwieriges Verhältnis, wenn Deutsche und Türken über Politik reden. Im Studiogespräch des Bürgerradios war das Thema kontrovers.

Viel wird derzeit über die Türkei und die hier lebenden Türkeistämmigen geredet. Grund ist die Politik von Staatspräsident Erdogan seit dem Putschversuch 2016. Diese Debatte belastet auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Menschen mit türkischen Wurzeln – ein guter Grund für das Bürgerradio, dem Thema nachzugehen. Die „Studiorunde“ bei „Radio Iserlohn“ hatte deshalb drei türkischstämmige Mitbürger aus Iserlohn zu Gast.

Wie schätzen sie das Zusammenleben in der kontroversen Situation ein, wie steht es um die Integration? Gäste im Studio am Theodor-Heuss-Ring waren Erbil Eren, Vorsitzende des Integrationsrats Iserlohn, Ufuk Kivrak, Metallschleifer aus Hemer, außerdem Kazim Erdogan aus Berlin, Vorsitzender des Vereins „Aufbruch Neukölln“.

1996 erschien einBlick in mögliche Zukunft

„Kampf“ oder „Tanz“ – wie bewerten die drei Diskutanten das derzeitige Verhältnis zwischen Deutschen und Türken? Samuel Huntington sorgte 1996 mit seinem Buch „Kampf der Kulturen“ für viel Aufsehen. Seine These: Die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts werde von harten Konflikten zwischen Kulturen geprägt, die um die Vorherrschaft ringen.

Eine Antwort auf diese Prognose gab zwei Jahre später Joana Breidenbach. In ihrem Text „Tanz der Kulturen“ betonte sie, dass kulturelle Welten sich durchdringen und voneinander profitieren.

Ob die türkische und die deutsche Kultur weiter voneinander profitieren können? „Das hängt davon ab, ob man das Glas halb voll oder halb leer sieht“, sagt Kazim Erdogan und nennt als Beispiel das Verfassungsreferendum 2017 in der Türkei, das Präsident Erdogan den Weg zu mehr Macht ebnete.

Heiß diskutiert wurde in der Folge, dass 63 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland „pro Erdogan“ stimmten. „Es gab einen öffentlichen medialen Aufschrei Man hat aber nicht darüber geredet, das etwa die Türken in Berlin zur Hälfte gegen das Referendum waren“, sagt Kazim Erdogan. Außerdem sei die Wahlbeteiligung sehr gering gewesen. „Von rund eineinhalb Millionen türkischen Staatsbürgern in Deutschland ging nur jeder zweite zur Wahl.“

Der Tanz ist etwas Wunderbares, was aber, wenn ein Partner nicht mittanzen will? CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sorgte mit seiner Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, da er hier keine kulturellen Wurzeln habe und den jüdisch-christlichen Wertekanon nicht teile, für eine erregte Debatte.

Ufuk Kivrak provoziert diese Aussage, er sieht sie aber im Zusammenhang mit den Landtagswahlen im Oktober in Bayern und rät zur Gelassenheit: „Das ist Tagespolitik, eine momentane Situation, die morgen keine Rolle mehr spielt.“ Gleichwohl räumt er ein, dass „das Wasser gelegentlich in“ ihm „kocht“. Ändern könne man an solchen Pauschalurteilen allerdings nichts, wie er resigniert feststellt: „Uns Bürgern bleibt nicht viel übrig, unsere Meinung kommt dort oben nicht an.“

„Tanzverweigerer“ sieht Erbil Eren aber auch in der türkischen Gemeinschaft: „Viele der hier lebenden Türken haben nicht gelernt, Situationen kritisch zu durchleuchten. Wenn jemand etwas gegen die eigene Position sagt, fühlt man sich angegriffen.“ Das sei ein Grund, warum manche Türken nur in der eigenen Kultur unterwegs wären. Trotz dieser Negativbeispiele ist das Glas des Zusammenlebens für Erbil Eren mehr als nur halb voll, schon als Kind machte sie gute Erfahrungen: „Ich bin mit sechs aus der Türkei zugewandert, eine ,Oma’ aus der Nachbarschaft hat mich zum Mittagessen empfangen, Nachbarn haben mir bei den Hausaufgaben geholfen.“

„Gelegentlich tritt mansich auch auf die Füße“

Ebenfalls gut in Deutschland integriert fühlt sich Ufuk Kivrak. „Ich bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, ich hatte auch kroatische und italienische Mitschüler. Es gab zwar Unterschiede, die aber kein größeres Problem waren“, sagt er. Auch mit seinen deutschen Kollegen bei Grohe in Hemer komme er trotz der Erdogan-Debatte bestens aus.

Kazim Erdogan ruft Deutsche und Türken dazu auf, „durch Kommunikation zu lernen und neue Wege“ im Miteinander „einzuschlagen“, denn: „Was wäre die Alternative?“ Der Tanz geht weiter, auch wenn man sich gelegentlich auf die Füße tritt.

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