Kunst

Sinne und Kameralinse scharf gestellt

Die Bilder von Dieter Nuhr hängen – dafür hat Galerie-Leiter Rainer Danne in dieser Woche höchstpersönlich gesorgt.

Die Bilder von Dieter Nuhr hängen – dafür hat Galerie-Leiter Rainer Danne in dieser Woche höchstpersönlich gesorgt.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Dieter Nuhr ist ein Kabarettist der leisen Töne. Und auch bei seiner Kunst legt er keinen großen Wert auf das laute Getöse

Auf der Bühne und im Fernsehen ist er stets so herrlich unaufgeregt, dieser Dieter Nuhr. Viele seiner Kabarett-Kollegen sind immer so unheimlich wütend, schreien ihre Wut raus, in der Hoffnung, dass möglichst viele allein schon darüber staunen, wie sich einer überhaupt traut, so wütend zu sein. Dieter Nuhr ist da eher ein leiser Mann. Und Malerei und Fotografie stehen ja auch nicht im Ruf, das ganz große Getöse bei Herstellung und Wirkung zu verursachen. Was aber nicht heißt, dass der 59-jährige Rheinländer nicht lang anhaltenden Nachklang produzieren würde. Zum Beispiel in der Städtischen Galerie Iserlohn mit seinen fotografische Arbeiten „Nah und fern“. Die Heimatzeitung hat mit dem Künstler, der seine Gedanken in Sekunden offenbar so scharf stellen kann wie seine Kameralinse und der es gern gelb, hell und freundlich mag, vorab gesprochen.

Herr Nuhr, Sie haben gesagt, Ihnen sei die bildnerische Arbeit genauso wichtig wie die Arbeit auf der Bühne. Angefangen mit dem Kunststudium sind Sie seit rund 40 Jahren kreativ unterwegs. War das immer Ihre Einstellung?

Ich bin schon als Schüler mit Künstlern zusammen gewesen. Das war für mich eigentlich ein natürlicher Werdegang. Das war ja auch so eine Zeit, in der man sich darum bemühte, das Leben anders zu gestalten, als vielleicht die Eltern es tun wollten. Ich bin zur Kunsthochschule gegangen, wollte Künstler werden, habe dann aber Lehramt studiert, um meine Eltern ein wenig zu beruhigen – und dabei ist es dann im Grunde geblieben. Ich bin zwar auf der Bühne gelandet, habe aber immer weiter auch Bilder gemacht. Beides sind ja künstlerische Berufe. Für mich ist das nicht unbedingt so unterteilt, wie das für Außenstehende aussieht.

Kommen Ihre Texte und auch die fotografischen Such-Ansätze eher aus der positiven oder doch eher aus der negativ-kritischen Ecke?

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Kritisch ist, was ich mache, auf jeden Fall. Kritik ist etwas, was man mit Worten und mit Argumenten übt und ist deswegen eher ein Ding, was mit meiner Bühnentätigkeit zu tun hat. Wenn Bilder anfangen, Kritik zu üben, dann bin ich immer ein wenig skeptisch. Was den Menschen über die Tiere erhebt, ist der Geist, der sich in Sprache äußert. Bilder haben eine andere Macht. Meine Bilder haben keinen kritischen Geist und keine politischen Inhalte.

Sondern?

Sie zeigen die Welt aus verschiedenen Gegenden. Aus allen Kontinenten nehme ich kleine Fundstücke mit. Spuren von dem, was Menschen hinterlassen haben. Daraus entstehen Bilder, die bestimmte Farbklänge haben oder eine bestimmte bildnerische Ordnung haben, die fast schon abstrakt wirken. Und das entzieht sich einer kritisch-sprachlichen Auseinandersetzung. Dadurch erlebt man die Welt, wie sie ist, als ein Feuerwerk aus Farbe, Form, Tönen und Eindrücken.

Ihre Bilder zeigen Erkennbares. Sie haben aber zu Beginn Ihrer künstlerischen Wegfindung sogar aus Spiegelreflexkameras durchaus die Linsen entfernt und damit gearbeitet, um dann festzustellen, dass es mit Linsen am Ende doch besser geht. Hört sich im ersten Moment lustig an, aber ist so etwas tatsächlich ein künstlerischer Reifeprozess?

Künstlerische Entwicklung sollte immer sein, denn ich habe keine Lust, über Jahrzehnte immer das gleiche zu machen. Ich habe gemalt und da geht es immer um rein malerische Probleme wie Farbe und Form. Ich habe versucht das Ganze zu objektivieren, indem ich mit Lochkameras gearbeitet habe. Daraus entstanden fast abstrakte Farbfeldbilder. Das war ein sehr spannender Prozess. Habe dann damit experimentiert, dass das, was da abgelichtet wurde, auch sichtbar und erkennbar wurde und bin am Ende bei der ganz normalen Fotografie mit Linsen gelandet. Das ist ein Prozess, der hätte auch andersherum laufen könne, wenn ich andere Prioritäten gehabt hätte. Wer Erfolg hat in der Kunst mit einer bestimmten Masche, wird dadurch eher behindert. Die Eintönigkeit, mit der manche Künstler an einer Art zu arbeiten hängen bleiben, ist oft nicht der Kreativität geschuldet, sondern dem Markt.

Suchen Sie Orte, die in Ihre Foto-Philosophie und in Ihr Weltbild passen oder finden die Orte Sie?

Ich versuche eigentlich, relativ flächendeckend über die Erde zu kommen. Was natürlich nur begrenzt möglich ist, weil es Orte gibt, die sich nur schwer bereisen lassen. Auch welche, die sich gar nicht bereisen lassen. An immer mehr Orten trifft man auch auf Gewalt. Meine Orte sind natürlich keine touristischen Orte. Da wird man kein Taj Mahal oder keinen Eiffelturm sehen. Man erkennt vielmehr abseitige Hauswände oder kleine Gegenstände, die liegengeblieben sind. Was wir da sehen, entspricht dem, wie wir auf die Welt blicken. Wir sehen ganz viele Kleinigkeiten und versuchen, daraus das Große zu destillieren.

Ich habe mir in Vorbereitung auf unser Gespräch zum Beispiel einmal Ihre Spanien-Serie angesehen. Ist das eine Kunst des Ausschnitts, des Zufalls, der Komposition – oder weil Sie, der berühmte Dieter Nuhr, es fotografiert haben?

Alles zusammen – außer der angeblichen Berühmtheit natürlich. Natürlich spielt der Zufall des irgendwo Vorbeikommens eine Rolle. Dann ist es auch eine Frage des Auges, die Fähigkeit, diese Dinge auch zu finden, bewusst durch die Welt zu gehen und kleine Ausschnitte zu suchen. Aber in erster Linie finden die Bilder mich.

Sie sagen: „Was mich am Reisen so fasziniert ist, dass man reisend lernt, dass auf dieser Welt die Masse des Unbegreiflichen die des Verstehbaren bei weitem überschreitet.“ Könnte das auch für Mallorca oder eine Billig-Kreuzfahrt gelten?

(lacht) Das ist jetzt nicht der Inbegriff dessen, was ich unter Reisen verstehe.

Ich zitiere Sie noch einmal: Sie sprechen in einem Text auf Ihrer Homepage über Ihre Arbeiten von einem „melancholischen Blick auf die Rätselhaftigkeit des Daseins“. Wäre der Begriff „Menschenunwürdigkeit des Daseins“ nicht treffender?

Überhaupt nicht. Das Dasein kann gar nicht menschenunwürdig sein, weil wir in einem Naturkreislauf leben, den wir gar nicht durchbrechen können. Sie spielen wahrscheinlich darauf an, dass meine Bilder oft Patina haben oder Verfall zeigen.

Abgeblätterte Farbe oder Schrott . . .

Genau. Das sind alles Gegenstände, die in meinen Bildern so etwas wie eine Würde zurückerlangen, weil sie Teil eines Bildes oder einer Ordnung werden. Ich finde zum Beispiel gerade die Bilder mit der abgeblätterten Farbe sehr heiter. Weil die Spanien-Bilder gelbe und rote Töne transportieren, ziehen sie aus einem Objekt, das dem Verfall gewidmet ist, eine Art Schönheit und Würde heraus, die ihm praktisch neues Leben einhauchen, einen neuen Wert geben.

Sie beklagen, die Medien zeigten ausschließlich die Abweichung vom Normalen. Dann hält man irgendwann die Abweichung für die Normalität. Zeigen Ihre Bilder die Realität oder auch nur die Abweichung vom Normalen?

Beides. Das ist eigentlich eher ein Mittelding. Es sind keine Orte, die gestaltet wurden, um fotografiert zu werden. Es sind extrem normale Dinge, die ich fotografiere. Auf der anderen Seite sind es natürlich von mir ausgewählte Gegenstände, die irgendeinen Reiz haben. Somit zeigen sie natürlich auch das Besondere.

Sie sagen: „Wir haben seit über 70 Jahren Frieden. Aber wenn Sie Nachrichten gucken, da denken Sie, wir leben an der Front. Nur Katastrophenbilder – und unser Gehirn hat es nicht gelernt, mit dieser Bilderflut umzugehen.“ Wo hat im Leben und den Bildern von Dieter Nuhr dennoch der Optimismus Platz, wenn Sie gleichzeitig der Meinung sind „Ich hatte noch nie so oft das Gefühl, die hamse nicht mehr alle.“?

Ich bin ja durchweg ein sehr optimistischer Mensch. Dafür werde ich ja auch oft sehr kritisiert. Meine Welt ist die Normalität und deshalb erkenne ich, dass Milliarden Menschen in einem noch nie dagewesenen Wohlstand existieren, dass die Situation der Menschheit besser ist als jemals zuvor. Das ist eine statistische Wahrheit, die man nicht übersehen kann, wenn man nicht einen negativen, depressiven Blick auf die Welt hat, der mit dem eigenen Dasein und mit der eigenen Psyche zu tun hat. Das ist ein spezifisch deutsches Trauma, so auf die Welt zu gucken. Aber natürlich ist das Leben des einzelnen immer noch ein Kampf, der bei uns allerdings falsch als negative Eigenschaft der Menschheit interpretiert wird.

Suchen die Besucher Ihrer Ausstellungen nicht oft auch oder gerade den lustigen Aspekt an Ihren Fotos?

Nee, mittlerweile sind die Bilder wohl so bekannt, dass keiner mehr auf die Idee kommt, da vorbeizukommen, weil er irgendwelche Pointen erwartet. Ich stelle seit zehn Jahren regelmäßig aus. Die Leute, die da kommen, interessieren sich für die Bilder. Das ist kein Promi-Tourismus. Die Leute kommen auch in großer Zahl, wenn ich nicht da bin.

Können Bilder eher einen Prozess des Nachdenkens anregen als Texte?

Im Gegenteil. Bilder lösen Assoziationen oder Emotionen aus. Deswegen halte ich sie im politischen Prozess auch für gefährlich. Bilder waren sehr oft Anlass für Gewalttaten oder politische Entwicklungen, die emotional geprägt waren. Politik sollte man eher rational und argumentativ bearbeiten.

Eine Inderin in Jaipur hat Sie – wenn auch eher zufällig – bereits auf offener Straße erkannt. Bietet die Fotografie Ihnen die Möglichkeit, sich auch international künstlerisch noch deutlicher einen Namen zu machen?

Das ist mir eine große Freude, dass das international geworden ist. Ich stelle jetzt in St. Petersburg im Puschkin-Museum aus, habe letztes Jahr im chinesischen Chengdu in einem großen Museum ausgestellt. Bald geht es nach Marbella. Das sind Dinge, die mir Freude machen, weil die Sprache mich eben auf den deutschsprachigen Raum beschränkt und weil ich jetzt künstlerisch in Räume komme, in die ich mit meiner Sprache nie gekommen wäre.

Sie wollen sich erst ausruhen, wenn Sie tot sind. Gibt es bis dahin noch kreative Lücken, die Sie gerne füllen möchten?

Ich habe ja jetzt schon ein bis zwei Leben zu wenig. Ich bin sehr gespannt, was noch kommt. Ich habe vor, mich noch weiterzuentwickeln, nicht stehen zu bleiben. Und wenn mein Antrag, dass der Tag 36 oder gern auch 48 Stunden hat, durchkommt, werde ich auch noch Neues schaffen. Sonst wird es wohl etwas eng.

Viel Erfolg dafür und für Ihre Ausstellung in Iserlohn.

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